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| 16:56 Uhr

Mehr Nichtschwimmer auch in Hoyerswerda
Ein Seepferdchen allein reicht nicht

Schwimmen ist nicht nur gesund, sondern überlebenswichtig. Aber immer weniger Kinder können es.
Schwimmen ist nicht nur gesund, sondern überlebenswichtig. Aber immer weniger Kinder können es. FOTO: fotolia / cicisbeo/Fotolia
Hoyerswerda. Die Zahl der Nichtschwimmer nimmt zu. Petra Zickler vom SSV Hoyerswerda erzählt, woran das liegt. Von Rainer Könen

Wer hätte das gedacht: Schwimmen ist nach Radfahren der beliebteste Freizeitsport der Deutschen. Jedoch ist jeder zweite  aufgrund seiner nur gering ausgebildeten Schwimmfähigkeiten latent gefährdet, so eine Forsa-Studie der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) aus dem vergangenen Jahr. Da gaben mehr als die Hälfte der Befragten an, das sie Nichtschwimmer seien respektive sich nur mühsam über Wasser halten können.
Wie sieht das in einer Stadt wie Hoyerswerda aus, die,  inmitten des Seenlands gelegen, so viele Bademöglichkeiten im Umland bietet?  Jemand wie Petra Zickler kann das gut beurteilen. Die 64-jährige Hoyerwerdaerin, in diesem Jahr mit der Martha-Trophäe ausgezeichnet, ist mit dem hiesigen Schwimmsport seit frühester Jugend verbunden. Seit einem Jahr ist sie im Ruhestand, gibt aber im Lausitzbad weiterhin Schwimmkurse.

Natürlich hat auch sie diese Entwicklung registriert. Dass die Zahl der Nichtschwimmer, vor allem der Kinder unter ihnen zunehmend steige, sei, so Zickler, häufig auf die Eltern zurückzuführen. Wenn die Fünf- bis Sechsjährigen einen Schwimm-Grundkurs absolvierten, der zum Erwerb des Seepferdchens führe, müssten die in diesem Kurs gewonnenen Grundkenntnisse gefestigt und ausgebaut werden, so Zickler weiter. Doch darauf legten viele Eltern häufig gar keinen Wert. Was damit zusammenhänge, dass etliche der Erziehungsberechtigten „sich mit dem Schwimmen schwer tun“.

Etwas, was man auch beim DLRG in Bautzen beobachtet. „Viele Eltern sind keine sicheren Schwimmer, da in der Nachwendezeit der Schwimmunterricht an den Schulen komplett eingestellt wurde“, erzählt Robert Hänsel. Für den Vorsitzenden der DLRG Bautzen ist daher auch klar, dass die Grundangst vor dem Element Wasser schon im Elternhaus verankert ist und auf die Kinder übertragen wird. Hinzu komme noch, so Hänsel, dass der verpflichtende Schwimmunterricht in der 2. Klasse nur in den Kommunen durchgeführt wird, wo ein Schwimmbad existiert und Eltern lange Wege für ihre Kinder in Kauf nähmen. Und nicht zuletzt sei in der heutigen Zeit auch die mangelnde Bewegungsfreude bei den Kindern eine Ursache für die Zunahme der Nichtschwimmer.  
Dass deren Anteil unter Sachsens Schülern steigt, zeigen auch Zahlen des Kultusministeriums. Im Schuljahr 2016/17 galten etwa rund 14 Prozent der Grund- und Förderschüler als Nichtschwimmer, das waren mehr als 300 Kinder als im Schuljahr davor. Der Schwimmunterricht steht in Sachsen verpflichtend im Lehrplan. Zweitklässler lernen im Sportunterricht der Grund- und Förderschulen, sich über Wasser zu halten. Nach der Statistik Schulschwimmen bewegte sich in den letzten fünf Jahren der Anteil der Kinder, die nach der zweiten Klasse als Schwimmer galten, zwischen 80 und 85 Prozent der Schüler. Zahlen, die jedoch mit der Realität nicht viel gemein haben. Denn nach Angaben der DLRG ist der Anteil der Nichtschwimmer weitaus höher: Mindestens jeder zweite Grundschüler in Deutschland kann demnach nicht oder kaum schwimmen.

„Als sichere Schwimmer zählen diejenigen, die ein Schwimmabzeichen haben“, so Petra Zickler. Das gibt es für Kinder wie für Erwachsene. Für das Jugendschwimmabzeichen in Bronze etwa muss man 200 Meter am Stück schwimmen, einen Gegenstand aus zwei Meter tiefem Wasser holen und aus einem Meter Höhe ins Wasser springen. Nach einer Forsa-Umfrage aus dem vergangenen Jahr sind dazu deutschlandweit nur 35 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen in der Lage. Für die Seepferdchen-Prüfung reicht ein Sprung vom Beckenrand ins Wasser und das Schwimmen über eine Distanz von 25 Metern.

In Hoyerswerda hat Petra Zickler bisher, so schätzt sie, in den vergangenen Jahrzehnten rund 35 000 Menschen das Schwimm-Abc vermittelt. Die 64-Jährige, die seit mehr als 40 Jahren im Schwimmsport aktiv ist und seit vielen Jahren im Vorstand des SSV Hoyerswerda ist, findet, dass man diesen bundesweiten Trend, von dem sie die Zuse-Stadt ausnehmen möchte, da „wir eine Schwimmhochburg sind“, nur stoppen könne, wenn eine Veränderung im Bewusstsein der Bevölkerung herbeigeführt werde. Es müsse endlich eingesehen werden, dass „das Schwimmen nicht nur gesund sondern vor allem überlebenswichtig ist“. Und auch um zu verhindern, dass aus Deutschland einmal ein richtiges Nichtschwimmerland wird.

Die diesjährige Martha-Preisträgerin Petra Zickler (64), die sich das Schwimmen selbst beigebracht hat, wie sie sagt.
Die diesjährige Martha-Preisträgerin Petra Zickler (64), die sich das Schwimmen selbst beigebracht hat, wie sie sagt. FOTO: Rainer Könen