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| 18:01 Uhr

LR vor Ort
„Niemand muss in Bernsdorf einsam sein“

Die Diskussionsrunde zu „LR vor Ort“ in Bernsdorf: Mit dabei waren unter anderem Bürgermeister Harry Habel (hinten, 2.v.l.) sowie die Kube 42-Mitarbeiterinnen Maja Nitsche und Tina Götze (hinten, 2.v.r., r.).
Die Diskussionsrunde zu „LR vor Ort“ in Bernsdorf: Mit dabei waren unter anderem Bürgermeister Harry Habel (hinten, 2.v.l.) sowie die Kube 42-Mitarbeiterinnen Maja Nitsche und Tina Götze (hinten, 2.v.r., r.). FOTO: LR / Catrin Würz
Bernsdorf. Bei „LR vor Ort“ diskutieren Sozialarbeiter, Lehrer, Politiker und Ehrenamtler über Miteinander und Lebensqualität. Von Catrin Würz

Bernsdorf „Huch, da wär ich doch beinah’ falsch abgebogen . . .“ Grinsend zeigt Harry Habel im Treppenhaus auf den nach rechts zeigenden Pfeil mit der Aufschrift Yoga/Bauchtanz - und biegt dann doch in die entgegengesetzte Richtung ein. Wie man es von ihm kennt, betritt der Bernsdorfer Bürgermeister mit einem Scherz auf den Lippen den Saal des Mehrgenerationenhauses am Schmelzteich. Hierher hat die LAUSITZER RUNDSCHAU am Dienstagabend zur neuen Auflage ihrer Gesprächsreihe „LR vor Ort“ eingeladen. Und die kleine Anekdote des Bürgermeisters zeigt zumindest: Unter dem Dach des Hauses, das Anlaufstelle für viele Interessen ist, gibt es auch an diesem Abend noch einige andere Angebote. Und das ist gut so.

Um soziale Projekte für mehr Miteinander, um Möglichkeiten für eine sinnerfüllte Freizeitgestaltung für alle Generationen, um Bildungschancen und eine gute Lebensqualität in der Stadt geht es dann auch bei „LR vor Ort“, dem Gesprächsabend mit der LAUSITZER RUNDSCHAU in Bernsdorf. Ein Dutzend „Macher“, die in der Stadt für ein starkes soziales Netzwerk wirken, diskutieren am Dienstag im Gesprächskreis mit.

„In Bernsdorf muss niemand einsam sein, der das nicht will“, sagt Silvio Thieme. Der Sozialarbeiter und Sozialpädagoge leitet seit einiger Zeit das vor elf Jahren gegründete Mehrgenerationenhaus Bernsdorf. Das Haus in Trägerschaft der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) vereint unter seinem Dach etwa 15 bis 20 offene Freizeitangebote, Kurse, Treffs und Interessengruppen – vom Malzirkel bis Zumba, vom Männertreff bis Klöppelgruppe reicht das Angebot. „Jeder kann herkommen und Anschluss und Beratung suchen“, sagt Silvio Thieme. Und das soll natürlich keine Einbahnstraße sein. „Das betrifft insbesondere auch Menschen, die etwas Besonderes können, ein ausgefallenes Hobby haben und dies vielleicht an andere Menschen weitergeben wollen. Hier ist der richtige Ort dafür.“

Das Mehrgenerationenhaus ist dabei auch auf ehrenamtliches Engagement angewiesen. „Die Kunst besteht darin, Menschen für das Mittun zu begeistern“, sagt der 36-Jährige. Das sei heute immer schwieriger - auch weil das Ringen um den Nachwuchs und um engagierte Mitstreiter in allen Vereinen zugleich stattfindet. Ernst Nickich, der im Mehrgenerationenhaus als Senior den Männertreff und andere Angebote führt, findet jedoch: „Unser Bernsdorfer Haus kann sich mit seinem Konzept sehen lassen. Durchschnittlich kommen jede Woche etwa 200 Menschen zu uns.“

