ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:40 Uhr

Minderheiten-Ole enthüllt die ganze durchgeknallte Wahrheit

Der Hamburger Comedian Ole Lehmann steht zu seiner sexuellen Orientierung. Irgendwie sind damit auch die zügellosen Choreografien am Handmikro legitimiert.
Der Hamburger Comedian Ole Lehmann steht zu seiner sexuellen Orientierung. Irgendwie sind damit auch die zügellosen Choreografien am Handmikro legitimiert. FOTO: mdr1
Hoyerswerda. Gegen den Schutz von Minderheiten sprach sich am Samstag in der Kulturfabrik Hoyerswerda der Berliner Nummernkünstler Ole Lehmann aus. Die bekennende "böse Tunte" nahm in ihrem Programm "Geiz ist ungeil" nicht nur das gesellschaftliche Konsumfehlverhalten auf`s Korn. Mandy Decker/mdr1

Ja, er sei es, räumt Ole Lehmann gleich zu Beginn seiner zweistündigen Show ein und auf. Er sei ein Fleischesser, der am anderen Ufer nascht. Auch hat er einen Freund, ist später mehrfach zu erfahren. Was ihn allerdings nicht davon abhält, von der Bühne des gut besuchten Kufa-Saales aus vorsichtshalber gleich mal nach einem potenziellen Tagesabschlussgefährten zu schreien. Seine Chancen scheinen in Hoyerswerda wohl eher schlecht zu stehen, mutmaßt Ole Lehmann nach kurzem Screening seines Publikums. Nun, dann wird das Outing eben gut berechnetes Mittel, der liberalen Damenwelt zuzujubeln und verkniffenen Herren erst einmal körperliche Angst vor einem möglichen Schwuchtel-Angriff einzuflößen.

Die Dramaturgie funktioniert gut. Hin und wieder zerbricht der rosarote Leitfaden an wenig neuen Schmährufen gegen die Ex-Berlin-Bürgermeister-Kandidatin Regine Künast, die 150 000-Mängel-Liste des BER, das Hackfressen-Nachmittagsprogramm der privaten Fernsehsender und den Wiener Schmäh. Auch ein fleischbergiger Reiner Calmund, natürlich der österreichische Importobernazi von 1933 und der eine oder andere homophob angehauchte Türkenjunge bekommen von dem 46-jährigen gebürtigen Hamburger ihr Fett weg.

All das sei erlaubt, weil das Leben ihm den Stoff genau so vor die Feder wirft und er seinen scharfen Stand-up-Spiegel auch gegen sich selbst richtet, findet Ole Lehmann. Die "weichgespülte Comedy" im Politisch-Korrekt-Sprech des deutschen Kabaretts werde den durchgeknallten Wahrheiten der Gegenwart nicht mehr gerecht. Vielleicht erklärt und entschuldigt der Minderheiten-Ole sich und sein Sujet ein paar mal zu oft für einen Abend. Im großen Finale jedenfalls rät der begnadete Coversong-Interpret zu weniger Geiz in Sachen Liebe, Respekt und Humor. "Wir müssen immer Menschen bleiben", mahnt Ole Lehmann und stimmt den "The Killers"-Song "Are we human or are we dancers?" an. Mensch oder Marionette? Eine ewige Frage. Möglich, dass sich mancher bunte Kater von Ole hier und da in den flauschigen Schwanz gebissen fühlt. In Gänze spendierte ein begeistertes Auditorium dem Komödianten anhaltenden Beifall und pflückt sich eine flockige Zugabe. Ein weiterer Song wäre aber auch keine schlechte Alternative gewesen.