| 17:41 Uhr

Mobilitätskonzept
Ohne Auto mobil auf dem Land

Im Kulturhaus Torno ist ein Pilotprojekt gestartet: Für die Modellregion Bautzen und Görlitz wollen die Landkreise herausfinden, wie die Mobilität im ländlichen Raum verbessert werden kann. Die Bürger wurden zur Diskussion eingeladen. Die Themenschwerpunkte waren neben dem Liniennetz Radverkehr und Alternative Mobilität.
Im Kulturhaus Torno ist ein Pilotprojekt gestartet: Für die Modellregion Bautzen und Görlitz wollen die Landkreise herausfinden, wie die Mobilität im ländlichen Raum verbessert werden kann. Die Bürger wurden zur Diskussion eingeladen. Die Themenschwerpunkte waren neben dem Liniennetz Radverkehr und Alternative Mobilität. FOTO: Anja Hummel / LR
Lauta. In Lauta startet ein Pilotprojekt mit der Frage „Wie kann Mobilität im ländlichen Raum weiter optimiert werden?“. Die Bürger haben mitdiskutiert.

Von Anja Hummel

Plötzlich endende Radwege, verwirrende Fahrpläne, ewig lange Wartezeiten. Wer auf dem Land nicht mit dem eigenen Auto unterwegs ist, für den kann die Fahrt zu Arbeit, Arzt und Einkauf ein reines Abenteuer werden. Steve Thieme kann ein Lied davon singen: „Als ich noch in der Ausbildung war, musste ich früh um 4 in Lauta losfahren, um 7 Uhr pünktlich in Bautzen zu sein“, erinnert sich der 26-Jährige. Zwei Jahre lang musste er die Fahrt inklusive einer Stunde Aufenthalt in Hoyerswerda auf sich nehmen.

Um genau solche Fälle künftig zu vermeiden, haben die Landkreise Bautzen und Görlitz ein Pilotprojekt ins Leben gerufen. Im Mittelpunkt steht die Beantwortung der Frage „Wie kann die Mobilität im ländlichen Raum verbessert werden?“. Die Antworten sollen von den Bürgern selbst kommen. In Torno fand dazu die erste von vier Diskussionsrunden statt. „Wir sammeln die Erkenntnisse und nehmen sie dann in das neue Mobilitätskonzept für die Landkreise auf“, sagt Arnd Bärsch, der als Verkehrsplaner am Projekt mitwirkt. Drei Schwerpunkte werden dafür ausgewertet. Die Ergebnisse der Lautaer Bürger-Gesprächsrunde versprechen den Projektplanern schon jetzt ziemlich viel Arbeit.

Das Liniennetz

Die Bus- und Zugfahrpläne müssen in Angriff genommen werden. „Bus und Bahn werden oftmals wegen unregelmäßiger Fahrzeiten und verschiedener Tarifzonen nicht genutzt“, resümiert Arnd Bärsch. So komme man zwar morgens beispielsweise nach Hoyerswerda, aber abends nicht mehr zurück nach Hause. „Am Bahnangebot können wir nicht wirklich viel ändern, aber die Busfahrpläne nehmen wir in Angriff“, verspricht der Verkehrsplaner. Dabei sind für die Anwohner vor allem die Verbindungen nach Bernsdorf, Senftenberg und Hoyerswerda wichtig.  Ein großes Manko sind außerdem die verschiedenen Tarifzonen. Drei Verkehrsverbunde sorgen für große Verwirrung. „Unser Ziel ist es, einen verständlichen Fahrplan mit guten Verbindungen zu schaffen“, so Bärsch.

