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Notstand in der Gastronomie

Jürgen Ittmann mit seiner Restaurantfachfrau Stephanie Schapp. Der Gasthof-Chef sucht hängeringend nach Verstärkung.
Jürgen Ittmann mit seiner Restaurantfachfrau Stephanie Schapp. Der Gasthof-Chef sucht hängeringend nach Verstärkung. FOTO: Sascha Klein
Klein Partwitz. Jürgen Ittmann ist ein erfahrener Gastwirt. Seit dem Jahr 2004 führt er den Gasthof "Zum Anker" in Klein Partwitz, dazu zehn Ferienhäuser mit insgesamt 50 Betten. Sascha Klein

Er ist einer, der in die Zukunftsvision Lausitzer Seenland investiert hat. Doch in einem Punkt kommt der 55-Jährige seit Jahren nicht auf einen grünen Zweig: beim Personal. Wo auch immer Ittmann sucht, was er auch immer probiert: Es will einfach nicht klappen. Er hat einen Beikoch, eine Restaurantfachfrau - und sich. Das war's. Für die Ferienhäuser gibt es noch eine Hauswirtschafterin und einen Hausmeister. Krank werden kann sich der Gasthof-Chef nicht leisten. Denn sonst bleibt die Küche kalt.

"Wir haben annonciert, haben oft bei der Arbeitsagentur vorgesprochen, haben es bei der Uni in Senftenberg versucht, haben Aufrufe bei Facebook gestartet", sagt Ittmann. Erfolg: gleich null. Im Lausitzer Seenland herrscht Personalmangel in der Gastronomie. "Ich weiß von vielen Gastwirten in der Region, dass auch sie händeringend Personal suchen", sagt Ittmann. Sein Problem: Klein Partwitz liegt zwar mitten im Seenland, ist jedoch infrastrukturell trotzdem weit ab vom Schuss. "Ohne Auto kommt man nicht zu uns", sagt er.

"Ich hatte bis Dezember einen Beikoch", sagt Ittmann. "Der ist fünf Jahre lang mit dem Fahrrad aus Laubusch gekommen." Das sind rund sieben Kilometer. "Jetzt fährt er mit dem Bus nach Hoyerswerda", sagt der 55-Jährige.

Die Agentur für Arbeit in Bautzen kann zwar keinen Fachkräftemangel erkennen, verzeichnet aber eine deutlich gestiegene Anzahl an freien Stellen in Ostsachsen. Zurzeit sind 277 Stellen in der Gastronomie zu haben, 39 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Für Thomas Berndt, den Vorsitzenden der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bautzen, gibt es mehrere Faktoren, weshalb die Stellenbesetzung länger dauern kann. Zum einen seien das die Arbeitsbedingungen, der Lohn und der Wunsch vieler Arbeitnehmer, Erfahrung in Sternehäusern zu sammeln. Zum anderen spielten die Arbeitszeit und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine große Rolle.

Bei alldem ist Ittmann gesprächsbereit. Er zahlt eigenen Angaben zufolge deutlich über Mindestlohn. Seine Restaurantfachfrau kommt aus der Nähe von Finsterwalde. Sie bekommt einen Fahrtkostenzuschuss. Ittmann ist froh, dass er sie hat. Er ist willig, über Teilzeitlösungen nachzudenken - nur die passenden Kandidaten fehlen ihm. Deshalb hat er nun schweren Herzens die Öffnungszeiten verkürzt. "Es tut mir weh, wenn Gäste wieder abfahren müssen. Aber ich kann nicht mehr als arbeiten", sagt Jürgen Ittmann.

Der 55-Jährige hat auch schon überlegt, Tschechen oder Polen einzustellen. Aber auch das war bisher nicht von Erfolg gekrönt. "Die gehen nach Dresden, Leipzig oder Cottbus", sagt er. Stadt ziehe eben mehr an als das Dorf.

Jürgen Ittmann würde sich wünschen, dass die Industrie- und Handelskammer, aber auch der Tourismusverband sich mehr dafür einsetzen, junge Leute ins Seenland und in die Gastronomie zu locken.

Der Gastwirt kann sich inzwischen vorstellen, ins zweite Glied zurückzutreten. Die Immobilie steht zum Verkauf. "Wenn es jemanden gibt, der das gut macht, kann ich mir vorstellen auszusteigen." Oder weiter für Lohn mitzumischen. Dann wäre er der Arbeitnehmer, den er seit Jahren sucht.

Zum Thema:
Laut Agentur für Arbeit Bautzen gibt es derzeit 596 ausländische Beschäftigte im Gastgewerbe in Ostsachsen.Polnische und tschechische Arbeitnehmer sind laut Agentur bereit, in der Region zu arbeiten, wenn die Bedingungen stimmten:Tschechischen Arbeitnehmern sei es wichtig, täglich zum Job pendeln zu können. Auch wichtig: Arbeitszeit und Gehalt.Polnische Arbeitnehmer seien sehr mobil. Wichtige Frage neben dem Gehalt sei, ob ihnen eine Unterkunft gestellt werde. (skl)