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| 15:09 Uhr

Gedenkstätte Bautzen
Von Tätern, Opfern und guten Beamten

Sven Riesel, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte Bautzen, war an der Gestaltung der neuen Dauerausstellung beteiligt.
Sven Riesel, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte Bautzen, war an der Gestaltung der neuen Dauerausstellung beteiligt. FOTO: Uwe Menschner
Bautzen. Ein neuer Teil der Dauerausstellung in der Gedenkstätte Bautzen widmet sich der NS-Zeit. Deren Grundgerüst bilden Biografien von Gefangenen und Bediensteten. Von Uwe Menschner

Rudolph Plischke war ein mustergültiger Beamter. In der Weimarer Republik hatte er sich seine Sporen im Strafvollzug verdient. Als man ihn 1933 fragte, ob er nicht Anstaltsleiter werden wolle, zögerte Plischke nicht lange.

„Plischke war ein typischer Karrierist. Das politische System, dem er diente, interessierte ihn nicht. Alles, worauf es ihm ankam, war, seine vermeintliche Pflicht zu erfüllen und voranzukommen.“ Sven Riesel hat sich in den letzten Monaten intensiv mit Rudolph Plischke beschäftigt. Die Biografie des Leiters der Bautzener Gefängnisse in der Zeit von 1933 bis 1945 ist eine von etwa 30, die das Gerüst der neuen Dauerausstellung in der Gedenkstätte Bautzen bilden.

„Wir wollten das Thema von allen Seiten betrachten, sowohl die Lebensläufe von Gefangenen als auch von Bediensteten vorstellen“, erklärt der wissenschaftliche Mitarbeiter. Eine Kategorisierung in Opfer und Täter vermeidet er bewusst. „Es gibt auch kein ,T’ und kein ,O’ auf den Bildtafeln. Wir hatten über eine differenzierte optische Gestaltung nachgedacht, uns dann aber dagegen entschieden.“ Schließlich sollte jeder Besucher der Gedenkstätte mündig genug sein, die Biografien und die dahinter stehenden Menschen einzuordnen.

Auch wenn sie klar gezogen erscheinen, verschwimmen die Grenzen zuweilen. Rudolf Plischke zum Beispiel war sich nach Kriegsende keiner Schuld bewusst und ließ sich von den Russen festnehmen. In der ersten Nacht seiner Inhaftierung verstarb er unter mysteriösen, nie geklärten Umständen. „Umso merkwürdiger, da die Russen von ihm gern Näheres über das Schicksal von Ernst Thälmann erfahren hätten“, wie Sven Riesel weiß. Der KPD-Vorsitzende und später in der DDR zum Helden verklärte Arbeiterführer war sicher der berühmteste Insasse der beiden Bautzener Gefängnisse, die in der NS-Zeit eine organisatorische Einheit bildeten: Im späteren Stasi-Gefängnis in der Innenstadt saßen die Untersuchungshäftlinge, im „Gelben Elend“ die verurteilten Gefangenen.

Zurück zu Tätern und Opfern: Kurt Mickel gehört im Kontext der NS-Zeit zweifellos zu Letzteren. Der überzeugte Kommunist war einer der Ersten in Bautzen, welche die SA im Rahmen ihrer „Säuberungen“ nach Hitlers Machtübernahme inhaftierte. Er durchlitt eine Odyssee durch die Gefängnisse und Konzentrationslager Ostsachsens, wurde gequält und gedemütigt. Doch er überlebte und kehrte zurück an den Ort seiner Pein: Von 1953 bis 1955 arbeitete Mickel als Oberwachtmeister in Bautzen II. Hier stellte er sich in den Dienst eines anderen Regimes, das später als Unrechtsherrschaft klassifiziert werden sollte.

Wer ab dem 20. September die Gedenkstätte Bautzen betritt, sieht sich als Erstes mit der NS-Zeit konfrontiert. „Das wird manche Erwartungen konterkarieren, denn die meisten Besucher kommen ja, weil sie das Stasi-Gefängnis sehen wollen“, wie Sven Riesel weiß. Doch Geschichte ist nun mal komplex und lässt sich nicht auf bestimmte Zeitepochen reduzieren. Und auch mit dem neuen Ausstellungsteil – die anderen beiden, längst etablierten Teile beschäftigen sich mit den Zeiten als sowjetisches Spezialgefängnis und als Haftanstalt in der DDR – ist die Betrachtung noch nicht komplett. Denn: Die Geschichte der Bautzener Gefängnisse geht bis in die Zeit des Kaiserreiches zurück. Noch mancher Historiker kann sich bei der Aufarbeitung verdient machen.

Das dürfte jedoch immer schwieriger werden. Schon bei der Erarbeitung der Dauerausstellung zur NS-Zeit sahen sich Sven Riesel und seine Mitstreiter zwei großen Problemen gegenüber: „Die historische Quellenlage gestaltet sich äußerst unbefriedigend. Der größte Teil der Unterlagen ist nach dem Bombardement von Dresden 1945 verbrannt.“ Und die Zeitzeugen sterben aus. „Uns ist es nicht mehr gelungen, auch nur noch einen direkt Betroffenen zu sprechen. Wir kamen dafür einfach ein paar Jahre zu spät“, resümiert Sven Riesel. Umso umfangreicher und aufwendiger fielen die Gespräche mit Angehörigen aus, die in ganz Deutschland interviewt wurden. Dies ist laut Sven Riesel auch der Grund dafür, dass sich die ursprünglich viel früher angekündigte Eröffnung des neuen Ausstellungsteils immer wieder verzögerte. Denn schließlich wollte man eine runde Sache abliefern und kein Stückwerk. Um – nicht nur, aber auch – Rudolph Plischke und Kurt Mickel in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit gerecht zu werden.