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| 17:26 Uhr

Naturschutz
Naturschützer retten wertvolles Offenland vor dem Wald

In diesen Tagen läuft die Entbuschung auf der Spreetaler Innenkippe auf Hochtouren. Birken, Kiefern und Ginster müssen raus. ⇥Foto: Alexander Harter
In diesen Tagen läuft die Entbuschung auf der Spreetaler Innenkippe auf Hochtouren. Birken, Kiefern und Ginster müssen raus. ⇥Foto: Alexander Harter FOTO: Alexander Harter
Bergen. Naturschützer beseitigen derzeit Bäume und Sträucher auf der Spreetaler Innenkippe. Dank der Flächenfreigabe der Bergbausanierer bleibt der Lebensraum für die bedrohten Offenlandarten erhalten. Es ist eine Rettung in letzter Not. Von Torsten Richter-Zippack

Bergen Die Kiefern gedeihen prächtig, ebenso der Ginster. Eigentlich könnte Dr. Alexander Harter, Geschäftsführer der Naturschutzgroßprojekt (NGP) Lausitzer Seenland gGmbH, zufrieden sein. Ohne menschliches Zutun wächst auf der Spreetaler Innenkippe ein junger Wald heran. Manche Gehölze sind bereits fast zwei Meter hoch. Oder anders ausgedrückt: beste Weihnachtsbäume. Doch Harter sagt: „Die Kiefern und das Ginstergebüsch müssen verschwinden. Möglichst zeitnah.“ Denn die Flächen nördlich und nordöstlich des Bergener Sees bilden für Arten wie Brachpieper, Wachteln sowie verschiedenste Reptilien, Amphibien und Pflanzenarten einen idealen Lebensraum. Nämlich nährstoffarm, ruhig, vor allem aber durchweg sonnig und warm. Durch den aufkommenden Wald ändern sich diese Bedingungen drastisch. Dann machen sich Brachpieper, Wachteln, Heidelerchen und Co., die sachsenweit ohnehin schon sehr rar sind, schnell auf und davon.

Im Jahr 2017 gab es innerhalb des Kerngebietes des NGP erstmals seit fünf Jahren wieder eine flächendeckende Erfassung der dort lebenden Tierarten, berichtet Alexander Harter. Aufgrund der Wiederbewaldung der Spreetaler Flächen hatte der Experte im Vorfeld schon ein trauriges Ergebnis befürchtet. Doch seine Sorgen hätten sich nicht bestätigt: „Ich dachte, dass es gerade beim Brachpieper viel schlechter aussieht. Aber diese Vogelart hat ihr Niveau von vor zehn Jahren gehalten.“

Der Brachpieper profitiere unter anderem von der permanenten Absenkung des Bergener Sees. Die Bergbausanierer von der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV) wollen damit einerseits die Trittsicherheit im Innenkippenbereich verbessern und andererseits Untersuchungen durchführen sowie Monitoring-Einrichtungen installieren, bevor mit den Sprengverdichtungen begonnen werde. Dank der Entwässerung der umliegenden Kippen profitiert laut Alexander Harter der Brachpieper von diesen Flächen. So seien gerade im Grundbruchgebiet gänzlich neue Lebensräume für diese Vogelart entstanden. Nicht zuletzt könnten Bereiche östlich des Bergener Sees aufgrund der abgesenkten Wasserstände wieder zeitweise befahren werden. Dadurch werde die Gehölzentfernung ermöglicht.

Allerdings weiß Harter von nicht unerheblichen Lebensraumverlusten gerade auf den Böschungen. Dort sei die Wiederbewaldung weit vorangeschritten. Drei Hektar Fläche im direkten Rutschungsgebiet seien dem NGP deswegen verloren, so Harter. Weitere drei bis vier Hektar Offenland eignen sich nicht mehr als Landwirtschaftsflächen, da dort inzwischen der Wald das Zepter führt.

Nun könnten sich aufmerksame Zeitgenossen fragen, warum die Naturschützer nicht rechtzeitig Pflegemaßnahmen ergriffen hätten. „Weil die Flächen nach dem großen Grundbruch vom Oktober 2010 gesperrt waren“, antwortet Alexander Harter. Daher hätten sich nunmehr Naturschützer und Bergbausanierer von der Lausitzer- und Mitteldeutschen Bergbau- und Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV) zusammengefunden. Das Ergebnis: Ein Teil der bis dato gesperrten Flächen könne temporär wieder genutzt werden, wenn auch unter besonderen Anforderungen.

Das Kerngebiet des Naturschutzgroßprojektes Lausitzer Seenland umfasst eine Gesamtfläche von rund 5900 Hektar, etwa 1000 Hektar werden durch das NGP selbst verwaltet. Im Kerngebiet sind fast 4270 Hektar durch die Bergbausanierer temporär gesperrt. Die Innenkippe Spreetal bildet dabei mit gut 2680 Hektar den Löwenanteil. Bereits vor mehr als einem Jahr erfolgten auf Flächen des NGP befristete Freigaben am Bergener, Neuwieser und Partwitzer See, insgesamt rund 526 Hektar, davon 230 Hektar Offenland.

Nach Angaben von Dr. Mario Stenske, dessen Landschafts-, Nutz- und Wildtierpflege GmbH insgesamt rund 700 Hektar bewirtschaftet und als engster Projektpartner des Naturschutzgroßprojektes gilt, laufen derzeit auf 55 Hektar auf seinen Flächen Entbuschungsarbeiten. „Bis zu drei Leute sind mit Kettensägen im Einsatz“, erzählt der Landwirt. Ein Arbeiter müsse während der Tätigkeiten allerdings das Gelände beobachten. Die Gefahr von Grundbrüchen sei nicht ausgeschlossen.

Die Wiederbewirtschaftung der über Jahre nicht mehr genutzten Gebiete bietet auch für die LMBV Vorteile. Nach Angaben von Unternehmenssprecher Dr. Uwe Steinhuber reduzieren sich nicht nur die Entschädigungen an die betroffenen Landwirte, sondern werden auch die Voraussetzungen für Pflegemaßnahmen geschaffen.

Unterdessen geht die Sanierung auf der Spreetaler Innenkippe weiter. LMBV-Angaben zufolge solle auf 300 Hektar schonend sprengverdichtet werden. Die Arbeiten beginnen voraussichtlich im August und seien in zwei Jahren vollendet. Für dieses Vorhaben müsse Mario Stenske erneut auf Offenflächen verzichten, diesmal 140 Hektar. Weitere Gebietsverluste solle es in den kommenden Jahren nicht geben.