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Nicht die Rosinen aus dem DDR-Kuchen picken

Hoyerswerda.. Zur Zukunft gehört die Erinnerung: Nun, wirklich erinnern können sich die Schülerinnen und Schüler der Hoyerswerdaer Gymnasien nicht mehr an die DDR-Zeit. Uwe Menschner

Zwar wurden die Ältesten von ihnen als DDR-Kinder geboren, jedoch bekommt man als Zweijähriger kaum etwas mit von den gesellschaftlichen Verhältnissen, die einen umgeben.
Um an den Erinnerungen teilhaben zu können, sind die Gymnasiasten darauf angewiesen, Zeitzeugen zu befragen und sich mit Zeitzeugnissen zu beschäftigen. Genau dieses Ziel verfolgt das vom Bildungswerk Kommunalpolitik Sachsen (BKS) initiierte Projekt „Zur Zukunft gehört die Erinnerung“ .
„Wir freuen uns, dass sich auch bei der dritten Auflage Schüler aller drei Hoyerswerdaer Gymnasien intensiv mit der DDR-Geschichte beschäftigt haben“ , erklärte Ursula Philipp, Geschäftsführerin des BKS, am Mittwoch im Schlosssaal. Hierher waren die Projektteams gekommen, um die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit zu präsentieren. Doch bevor es beginnen konnte, sahen sich die Schüler mit einem Problem konfrontiert, das auch in der DDR zum Alltag gehörte: Die Technik streikte. Ohne sich dessen recht bewusst zu werden, bedienten sie sich einer Methode, für die der DDR-Bürger als solcher weltweit bekannt war: Sie improvisierten.
Mit dem Thema „Meinungs- und Pressefreiheit“ beschäftigte sich das Team des Foucault-Gymnasiums. Von den Zwängen, denen sich ein Journalist in der DDR unterwerfen musste über die berühmten Westpakete bis hin zur Rockmusik in der DDR reichte das Spektrum. Zustimmendes Nicken und belustigtes Schmunzeln, aber manchmal auch ein leichtes Kopfschütteln zeigten die Besucher als Reaktion. Dass das FDJ-Hemd im Original kaum bauchfrei getragen und auch nicht von Orden geschmückt wurde, blieb ein Detail am Rande. Deutlich wurde in jedem Fall, dass sich die Jugendlichen sehr intensiv mit der ihnen fremden Zeit beschäftigten und mit ihren Spielszenen ein recht authentisches Bild zeichneten. Einen Höhepunkt stellte zweifellos das von der Schulband vorgetragene „Lumpenlied“ dar, mit dem Jugendliche in den letzten Jahren der DDR ihre Ablehnung von Autoritäten dokumentierten.
Das Thema „Kirche in der DDR“ hatte die Projektgruppe des Johanneums gewählt, und mit der Rolle des Sports im Arbeiter- und Bauernstaat beschäftigten sich die Lessing-Gymnasiasten. Wie schon bei den Foucaults wurde auch bei ihnen das Bemühen deutlich, ein differenziertes Bild zu zeichnen, das aber nicht immer frei von Klischees blieb. Alles in allem wäre es zweifellos ein lehrsamer Nachmittag für all jene gewesen, die nur noch verschwommene Erinnerungen an die DDR besitzen und sich im Rückblick gern die Rosinen herauspicken. Die Schüler davor zu bewahren, ist sicher eines der vordringlichsten Anliegen des BKS-Projektes.
Gestern morgen trafen sich alle Schülergruppen, Zeitzeugen und Vertreter der unterstützenden Vereine im Neuen Rathaus. Zum Auftakt des Projekttages wurden die besten Präsentationen prämiert. Gewonnen hat die Schülergruppe des Foucault-Gymnasiums. Ganz knapp am ersten Platz schlitterte das Johanneum vorbei. Das Lessing-Gymnasium erreichte den dritten Platz.
Anschließend gingen die Schüler mit den Zeitzeugen an ihre Schulen. Dort hatten alle Schüler der zehnten Klassen die Möglichkeit, alles von den Zeitzeugen über die DDR zu erfragen, was sie schon immer wissen wollten.