Für eine gute Bildungslandschaft und gute Bedingungen für junge Familien streitet das ebenfalls im Haus am Schmelzteich angesiedelte Projekt „Ein Quadratkilometer Bildung“. Der stellvertretende Projektkoordinator Jens Walter berichtet, dass derzeit vor allem mit der Bernsdorfer Grundschule gemeinsame Projekte entwickelt werden. „Wir unterstützen vor allem auch Kinder aus Flüchtlingsfamilien.“

An Menschen, die in schwierigen persönlichen Umständen leben und für den Alltag auf Hilfe angewiesen sind, richtet sich das soziale Projekt „Kube 42“. Die beiden Mitarbeiterinnen Tina Götze und Maja Nitsche berichten von ihrer schwierigen Aufgabe. „Vertrauen aufzubauen, das ist das Wichtigste“, erklären sie ihr Credo. Ihr Quartiersbüro befindet sich seit 2016 im größten Bernsdorfer Wohngebiet am Fritz-Kube-Ring. Hier sind soziale Brennpunkte und Menschen mit vielen Problemen angesiedelt. Menschen, die aus ihren Schulden keinen Ausweg finden, ihre Post einfach nicht mehr öffnen oder denen das Abstellen des Stromes droht.

„Kube 42“ fängt diese Menschen auf und nimmt sie an die Hand. „Das ist ein sehr wichtiges Projekt für das soziale Gefüge in unserer Stadt“, sagt auch Bürgermeister Harry Habel. Gerade hat die Stadt die Verlängerung dieses mit EU-Geldern geförderten Projektes beantragt. Der Förderzeitraum ist bis 2021 geplant. Klar ist für den Bürgermeister: „So etwas kann doch nicht einfach nach ein paar Jahren wieder auslaufen!“ Habel hofft darauf, das Projekt in der Stadt fortführen, verstetigen zu können.

Schulleiterin Ilka Kügler, die die Freie Oberschule Bernsdorf  führt, glaubt, dass eine gute Vernetzung der sozialen Anbieter und Projekte untereinander ein wichtiger Pluspunkt für Bernsdorf ist. „Bei uns klappt vieles mit kurzer Absprache, statt lange Konzepte zu schreiben“, erzählt sie. Ein Projekt zur Teambildung in der 5. Klasse wird vom Mehrgenerationenhaus unterstützt. „Eine tolle Sache ist das für unsere Schüler.“ Die Bernsdorfer Wohnungsbaugesellschaft (BWG) hat gemeinsam mit „Kube 42“ einen Bolzplatz im Wohngebiet wieder auf Vordermann gebracht und unterstützt bei den Stadtteilfesten. Und vieles mehr leistet das Wohnungsunternehmen noch für das Gemeinwohl in der Stadt. „Wir wollen ja, dass unsere Mieter nicht nur einfach in Bernsdorf wohnen, sondern hier auch leben können. Solche Projekte wie das MGH oder Kube 42 sind dafür wichtig“, sagt BWG-Geschäftsführerin Evelyn Hahn.

Helga Nickich von der RAA sagt ebenfalls, dass die enge Vernetzung und Zusammenarbeit aller Bernsdorfer „Macher“ im sozialen und Bildungsbereich ein hoher Wert ist, „den wir unbedingt weiter stärken müssen.“ Seit einiger Zeit gibt es in Bernsdorf zweimal pro Jahr den Gemeinwesenstammtisch, wo alle Themen und Probleme auf den Tisch kommen.

Für Bernsdorfs Bürgermeister Harry Habel ist das Fazit der „LR vor Ort“-Veranstaltung recht klar. „Die Kunst ist, aus wenig Geld für unsere Stadt viel zu machen. Keine Kunst ist es, mit viel Geld etwas zu machen“, fasst er zusammen. Bernsdorf hat auf jeden Fall die besten Protagonisten dafür.

Ein Blick über den Schmelzteich: Idyllisch am Bernsdorfer Gewässer liegt auch das Mehrgenerationenhaus an der Eisenwerkstraße.
Ein Blick über den Schmelzteich: Idyllisch am Bernsdorfer Gewässer liegt auch das Mehrgenerationenhaus an der Eisenwerkstraße. FOTO: LR / Catrin Würz
LR vor Ort 4c
LR vor Ort 4c FOTO: LR