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| 15:00 Uhr

Hoyerswerda
Mehr Lärmschutz? Nicht mit der Bahn

Nach dem Ausbau dieser Niederschlesischen Magistrale werden deutlich mehr Züge an Lauta, Schwarzkollm und Hoyerswerda vorbeifahren. Wie viele es werden, kann die DB Netz AG nicht sagen. Prognosen gehen von rund 120 Zügen pro Tag aus.
Nach dem Ausbau dieser Niederschlesischen Magistrale werden deutlich mehr Züge an Lauta, Schwarzkollm und Hoyerswerda vorbeifahren. Wie viele es werden, kann die DB Netz AG nicht sagen. Prognosen gehen von rund 120 Zügen pro Tag aus. FOTO: LR / Sascha Klein
Hoyerswerda. Hoyerswerda hofft bei mehr Güterzügen auf ein Entgegenkommen der Bahn beim Lärmschutz. Doch sie scheint nicht zu Kompromissen bereit. Von Sascha Klein

 Dienstag, 17 Uhr: Hohe Erwartungen, volle Besucherränge beim Hoyerswerdaer Stadtrat, eine kurze kalte Dusche: der Hauptakteur fehlt. Bahn-Vertreter Falk Hebenstreit hat sich verspätet. Kurzes Murren seitens der Besucher. Zehn Minuten später rauscht Hebenstreit wie ein ICE auf der Ausbaustrecke in den Ratssaal.

Nun ist Hebenstreit da und setzt an zum Vortrag. Was alle wissen wollen: Wie viele Züge kommen ab Eröffnung der Strecke zwischen Knappenrode und Horka tatsächlich durch Hoyerswerda und Schwarzkollm? Wie wird der Lärmschutz geregelt? Wenn plötzlich einige Dutzend Züge mehr als sonst kommen, hoffen alle auch auf mehr Lärmschutz.

Was Hebenstreit dann erklärt, muss die meisten Anwesenden überrollt haben. Denn: Sie erfahren wenig. Der Bahn-Vertreter macht die Ausgangslage deutlich: Für Zusagen links und rechts des Hauptstranges – also der gesetzlichen Vorgaben – ist kein Platz.

Beispiel Zugverkehr: Noch ist völlig unklar, wie viele Züge nach dem Ausbau der Niederschlesischen Magistrale den Bereich zwischen Hosena und Knappenrode passieren werden. Was klar ist: Laut Bundesverkehrswegeplan schätzt die DB Netz AG, dass auf der Strecke etwa 140 Züge täglich verkehren werden. Klar ist dabei nur die Anzahl der Regionalzüge: Sie haben deshalb immer die gleiche Anzahl. Es sind täglich jeweils zehn pro Richtung zwischen Hoyerswerda und Knappenrode (Richtung Görlitz) sowie 28 zwischen Hoyerswerda und Hosena (Richtung Dresden und Leipzig). Die große Unbekannte ist die Anzahl der Güterzüge. Die Bahn schätzt, dass es täglich 36 in jede Fahrtrichtung sind. Verbindlich sei das jedoch nicht, betont Hebenstreit. Schließlich könne niemand sagen, wer wann welchen Auftrag bekommt und dann mit Ladung Richtung Polen oder Westeuropa unterwegs sein wird.

Laut Hebenstreit verfügen private Anbieter in Deutschland über rund 120 000 Güterwagen. Sie würden die Nutzung der Strecke bei der DB Netz AG anmelden. Die Zahl könne Tag für Tag unterschiedlich sein. Klar sei nur: „Das Ziel ist, Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlegen“, sagt der Bahn-Vertreter. Das bedeutet: Die Anlieger zwischen Lauta, Schwarzkollm, Hoyerswerda, Knappenrode und Lohsa müssen einfach abwarten, wie sich der Verkehr entwickelt. Das dürfte für alle Betroffenen ernüchternd sein. Da hilft es Anliegern auch wenig, dass alle Wagen ab 2020 mit Flüsterbremsen ausgestattet sein müssen, die den Lärm laut Bahn-Angaben dann nahezu halbieren.

