Von Anja Hummel

Mit sechs Jahren bekam sie ihren ersten Bibliotheksausweis, in der zweiten Klasse hat sie heimlich Edgar Wallace-Krimis unter der Bettdecke gelesen. Heute, gut 40 Jahre später, richtet sie sich ihren Schreibtisch in der Stadtbibliothek Hoyerswerda ein. Eine kleine Plüscheule steht an ihrem Monitor gelehnt. Mit Wissen bringe sie das Tier in Verbindung, bekommen hat sie es von ihrer Mutter. Auf ihrem großen Schreibtisch fällt auch der wuchtige Karteikartensammler ins Auge. „Für alle neuen Kontakte“, sagt Annemie Klein. Die wird die neue Chefin der Brigitte-Reimann-Stadtbibliothek in den nächsten Wochen zu genüge bekommen.

Seit dem ersten Dezember bekleidet sie das Amt. Dafür hat sie mehrere hundert Kilometer zurückgelegt. 20 Jahre lang hat sie die Stadtbibliothek in Kelkheim im Taunus geleitet. „Es war an der Zeit, einen Schnitt zu machen“, resümiert die Kehlerin. Also machte sie sich auf die Suche und wurde fündig – in Hoyerswerda. Warum sie den Weg auf sich genommen hat? Schon beim ersten Blick auf die Internetseite hat sie erkannt, dass die Stadt „kein schlafendes Nest“ ist. Doch ausschlaggebend war wohl ein anderes Kriterium: „Die Bibliothek hat vier Goldprämierungen bekommen. So etwas Besonderes geht nur mit einem innovativen und harmonischen Team“, sagt die 50-Jährige, die sich auf den BIX-Bibliotheksindex bezieht. Die Brigitte-Reimann-Stadtbibliothek ist dort als eine der besten Bibliotheken Deutschlands aufgelistet. Enttäuscht wurde Annemie Klein nicht. „Das Team ist wirklich so, wie ich es vermutet habe.“

Für die neue Chefin steht außer Frage, dass es neue innovative Formate geben wird. „Eine Bibliothek besteht nicht nur aus Büchern. Eine Bibliothek muss innovativ sein, sonst ist sie nicht lebendig.“ Wissen, Unterhaltung, Kultur, Literatur – all das fällt ins Portfolio. Stetige Weiterentwicklung ist ihr Anspruch. Die studierte Bibliothekarin spricht von Workshops, von Technologien, von Kooperationen. Nach und nach solle ein Mehrwert zu den Medien geschaffen werden. In der Handarbeitsabteilung könnten künftig beispielsweise nicht nur Bücher, sondern auch Equipment wie Häkelnadel und Strickmaterial bereitliegen. „Die Produktpalette wird weiter ansteigen“, prognostiziert Annemie Klein, die eine Wohnung in der Neustadt bezogen hat.

Vor allem die sozialen Angebote der Bibliothek findet sie herausragend. „Einen Bücherhausdienst findet man selten“, möchte sie diesen Service gerne weiter ausbauen. Aber erst einmal geht es nun ans Einarbeiten. Dazu gehört natürlich auch, die Kultur und Geschichte von Hoyerswerda kennenzulernen. Während sie Brigitte Reimann als eine „richtig kreative Frau“ bezeichnet, kann sie zu Gerhard Gundermann noch gar nicht allzu viel sagen. Es fällt ihr nicht leicht, aber sie gibt es ehrlich zu: „Ich kannte ihn vorher nicht.“ Sie lacht und greift zum dicken Gundermann-Buch auf ihrem Schreibtisch. Zwei CDs hat sie zum Kennenlernen schon zu Hause. Sie mag Liedermacher, hört sonst auch gerne Rockmusik und Klassik. Sich auf eine Richtung festlegen, das ist nichts für sie. Als „Querleserin“ möchte sie auch ungern einen Lieblingsautoren nennen. Was ihr wirklich wichtig ist: Weiterentwicklung. Mit der Stadtbibliothek möchte sie „am Puls der Zeit sein – und eigentlich schon darüber hinaus“.