Der Radverkehr

Ob in Freizeit oder Alltag - fast alle Bürger sind mit dem Fahrrad unterwegs, so die Erkenntnis in Lauta. Während die Verbindung von Lauta nach Senftenberg als sehr gut eingeschätzt wurde, gäbe es entlang der Bundesstraße nach Hoyerswerda große Probleme. „Das Sicherheitsgefühl bei dem hohen Verkehrsaufkommen ist gleich null“, sagt Verkehrsplaner Christoph Sommer. Bürger regten dazu an, Radwege entlang der Elsterdeiche oder der Bahnschienen anzulegen. „Entscheidend ist, dass die Ortsteile ordentlich miteinander verbunden sind, vor allem für die Schüler“, so Sommer. Außerdem wichtig für die Bürger: Sichere Radabstellvarianten an Bahnhöfen und Haltestellen müssen geschaffen werden. Die gibt es bisher nicht überall. Genauso wie barrierefreie Zugänge an Bahnhöfen. „Für Radfahrer birgt das viele Hindernisse“, sagt Christoph Sommer.

In der Modellregion Bautzen und Görlitz soll die Mobilität verbessert werden. Die Bürger wurden zur Diskussion eingeladen. Mit dabei waren auch der Lautaer Taxiunternehmer Bernd Thieme (l.) und sein Sohn Steve (2.v.l).
In der Modellregion Bautzen und Görlitz soll die Mobilität verbessert werden. Die Bürger wurden zur Diskussion eingeladen. Mit dabei waren auch der Lautaer Taxiunternehmer Bernd Thieme (l.) und sein Sohn Steve (2.v.l). FOTO: Anja Hummel / LR

Alternative Mobilität

Rufbus, Nachbarschaftshilfe, Mitfahrbank: Vorschläge für alternative Transportmöglichkeiten gibt es einige. „Die Frage ist nur, wie die Angebote auf dem Land am besten funktionieren“, sagt Regionalplanerin Annedore Bergfeld. Einig ist man sich in Lauta, dass es ein Zusatzangebot zum öffentlichen Verkehr geben muss. Dafür würde man auch ein wenig mehr bezahlen. „Nicht so viel wie für ein Taxi, aber mehr als für den Bus“, so Bergfeld. Schließlich müsse es wirtschaftlich sein. Über Telefon, App oder Internet wäre die Anmeldung bis zu drei Stunden vor Abfahrt möglich. Zur Sprache kam außerdem der Einkaufsbus: Einmal pro Woche zu einer festen Zeit die gleiche Route zu einem Einkaufsmarkt in Lauta - solch ein Angebot sei von den Bürgern gewünscht. „Dafür muss aber erst ein Unternehmer gewonnen werden“, sagt die Regionalplanerin.

Steve Thieme könnte so jemand sein. Er möchte, früher oder später,  das Lautaer Taxiunternehmen seines Vaters Bernd übernehmen. Die zwei Männer sind vor Ort, um sich Tipps zu holen. „Wir haben jeden Tag mehrere Arzt- und Einkaufsfahrten“, erzählt Bernd Thieme. Eine Strecke von Lauta nach Hoyerswerda koste 32 Euro. „Das kann man den älteren Leuten doch nicht antun. Aber für uns muss es sich auch rechnen“, so Thieme. Gerne würde er regelmäßig einen Sammelbus stellen, dafür müsse aber die Nachfrage stimmen.

Das zu prüfen ist auch Aufgabe der Verkehrsplaner. Bedenken und Wünsche werden nun in das Mobilitätskonzept für die Landkreise Bautzen und Görlitz einfließen. „Das Mindestziel ist es, die Nahverkehrspläne anzupassen, Radanbindungen zu verbessern und einen Ortsbus innerhalb Lautas zu etablieren“, resümiert Mobilitätsberater André Kämpfer. Und trotzdem holen sich die Fachleute noch weitere Anregungen und Wünsche von Bürgern aus anderen Gemeinden (Termine siehe Infobox). Im kommenden Jahr sollen erste Maßnahmen in ostsächsischen Kommunen umgesetzt werden.

Mehr Informationen über das Mobilitätskonzept für die Kreise Bautzen und Görlitz gibt es im Internet unter www.mover-bz-gr.de.

(Anja Hummel)