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| 01:03 Uhr

Mit zwei Koffern in eine leuchtende Zukunft

Knappenrode.. Es ist ein milder Herbstabend. Aus dem Lautsprecher ertönt die Durchsage: „Knappenrode, Braunkohlenkombinat. Dieser Zug endet hier. Bitte alles aussteigen!“ Die Treppe herunter eilen einfach gekleidete Menschen mit großen Koffern in den Händen, in denen ihre gesamten Habseligkeiten verstaut sind – Männer und Frauen. Sie sind gekommen, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen – als Arbeiter in der Brikettfabrik vor den Toren Hoyerswerdas, am Rande des Lausitzer Braunkohlenrevieres. Von Uwe Menschner

Hoffnung und Unsicherheit mischen sich in den Gesichtern. Die Neuankömmlinge sind aus allen Teilen der Republik angereist. Hier, in der Braunkohle, so heißt es, lässt sich gutes Geld verdienen. Die Arbeit jedoch, so wurde ihnen gesagt, ist hart. Nun gut, das stört die meisten nicht. Harte Arbeit sind sie gewohnt - sei es auf den Feldern Mecklenburgs oder in den Textilfabriken des Erzgebirges. Doch in der Lausitz, so hat man ihnen versichert, liegt die Zukunft. Und so sind sie nun also hier und streben den hell erleuchteten, gigantisch anmutenden Werksanlagen der Brikettfabrik entgegen - ein Sinnbild der leuchtenden Zukunft, die sie erwartet.
So ähnlich mag sich die Szenerie in den sechziger Jahren dutzendfach abgespielt haben. So spielte sie sich auch am vergangenen Wochenende ab - zur „Nachtschicht“ im Braunkohlenmuseum Knappenrode, oder, wie es künftig heißen soll, der
„Energiefabrik Werminghoff“ . Die Menschen mit den Koffern waren nicht gekommen, um dauerhaft zu bleiben. Es handelte sich um Schauspieler der Neuen Bühne Senftenberg und um Laiendarsteller der Kufa-Bühne „Einmaldiewoche“ . Sie führten die Besucher auf eine Zeitreise um vierzig Jahre in die Vergangenheit, ließen diese unmittelbar teilhaben an der Aufbruchstimmung, die damals wohl geherrscht haben muss.
Dann, im Fabrikgebäude, wurde die Illusion nahezu beklemmend real. Eine Wand aus Lärm und Staub schlug den Ankömmlingen entgegen, als sie das Tor passierten. Arbeiter mit Ruß verschmierten Gesichtern eilten vorüber, warfen skeptische Blicke auf die „künftigen Kollegen“ . Manch derber Scherz auf Kosten der „Neuen“ wurde gerissen. Ja, rau mag es zugegangen sein an einem Ort, an dem Sachsen und Brandenburger, Thüringer und Mecklenburger aufeinandertrafen, um gemeinsam zu arbeiten.
Mittendrin der Obersteiger, der sich bemühte, den Ankömmlingen die Arbeit in der Fabrik schmackhaft zu machen. Manch einen reizte vor allem die Aussicht auf billigen „Bergmannsfusel“ , der regelmäßig abgegeben wurde - im Winter doppelt so viel wie im Sommer. „Verheirateten können wir wunderschöne Betriebswohnungen anbieten, jede mit Garten“ , schwärmte der Obersteiger, dargestellt vom Schauspieler Heinz Klevenow. „Für Junggesellen haben wir natürlich ein Ledigenwohnheim, wo die FDJ-Gruppe für ein fröhliches Jugendleben sorgt.“ Nun, wenn das kein Grund war, den Koffer sofort in die Zimmerecke zu schmeißen und zu bleiben?
Respekt malte sich spätestens beim Anblick der riesigen Tellertrockner in die Gesichter der künftigen Arbeiter, die von Schichtleiterin Maria Mark an ihre späteren Arbeitsplätze geführt wurden. „Frauen sind hier keineswegs nur zum Putzen und zum Kochen da“ , hatte der Obersteiger gesagt. Sie standen auch an der Presse und am Trockner ihren Mann.
Fast hätte man in all dem Lärm, Staub und Stimmengewirr vergessen können, dass es sich nur um ein kurzzeitiges Spektakel handelte. Ja, es war tatsächlich, als ob die Brikettfabrik für zwei Abende wieder zum Leben erweckt worden wäre. Respekt all jenen, die mit Licht-, Ton- und Nebeleffekten ein solch authentisches Flair erzeugten. Von außen wurde die Fabrik in tiefdunkles Rot getaucht und bot so einen schon fast mystischen Eindruck. Eine Nachtschicht der besonderen Art also, von der sich auch LMBV-Pressesprecherin Petra Hinkelmann, die als „normale“ Besucherin gekommen war, beeindruckt zeigte: „Man hat ja schon viel von den Nachtschichten in der Brikettfabrik gehört, jetzt wollte ich es auch einmal selbst erleben. Und ich muss sagen, es hat sich wirklich gelohnt.“