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Plötzlich 80: Altern für Nachsicht

Die 23-jährige Schülerin Lisa Blümel lässt sich von Ausbilderin Monik Poetschke um etwa 60 Jahre "älter machen".
Die 23-jährige Schülerin Lisa Blümel lässt sich von Ausbilderin Monik Poetschke um etwa 60 Jahre "älter machen". FOTO: Anja Hummel
Hoyerswerda. Ein schwarzer Anzug simuliert, wie sich der Alltag für Senioren anfühlt. LR-Volontärin Anja Hummel und Schüler des Berufsschulzentrums Hoyerswerda ließen sich in einem Experiment "älter machen". Anja Hummel

Ein unangenehmes Ziehen fährt durch meinen linken Arm. Genau wie der rechte fühlt er sich schwer und ein wenig steif an. Mittlerweile habe ich das kleine Portemonnaie geöffnet. Ich schaue hinein und erkenne mehrere Centstücke. Ich brauche exakt 25. Mit den ungelenken Fingern greife ich eine Münze, die ich mir zwischen Daumen und Zeigefinger geklemmt dicht vor das Gesicht halten muss. Schwerlich erkenne ich: Es sind 20 Cent. Ein Glücksgriff. Ich suche Münze für Münze weiter, bis ich das noch fehlende zweite Kupferstück endlich in der Hand halte.

Was für mich normalerweise ein Klacks ist, dauert plötzlich zehnmal länger. Schuld daran ist eine schwere schwarze Ausrüstung, die mich innerhalb weniger Minuten um gut 50 Jahre altern lassen hat.

Den dreiteiligen Alterssimulationsanzug nach Hoyerswerda mitgebracht hat Monik Poetschke. Die Ausbilderin von der HEC-Bildungsakademie Kamenz "verwandelt" regelmäßig junge Leute in Senioren. "Wir bilden Alten, Kranken- und Heilerziehungspfleger aus. Damit sie sich besser in die älteren Leute hineinversetzen können und mehr Empathie entwickeln, sollen sie im ersten Lehrjahr den Anzug testen", erklärt Monik Poetschke.

Dieses Mal ist sie am Beruflichen Schulzentrum "Konrad Zuse" Hoyerswerda zu Gast. Das "Transformations-Outfit" bekommen hier die Schüler aus dem Berufsvorbereitungsjahr Gesundheit und Pflege umgeschnallt. Der Anzug besteht aus Weste, Schulterteil und Gewichten für Beine und Füße. Außerdem gibt es einen Helm. "Auf dem Visier können verschiedene Folien angelegt werden, die unterschiedliche Augenkrankheiten simulieren wie zum Beispiel den grauen Star", erklärt Monik Poetschke, während sie die schwarze Haube auf dem Kopf von Schülerin Lisa Blümel an der Weste befestigt. "Durch elastische Seile wird die Bewegungsfreiheit im Kopfbereich eingeschränkt."

Die 23-jährige Schülerin geht ihre ersten Schritte als Seniorin. Schlurfend dreht sie eine Runde durch das Klassenzimmer. "Das läuft sich ganz komisch", ruft sie, ihre Klassenkameraden amüsieren sich. Dabei stehen die wirklich schwierigen Aufgaben noch bevor. Brötchen schmieren und Nadelarbeit zum Beispiel. Mit einer Mini-Schere versucht sie vergeblich, einen Faden zu durchtrennen. Ihre Geduld scheint strapaziert, immer wieder flucht die junge Frau. Beim Nadelöhr-Durchfädeln muss sie passen. "Das Greifen ist wirklich schwierig. Und je öfter ich vom Stuhl aufgestanden bin, desto mehr hat die Kraft in den Armen nachgelassen", resümiert Lisa Blümel. "Und wie ich schwitze", ruft sie gleich hinterher. Derzeit macht sie ein Praktikum im "Marthastift" Bautzen, einer Wohneinrichtung für Senioren. "Das Experiment hilft schon nachzuvollziehen, warum man mit älteren Menschen geduldig sein muss", findet sie.

Mal am eigenen Leib erfahren, wie es Senioren im Alltag ergeht, sollte Sinn und Zweck der Simulation sein, wie Berufsschullehrerin Sylke Reuß erzählt. "Sie arbeiten tagtäglich mit diesen Menschen zusammen. Der Anzug bringt ihr Feingefühl noch mal auf eine andere Erfahrungsebene." Dass Sylke Reuß eine Vorliebe für aktive Lernprozesse hat, beweist sie den Berufsschülern nicht zum ersten Mal: "Sie haben auch schon einmal im Rollstuhl die Stadt erkundet." Gemeinsam mit Schulsozialarbeiter Manfred Scheffler hat sie Idee und Umsetzung der Alterssimulation in die Wege geleitet. Und die Resonanz der Schüler ist richtig gut, wie der Sozialarbeiter findet. Das kann Monik Poetschke nur bestätigen. Regelmäßig ist sie mit der Alterssimulation auf regionalen Messen vertreten, um für Nachwuchs zu werben. "Altenpfleger werden immer noch gesucht", sagt die 48-Jährige.

Wie wichtig die Unterstützung der älteren Generation ist, bemerke auch ich an meiner letzten Alltagstest-Station im Klassenzimmer: Lesen und Schreiben. Durch die am Helm befestigte Folie erkenne ich kaum die Konturen, führe den Stift quasi blind über das Papier. Ich kneife die Augen fest zusammen und muss schließlich schummeln, in dem ich unter der Folie hindurchschiele. Nur so kann ich die Buchstaben auch entziffern. Wohlwissend, dass Senioren solch einen Schummel-Ausweg leider nicht mehr haben. Weder beim Lesen, noch beim Münzenzählen an der Kasse.