Ebenfalls ernüchternd ist die Aussicht auf weiteren Lärmschutz zwischen Lauta und Hoyerswerda. Denn: Die Bahn definiert diesen Streckenabschnitt nicht als Neu- oder Ausbaustrecke, sondern als Sanierung. Das bedeutet: Für diesen Fall gibt es auch keinen zusätzlichen Lärmschutz. Falk Hebenstreit erklärt das mit den geltenden Gesetzen und bringt damit einige Stadträte in Rage.

Als Erster steht Linken-Fraktionschef Ralf Haenel auf und macht seinem Ärger Luft: „Die Bahn sollte auch einmal an die Menschen hier denken“, sagt Haenel und erntet Zustimmung aus dem Publikum. „Meiner Ansicht nach ist das ein wesentlicher Unterschied zu früher, wenn plötzlich viel mehr Züge fahren“, betont der Stadtrat. Bei Bahn-Vertreter Hebenstreit erntet Haenel kaum eine Regung. Er betont: Die Regeln seien so, wie sie sind. Daran halte sich sein Unternehmen. Und wenn diese Regeln besagten, dass die Bahn nicht verpflichtet sei, für zusätzlichen Lärmschutz zu sorgen, gebe es auch keinen. Für Ralf Haenel ist das alles andere ist zufriedenstellend. „Das ist eine ganz, ganz schlimme Haltung“, sagt Haenel. „Manchmal verstehe ich die Welt nicht mehr.“ Als Ausbaustrecke gilt der Abschnitt von Knappenrode nach Horka. Dort gibt es künftig ein Gleis mehr. Dort gebe es auch zusätzlichen Lärmschutz.

SPD-Fraktionschef Uwe Blazejczyk empfiehlt sogar, anwaltlich prüfen zu lassen, ob es nicht doch Möglichkeiten gibt, die Bahn zu zusätzlichen Lärmschutz-Maßnahmen zwischen Hoyerswerda und Schwarzkollm zu zwingen. „Wir müssen unsere Rechte als Kommune einklagen“, sagt er.

Ein wenig Spannung nimmt schließlich CDU-Fraktionschef Frank Hirche aus der Diskussion: „Was sollte der Herr sonst vertreten als die Linie der Deutschen Bahn?“, sagt er Richtung Stadträte und Besucher. Hirche empfiehlt, Kontakt mit dem sächsischen Wirtschaftsministerium auszunehmen, um auszuloten, ob es eine Möglichkeit gibt, Hoyerswerda in Sachen Lärmschutz zu helfen. „Wir sollten den Freistaat dabei in die Pflicht nehmen“, so Hirche.

Einen weiteren Knackpunkt spricht CDU-Stadtrat Jens Retschke an. Wenn mehr als 100 Züge täglich durch die Region rumpeln: Wie sei das mit den Schließzeiten der Schranken vereinbar? „Aktuell gibt es zum Beispiel in Lauta schon extrem lange Schließzeiten“, sagt Retschke. Bahn-Vertreter Hebenstreit bleibt eine Antwort schuldig und verweist auf die Bahn-Regularien, die jeder online nachlesen könne. Im Gespräch ist der Bau einer Brücke zwischen Schwarzkollm und Lauta. Um kurz nach 18.45 Uhr rauscht Falk Hebenstreit schließlich aus dem Ratssaal. Das ernüchternde Fazit: Wenige Monate vor Ende des Baus lässt sich nun kaum noch etwas an den Planungen ändern. Womöglich haben Stadtverwaltung und Stadtrat in Sachen Lärmschutz zu spät reagiert.

Falk Hebenstreit ist Leiter Planung und Steuerung der DB Netz AG im Bereich Dresden.
Falk Hebenstreit ist Leiter Planung und Steuerung der DB Netz AG im Bereich Dresden. FOTO: LR / Sascha Klein