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Lausitzer Bräuche
Osterreiter sorgen für Kirchenbeben

Einzug der Ministranten sowie der Kirchenmänner in den Dankesgottesdienst der Osterreiter.
Einzug der Ministranten sowie der Kirchenmänner in den Dankesgottesdienst der Osterreiter. FOTO: Richter-Zippack
Rosenthal/Wittichenau. 750 Sorben strömen zu besonderem Gottesdienst nach Rosenthal. Deutschsprachige Reiter Freitag in Wittichenau. Von Torsten Richter-Zippack

Osterdienstag kurz vor 19 Uhr in der Rosenthaler Wallfahrtskirche: Eine ganz besondere Stimmung hat den Innenraum des Gotteshauses erfasst. Rund 750 Gläubige sitzen dicht an dicht, viele haben sich eigene Klappsitze mitgebracht, nicht wenige stehen. Trotz der vielen Menschen ist nicht ein einziges Wort zu hören. Die Pathetik dieses Momentes scheint mit den Händen greifbar. Minuten später wird das Kircheninnere vom Gesang hunderter Oster- beziehungsweise Kreuzreiter erfüllt. Zeit für Gänsehautgefühle. Das Gotteshaus beginnt am wahrsten Sinne des Worten zu beben.

Von den insgesamt 1505 Osterreitern dankt etwa die Hälfte an diesem Dienstag in der Wallfahrtskirche für den himmlischen Schutz der Prozessionen vom Ostersonntag. Großväter, Väter und Söhne haben mit Gottes Hilfe die Botschaft der Auferstehung singend und betend übers Lausitzer Land getragen. Zum Rosenthaler Gottesdienst sind sie freilich nicht per Pferd, sondern mit Auto, Bus, Fahrrad oder zu Fuß gekommen.

Einer von ihnen ist der Sollschwitzer Tierarzt Dr. Peter Bresan. „Für mich besitzt neben der Reiterprozession der Dankesgottesdienst der Osterreiter eine ganz besondere Bedeutung. Schließlich drohen auf unseren Prozessionen mehrere Gefahren. Zum einen sind viele Reiter mit ihren Pferden nicht vertraut. Zum anderen ist das Wetter ein Unsicherheitsfaktor.“ Ostern 2018 dürfte, so Bresan, Eingang in die „härteren Jahre“ finden. Denn starker Wind, der durchaus die Zylinder von den Köpfen hätte reißen können, und Schneeregen, haben die Prozession nicht unbedingt zu einem Spaziergang gemacht. Dennoch gilt: „Geritten wird immer“, sagt Peter Bresan. Mit seinen 73 Teilnahmen am Wittichenauer Kreuzreiten ist der Sollschwitzer ohnehin absoluter Spitzenreiter. Er selbst sei während dieser fast siebeneinhalb Jahrzehnte lediglich zweimal vom Pferd gefallen. „Einmal habe ich in unserer Partnergemeinde Ralbitz den falschen Zügel erwischt. Aber es ist nichts weiter passiert.“

Dr. Peter Bresan (vorn, r.) ist in diesem Jahr zum 73. Mal in der Prozession der Wittichenauer mitgeritten.
Dr. Peter Bresan (vorn, r.) ist in diesem Jahr zum 73. Mal in der Prozession der Wittichenauer mitgeritten. FOTO: Richter-Zippack

Weniger Glück hatte dagegen der Ralbitzer Journalist Rafael Ledschbor: „Beim Osterreiten im Jahr 2015 hatte sich das Vorderpferd erschrocken. Es schlug aus und traf mich am Unterschenkel.“ Anschließend stellten sich deswegen massive gesundheitliche Probleme ein, an deren Folgen Ledschbor bis heute leidet. Er wisse, dass während des Dankesgottesdienstes der Osterreiter indirekt an ihn erinnert und Gottes Segen für die Heilung erbeten wurde. Jetzt hat der Ralbitzer ein großes Ziel: „Ostern 2019 will ich unbedingt wieder mitreiten.“ Bislang kann Rafael Ledschbor auf 30 Teilnahmen verweisen.

Der Dankesgottesdienst der Oster- und Kreuzreiter in seiner heutigen Form geht nach Angaben des Bautzener Dompfarrers Veit Scapan auf den Zweiten Weltkrieg zurück. „Nach den damaligen Ereignissen hatten sich viele Männer geschworen, einmal im Jahr die Rosenthaler Wallfahrt zu besuchen.“ Daraus sei der Dankesgottesdienst der Reiter hervorgegangen. Scapan selbst hat zu Ostern ebenfalls hoch zu Ross die Auferstehung verkündet, und zwar zum 39. Mal. Für ihn bedeutet die osterdienstägliche Wallfahrt ein Dankeschön an den Herrn, das Osterreiten durchführen zu können.

Heinrich Timmerevers, Bischof des Bistums Dresden-Meißen, findet für die Osterreiter besonders ehrvolle Worte: „Aufgrund des Wetters vom vergangenen Ostersonntag hätte man ans Aufgeben denken können. Aber Sie haben trotz des heftigen Windes nicht aufgegeben und bewiesen, dass Sie auch Gegenwind aushalten können. Das verdient höchsten Respekt.“

Peter Bresan gewinnt dem Wetter durchaus etwas Positives ab: „Der heilige Geist ist stürmisch auf uns Reiter hernieder gekommen. Auch das ist für mich ein Symbol für die Auferstehung Jesu.“ Während des Dankesgottesdienstes der Osterreiter betet Bresan für einen besonderen Wunsch. „Ich möchte natürlich auch im nächsten Jahr wieder auf dem Pferd die Osterbotschaft verkünden. Und auch im übernächsten Jahr. Dann bereits zum 75. Mal“, sagt der 85-Jährige.

Indes findet an diesem Freitag in der Wittichenauer Pfarrkirche ein zweiter Dankesgottesdienst der Kreuzreiter statt. Warum, erklärt der örtliche Prozessionsleiter Steffen Kobalz so: „Unsere Reiter sind zweisprachig. Die Sorbischsprechenden fahren in die Rosenthaler Kirche, die Deutschen kommen nach Wittichenau.“ Während des diesjährigen Kreuzreitens der Wittichenauer nach Ralbitz waren von den 395 angemeldeten Teilnehmern 180 deutschsprachig. Kobalz rechnet während des Wittichenauer Dankesgottesdienstes mit bis zu 200 Gläubigen. Den Pferden werde indes direkt nach dem Osterritt gedankt, erklärt der Wittichenauer Pfarrer Gabriel Nawka. „Die Tiere werden anerkennend abgeklopft. Zudem erhalten sie alles, was sie an Nahrung brauchen.“