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Oberlausitzer Dohlen geht es schlecht

Die Dohle war Vogel des Jahres 2012. Das Tier gehört zur Familie der Rabenvögel und ist der kleinste Vertreter der Raben und Krähen.
Die Dohle war Vogel des Jahres 2012. Das Tier gehört zur Familie der Rabenvögel und ist der kleinste Vertreter der Raben und Krähen. FOTO: R. Fischer/rfs1
Bautzen/Hoyerswerda. Krähen, Raben, Dohlen: Für viele Menschen handelt es sich um vorwiegend schwarze Vögel, die mit nicht gerade positiven Eigenschaften in Verbindung gebracht werden. Unglücke, Kriege und Krankheiten werden ihnen zugeschrieben. Nicht zuletzt zeigen sich viele Zeitgenossen angesichts von Schwärmen dieser Tiere und ihrer unheimlich wirkenden Rufe durchaus verängstigt. Torsten Richter-Zippack / trt1

Alles unbegründet, sagt dagegen Frank Urban, renommierter Vogelkundler aus Bautzen. Schon seit Jahrzehnten studiert der Hausmeister das Leben der Dohlen, also jener Art mit den grau-schwarzen Federn und den hellen Hinterköpfen.

Leicht, so sagt Urban, hatten es die Dohlen eigentlich nie. In früheren Zeiten wurden diese Vögel gefangen und gern verspeist. Für Bautzen gebe es selbst für die unmittelbare Nachkriegszeit nach 1945 entsprechende Belege. "Damals wurden die Dohlen im Dom zunächst gemästet und später gegessen", hat der Ornithologe recherchiert. Allerdings könne er nicht sagen, ob dies aus purer Not oder eher aus sportlicher Betätigung geschah.

Sind heute in ganz Deutschland zwischen 80 000 und 135 000 Dohlen-Paare beheimatet, ist die Oberlausitz mit diesen Tieren aus der Familie der Rabenvögel eher spärlich ausgestattet. Die meisten Paare leben in der Stadt Bautzen, nämlich 50. Auf immerhin 20 brächten es Görlitz, Hagenwerder und das Oberland um Neusalza-Spremberg/Ebersbach. In Niesky gebe es vier Dohlen-Familien, in Hoyerswerda immerhin sechs. Zum Vergleich: Selbst Millionenstädte wie Berlin oder München hätten keine 50 Paare mehr.

In der Oberlausitz sei die Zahl der Dohlen-Paare rückläufig. Frank Urban führt dieses Phänomen zum einen auf die Einengung der Nahrungsgrundlagen zurück. So gebe es heute nur noch wenige Wiesen, auf denen ausreichend Insekten als Eiweißlieferanten für die Vögel leben. Stattdessen werde immer mehr Grün- in Ackerland umgewandelt, um dort Energiepflanzen wie Mais und Raps zu produzieren. Als zweite Ursache gelten umfangreiche Sanierungsmaßnahmen an verschiedensten Gebäuden. Dabei werde auf vorhandene Dohlen-Bestände längst nicht immer Rücksicht genommen. So gebe es beispielsweise in der Alten Wasserkunst als Bautzener Wahrzeichen, das bereits vor Jahrhunderten als Brutplatz galt, heute nicht eine einzige Familie mehr. Gleiches gelte für den Burgwasserturm der Ortenburg, der dohlenmäßig regelrecht "totsaniert" worden sei. Viele der Tiere könnten in der Spreestadt nur deshalb überleben, da hier und dort künstliche Brutmöglichkeiten geschaffen wurden, beispielsweise in der Maria-und-Martha-Kirche. Ohnehin lobt Frank Urban die gute Zusammenarbeit mit dem Bautzener Bauamt, das für die Belange der Vögel stets ein offenes Ohr habe.

Ursprünglich sind Dohlen Baumbrüter, doch wegen kaum noch vorhandener alter Gehölze müssen sie vor allem mit Kirchtürmen, Schornsteinen und ähnlichen Gebäuden vorliebnehmen. Allerdings gibt es laut Frank Urban auch noch Dohlen, die in Bäumen beheimatet sind. Dazu gehöre vor allem die nördliche Oberlausitz mit Standorten in Hoyerswerda und Weißkollm.

Dohlen, so sagt der Fachmann, seien sehr sozial eingestellte Tiere. Paare helfen sich unter anderem bei der Körperpflege. Zudem handele es sich um eine Art, die meist gesellig im Schwarm lebe. Dank einer in einen Brutkasten eingebauten Kamera seien dem 62-Jährigen faszinierende Aufnahmen aus dem Familienleben dieser Art gelungen. Doch eine Frage konnte er bis heute nicht mit Sicherheit beantworten. Und zwar, wohin sich die ausgeflogenen Jungvögel aus der Bautzener Maria-und-Martha-Kirche begeben. Alljährlich im Sommer seien diese von einem Tag auf den anderen scheinbar spurlos verschwunden. Urban vermutet, die Tiere würden eine größere Deponie bei Löbau ansteuern. Doch der Beweis für diese These stehe bislang noch aus.