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Oft fehlt noch der Deckel zum Topf

Küchenchef René Bellgardt sucht noch einen passenden Lehrling, der wie "der Deckel auf den Topf" zum Häuslerschenken-Team passt.
Küchenchef René Bellgardt sucht noch einen passenden Lehrling, der wie "der Deckel auf den Topf" zum Häuslerschenken-Team passt. FOTO: ahu
Hoyerswerda. Während rund 150 Lehrlinge in und um Hoyerswerda seit ein paar Wochen ihren neuen Ausbildungsbetrieb kennenlernen, hoffen viele Betriebe noch auf den "Last-Minute-Azubi". Bewerbungen kommen immer seltener an. Anja Hummel

René Bellgardt steht alleine in der Küche der Häuslerschenke Rachlau. Seit fast drei Jahren ist er hier der Chef hinterm Herd, zwei junge Leute hat er schon zum Koch ausgebildet. Er würde es gerne wieder tun. Was ihm dazu fehlt, sind die Azubis.

Nur zwei Bewerbungen haben in diesem Jahr den Weg in die Gaststätte gefunden. "Der Eine erschien gar nicht erst zum Gespräch und die zweite Bewerbung war nicht ganz fehlerfrei", erzählt der 37-Jährige. Das Häuslerschenken-Team besteht derzeit nur aus ihm, einer Teilzeitkraft und Inhaber Frank Seeliger. Der muss eingestehen, dass "die Arbeitssituation nicht die Beste ist". Dass er einen Lehrling sucht, habe er nicht nur in seiner Menü-Karte vermerkt und in einer Zeitungsannonce beworben. "Die Azubi-Stelle zum Koch ist auch bei der Arbeitsagentur gemeldet", sagt Frank Seeliger.

Dass der Gaststätten-Inhaber mit dem Problem einer unbesetzten Ausbildungsstelle in Hoyerswerda und Umgebung nicht alleine da steht, zeigen die aktuellsten Zahlen der Agentur für Arbeit: Von den insgesamt 239 gemeldeten Stellen waren noch im August 85 unbesetzt. Damit sind es zwar fast 20 offene Azubi-Stellen weniger als im Vorjahr, gleichzeitig aber hat auch die Gesamtzahl der gemeldeten Stellen abgenommen.

Corina Franke, Sprecherin der Agentur für Arbeit Bautzen, muss feststellen, dass "nicht mehr alle offenen Ausbildungsstellen besetzt werden können". Im August gab es ganz einfach mehr offene Lehrlingsstellen als Ausbildungssuchende. "Die Zahl der Bewerber hat abgenommen", sagt die Sprecherin. Gründe für den Rückgang: 25 Prozent der Oberschüler besuchten eine weiterführende Schule und Abiturienten würde es vermehrt zum Studium ziehen.

Auch Bäckerei Pieprz würde gerne zum Bäcker ausbilden und preist die Stelle auf der Internetseite an. "Das hat in diesem Jahr aber nicht geklappt", sagt Sylvana Menzel aus der Personalabteilung der Hoyerswerdaer Bäckerei. Dabei umfasse das Arbeitsgebiet eines Bäckers so viel mehr als Brot und Brötchen backen. "Da ist Kreativität gefragt", weiß sie.

Auch für einen Koch-Lehrling gehöre Kreativität zum Arbeitsalltag, erzählt Küchenchef René Bellgardt. Er selbst hat für die Häuslerschenke beispielsweise ein komplettes "Knoblauch-Menü" kreiert, inklusive Knoblauch-Eis als Dessert. Der Job sei deshalb nicht nur abwechslungsreich, sondern auch ein "sicherer Berufszweig", wie Bellgardt findet. "Essen werden die Leute immer", sagt der Lohsaer. Mit besonderen Angeboten könne man auch die Gästezahlen halten. In der Häuslerschenke hätte der Lehrling außerdem nicht lange den Kartoffelschäler in der Hand. Wegen der knappen Belegschaft käme er "schnell an den Herd". Trotz vieler Vorzüge, gebe es immer noch die unterschiedlichsten Gründe, weshalb potenzielle Azubis nicht anbeißen, weiß Corina Franke. "Die Bewerber erfüllen nicht die gewünschten Anforderungen der Arbeitgeber, sie wohnen nicht in der Nähe des Betriebes oder haben andere Berufswünsche." Besonders die Gastro-Branche habe es schwer, fündig zu werden. Rein rechnerisch konnte ein Ausbildungssuchender im August zwischen zwölf offenen Stellen im Landkreis Bautzen wählen. Am gefragtesten ist der Verkäufer: Hier standen im Schnitt zwei Bewerber einer Azubi-Stelle gegenüber.

Für Frank Seeliger steht auf jeden Fall fest, dass sein Küchenchef nicht mehr auf ewig alleine die Gäste beköstigen kann. "Wenn wir niemanden mehr finden, können auch keine großen Feiern mehr stattfinden", sagt er. Zur Not müsse er nach einer Küchenhilfe Ausschau halten.

Zum Thema:
Insgesamt 1611 Berufsausbildungsstellen sind bei der Arbeitsagentur in Bautzen gemeldet (Stand August 2016). Das sind 89 mehr als noch im Vorjahr. Von den Azubi-Stellen im gesamten Landkreis sind516 noch unbesetzt. 322 Ausbildungssuchende stehen dem gegenüber. Damit können nicht mehr alle offenen Ausbildungsplätze besetzt werden. Generell habe die Zahl der Bewerber laut Agentur für Arbeit im Landkreis abgenommen.