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| 22:11 Uhr

Oberlausitz
Experten sehen Orgelkultur in Gefahr

Die Silbermann-Orgel in der evangelischen Kirche in Crostau ist die berühmteste ihrer Art in Sachsen. Kantor Lucas Pohle musiziert an ihr.
Die Silbermann-Orgel in der evangelischen Kirche in Crostau ist die berühmteste ihrer Art in Sachsen. Kantor Lucas Pohle musiziert an ihr. FOTO: Arno Burgi
Bautzen. Der Welterbe-Titel ist kein Grund zur Euphorie. Bei der jüngeren Generation gibt es nur noch wenig Interesse. Von Uwe Menschner

Der Fürst-Pückler-Park in Bad Muskau ist nicht mehr das einzige Weltkulturerbe, das die Oberlausitz vorweisen kann. Denn am deutschen Orgelbau und der Orgelmusik, die unlängst auf die entsprechende Liste aufgenommen wurden, hat auch die Oberlausitzer Region einen enormen Anteil. Zu den unzähligen kulturhistorisch wertvollen Instrumenten (nicht nur) in den Kirchen der Landkreise Bautzen und Görlitz kommen auch mehrere Werkstätten, die dieses alte und doch moderne, und dabei höchst anspruchsvolle Handwerk pflegen.

„Prägend hinsichtlich des Orgelbestandes sind die evangelischen Kirchen und Kapellen“, stellt Jiri Kocourek, Vorstandsmitglied der Johann-Sebastian-Bach Stiftung Leipzig, in seiner 2000 erschienenen Abhandlung „Orgelland Sachsen“ fest. Die wohl berühmteste Orgel „hierzulande“ ist die Silbermann-Orgel in der evangelischen Kirche Crostau (Stadt Schirgiswalde-Kirschau). Ihre nächstgelegene „Schwester“ befindet sich in Großkmehlen (Landkreis OSL). Auch Hoyerswerda verfügt mit der Eule-Orgel in der Johanneskirche  aus dem Jahr 1967 (1992 und 2009 überholt) und mit der Jehmlich-Orgel in der Pfarrkirche Heilige Familie (von 1953) über bemerkenswerte „Königinnen der Instrumente.“

Im Bereich Weißwasser finden in der einschlägigen Literatur insbesondere die Orgeln von Daubitz (Schlag & Söhne, Schweidnitz, von 1916, 2007/08 restauriert) und von Klitten (Schuster, Zittau, von 1950) Erwähnung.

Doch wie steht es heutzutage um die Oberlausitzer Orgellandschaft und um die Beachtung der Orgeln als Bestandteil der regionalen Kultur? Orgelbauer und Musiker treffen dazu eine differenzierte Einschätzung. „Die Aufnahme ins Weltkulturerbe ist eine Wertschätzung für alle, die sich mit Orgelbau und Orgelmusik auseinandersetzen. Insofern kann das auch fruchtbringend und belebend für die hiesige Orgellandschaft sein“, meint beispielsweise Michael Vetter, Kirchenmusikdirektor im Evangelisch-Lutherischen Kirchenbezirk Bautzen. Und weiter: „Über den Titel wird bewusst, das es sich da um ein Kulturgut handelt, das weit über den kirchlichen Bereich hinausweist und die gesamte Kulturlandschaft betrifft.“ Insofern wünscht sich Vetter eine stärkere mediale Wahrnehmung – nicht nur für die Instrumente an sich, sondern auch für die Orgelkonzerte, die „immer wieder und regelmäßig“ in der Region stattfinden.

Lucas Pohle kennt die bereits erwähnte Silbermann-Orgel sicher besser als irgendjemand sonst, darf er sie doch als Organist der Evangelisch-Lutherischen Kirchgemeinde Crostau berufsmäßig spielen. „Von dem kleinen, treuen Kreis an Orgelinteressierten abgesehen, ist das wertvolle Gut der Orgeln und der noch reich vorhandenen Kultur der Orgelkonzerte für viele Menschen uninteressant“, stellt er bedauernd fest. „Die Aufnahme ins immaterielle Welterbe kann hier als verdiente Auszeichnung dienen, die diese hoffentlich stärker in den Blickpunkt rückt.“ Denn trotz der Bewunderung, die die kulturhistorisch herausragenden Instrumente erfahren, sieht der Crostauer Kantor die regionale Orgellandschaft in Gefahr: „Trotz einzelner Restaurierungen und weniger Neubauten ist mit Beunruhigung festzustellen, dass die soliden, aber nicht in der Berühmtheit und Klanggüte in allererster Reihe stehenden Instrumente zum Teil in sehr schlechtem Zustand sind und der finanzielle Einsatz dafür gescheut wird.“ Hier stünden in erster Linie die Kirchen als Eigentümer in der Verantwortung. Ebenso dafür, „das bereits zu stark ausgedünnte Netz an Kirchenmusikern und Organisten wieder zu stärken, seriöse und doch attraktive Angebote zur Nachwuchsarbeit zu machen und das Interesse am Erhalt der Orgelkultur nicht an nackten Zahlen abzulesen.“

Immerhin gibt es für Lucas Pohle auch positive Aspekte: „Ein Glücksumstand ist in der Lausitz das Vorhandensein verhältnismäßig vieler Orgelbaufirmen im Vergleich zu anderen Regionen. So kann - wenn der Wille da ist - die Pflege der Instrumente recht unkompliziert erfolgen.“

Eine dieser Firmen ist die des Orgelbaumeisters Ekkehart Groß in dem kleinen Dorf Waditz, einem Ortsteil der Gemeinde Kubschütz. Die Werkstatt ist mit 27 Jahren noch recht jung und hat unter anderem Orgeln für Kirchen in Schmeckwitz, Horka (bei Niesky), Magdeburg und Krakow gebaut. Auch Groß sieht angesichts des Welterbetitels keinen Grund zur Euphorie: „Es fehlt handwerklicher, künstlerischer und touristischer ‚Nachwuchs‘ im und für den Orgelbau. Das Interesse am Hören von Orgelmusik ist eher in der betagteren Generation verbreitet. Die Jugend interessiert sich nicht dafür. Auch tragen die stark rückläufigen Kirchengängerzahlen nicht gerade zur Popularität der Orgel bei“, erklärt er. Orgelmusik und „klassische Kultur im besten Sinne“ sollten viel stärker in den Mittelpunkt des Bewusstseins gerückt werden. Die Politik sollte die territorialen ‚Randgebiete‘, zu denen auch die Lausitz zähle, mehr und zügiger fördern, um die Abwanderung und Ausdünnung der Bevölkerung in einen rückläufigen Trend umzuwandeln. Davon könne, wie alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, auch die Orgelkultur profitieren, meint Ekkehart Groß.

Kantor Danny Schmidt freute sich dazumal über die 2014 fertiggestellte Restaurierung der Orgel in der Bautzener Michaeliskirche.
Kantor Danny Schmidt freute sich dazumal über die 2014 fertiggestellte Restaurierung der Orgel in der Bautzener Michaeliskirche. FOTO: Uwe Menschner