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Osterbrauch
Tradition trotzt Regen und Kälte

Die Ostersängerinnen in Schwarzkollm mussten in diesem Jahr Regen und Kälte trotzen. 17 Frauen ließen sich dennoch nicht vom Wetter abschrecken und erfüllten den alten Karsamstag-Brauch mit Leben. Um die Trachten zu schonen, zogen die Sängerinnen Regencapes über.
Die Ostersängerinnen in Schwarzkollm mussten in diesem Jahr Regen und Kälte trotzen. 17 Frauen ließen sich dennoch nicht vom Wetter abschrecken und erfüllten den alten Karsamstag-Brauch mit Leben. Um die Trachten zu schonen, zogen die Sängerinnen Regencapes über. FOTO: Rainer Könen
Schwarzkollm. Beim Ostersingen in Schwarzkollm wurden die Sängerinnen diesmal vom Regen überrascht. Von Rainer Könen

17 Grad und eine vom Himmel lachende Sonne. So ein frühlingshaftes Wetter hatte sich Marie-Sophie Stephan für diesen Tag gewünscht. Und man kann annehmen, dass auch die anderen Sängerinnen, mit denen die 19-jährige Studentin an diesem Ostersamstag durch Schwarzkollm schreitet, auf derart wohlige Temperaturen hofften.
Seit Beginn der Fastenzeit, seit etwas mehr als sechs Wochen, haben sich Marie-Sophie Stephan und die anderen Frauen im Alter von 15 bis 45 Jahren auf das traditionelle Ostersingen, auch sorbisches Passionssingen genannt, vorbereitet. Die Frauen haben das deutsch-sorbische Liedgut fleißig geprobt.
Eine halbe Stunde vor Beginn ist es auf dem Schwarzkollmer Dorfplatz still. Gelegentlich kommt aus dem Frentzelhaus eine der in sorbisch-evangelischer Abendmahls­tracht gekleideten Frauen, um sich vor dem österlich-geschmückten Brunnen fotografieren zu lassen. Mit der Ruhe ist es vorbei, als der Schwarze Müller alias Dieter Klimek mit einer Besuchergruppe im Dorfzentrum auftaucht. Kurz darauf biegt noch ein Reisebus auf den Dorfplatz ein. An den Fensterscheiben des Busses drücken sich einige Senioren die Nasen platt. Wann geht es hier los? Fragende Blicke. Der Bus versperrt den Weg. Mühsames Rückwärtsrangieren.

Als die Kirchturmuhr an diesem Karsamstag zum fünften Mal schlägt, kommen 17 Mädchen und Frauen, angeführt von Kantorka Marie-Sophie Stephan, der Vorsängerin, aus dem Frentzelhaus.
Seit 2010 ist in Schwarzkollm die alte Tradition des Ostersingens wieder zum Leben erweckt worden. Eine Tradition, die bis 1939 in dem Dorf gepflegt und dann von den Nationalsozialisten verboten wurde. Erst vor acht Jahren belebten einige Frauen des örtlichen Chores diese vorösterliche Ritual wieder. Seither wird das Ostersingen durchgeführt, gehen am Ostersamstag in Trauertracht gekleidete Frauen singend und betend durch den Ort.

Früher waren es immer unverheiratete Frauen, die dieses Ostersingen zelebrierten. Heutzutage gebe es unter den Teilnehmerinnen nur noch eine Handvoll lediger Frauen, erzählt Kantorka Marie-Sophie Stephan.
Rund 200 Menschen, Touristen und Einheimische haben sich mittlerweile auf dem Dorfplatz versammelt, schauen interessiert zu, wie die in die schwarze Tracht gekleideten Frauen den Brunnen zwei Mal umschreiten. Feuerwehrleute begleiten die Ostersängerinnen, sichern deren Umzug ab. Es geht in Richtung Bahnhof, zum unteren Dorf. Langsam bewegen sich die Frauen über die Dorfstraße. „Wirst du wohl still sein“, ermahnt eine Frau ihr Kind, als dieses ihr etwas zurufen will. Niemand soll, niemand will die singenden, in sich gekehrten Frauen, stören.

Nach rund 500 Metern bleibt die kleine Prozession stehen. Der Regen ist stärker geworden. Schirme werden herausgeholt, Kapuzen aufgesetzt. „Bisher hatten wir beim Ostersingen mit dem Wetter immer Glück“, erzählt eine Schwarzkollmerin. Heute nicht. Die Tropfen prasseln jetzt heftig. Unweit der evangelischen Marienkirche werden die Gesangsbücher zugeklappt, nesteln die Frauen um Kantorka Marie-Sophie Stephan an ihren Röcken, holen Regencapes heraus.
Die 19-jährige Marie-Sophie hatte vor zwei Jahren ihre Mutter Silvia abgelöst, die beim Ostersingen jahrelang Vorsängerin war. Sicher auch, weil sie das Anforderungsprofil dieser Funktion erfüllte: Die ehemalige Schülerin des Hoyerswerdaer Lessing-Gymnasiums, die in Dresden Sozialpädagogik und Sozialarbeit studiert, ist musisch begabt, spielt Orgel. Für sie und für die übrigen Frauen sei es „eine große Ehre, diese Tracht zu tragen“, erzählt sie. Natürlich mache sie auch mit, weil sie das Gemeinschaftsgefühl in dieser Gruppe sehr schätze. Vor allem aber findet die 19-jährige Studentin es gut, dass sie ein Teil dieser Tradition sein darf. Die gelebtes Heimatgefühl ist.

Der Himmel hat sich weiter verfinstert. Unter den Hoftoren suchen die Bewohner Schutz, schauen den gemächlichen Schrittes dahinziehenden Frauen zu. Am Ortsende angekommen, wird in einem der Höfe ein Zwischenstopp eingelegt. Eine Pause, um sich kurz aufzuwärmen. „Ich denke, die werden das heute bestimmt schnell durchziehen“, hört man am Straßenrand. Wen wundert es, bei diesem garstigen kalten Wetter.
Schlusspunkt der Runde durch den Ort ist die Marienkirche, die die Frauen nach einer knappen Stunde betreten. Durchfroren wirken sie. Aber alle Teilnehmerinnen schauen auch zufrieden drein, weil sie die Tradition des Ostersingens an diesem Tag in Schwarzkollm wieder mit Leben erfüllt haben.