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| 16:24 Uhr

Hoyerswerda
Mehr Fokus auf Hoyerswerda

 Marcel Braumann ist neuer Vorsitzender des Regionalverbands „Handrij Zejler“ Hoyerswerda/Wojerecy der Domowina. Er wohnt in Luga und ist verheiratet.
 Marcel Braumann ist neuer Vorsitzender des Regionalverbands „Handrij Zejler“ Hoyerswerda/Wojerecy der Domowina. Er wohnt in Luga und ist verheiratet. FOTO: LR / Sascha Klein
Hoyerswerda. Hoyerswerdas Domowina-Regionalverband hat endlich einen neuen Vorsitzenden. Er hat eine besondere Geschichte – und viel vor. Von Sascha Klein

Marcel Braumann steht im Flur des Hauses der Domowina in Hoyerswerda und steuert auf eine Tür zu. An dieser Tür steht „zupan“ – das Büro des neuen Vorsitzenden. Es ist jetzt sein Büro. Er bittet hinein. Das Zimmer ist noch spartanisch eingerichtet.  Auf einem Tisch stehen Kaffee, Tee, Gebäck und ein paar Tassen. Hinter Braumann betritt Gabriela Linack das Zimmer. Sie ist die Beauftragte für sorbische Angelegenheiten im Hoyerswerdaer Rathaus und langjähriges Vorstandsmitglied im Hoyerswerdaer Regionalverband der Domowina.

Auf einen wie Marcel Braumann haben die Sorben in der Hoyerswerdaer Region lange gewartet. Fünf Jahre lang ist der Vorsitzenden-Posten vakant gewesen. Trotzdem ist es für den 55-Jährigen aus Luga bei Nesch­witz kein Neuanfang. Er kennt seit Jahren die Domowina genau, sitzt im Bundesvorstand – und er schätzt diese Region Hoyerswerda als das historische Zentrum des sorbischen Lebens in der Lausitz. „In Hoyerswerda herrscht eine entspannte Atmosphäre“, sagt er. Seine Frau und er seien Seenland-Fans und fahren gerne Fahrrad. Sie fahren auch gerne zum Shoppen oder für einen Kino-Besuch von Luga aus in die Stadt. Zudem hat er etwas Besonderes am Hoyerswerdaer Zoo ausgemacht: „Es ist der einzige Zoo, der die sorbische Sprache unterstützt“, betont er. „Das ist wichtig. Schließlich sollen vor allem Kinder ihre Muttersprache als etwas Normales erleben.“

Marcel Braumann hat als neuer Vorsitzender des Domowina-Regionalverbandes Hoyerswerda eine besondere Vita: Er ist – und das passt nach Hoyerswerda – ein Zugezogener. Zudem ist er kein Muttersprachler. Aufgewachsen in Hamburg hat der Sohn einer ursprünglich aus Polen stammenden Familie erst kurz nach dem Jahr 2000 zum Sorbischen gefunden. Damals ist er 37 Jahre alt gewesen. Er hat sich das Obersorbische autodidaktisch beigebracht, mithilfe eines alten DDR-Lehrbuchs. Er hat in Dresden sorbische Sprachkreise besucht und so lange gepaukt, bis er Sorbisch sowohl gut sprechen als auch schreiben konnte. „Ich habe die slawischen Wurzeln meiner Vorfahren wieder aufgreifen wollen“, sagt er. Zu Polnisch habe er jedoch keinen Bezug gehabt. So ist er auf das Sorbische gekommen. Seine Frau hat er 2004 kennengelernt. „Ohne sorbische Sprachkenntnisse hätte ich keine Chance bei ihr gehabt“, sagt er und lacht. Sie stammt aus der sorbischen Oberlausitz.

Anfang der 1990er-Jahre ist Marcel Braumann als Journalist nach Ostdeutschland gekommen, hat in Magdeburg eine Wochenzeitung mitgestaltet, war kurzzeitig Polizeireporter und schließlich einige Jahre Landeskorrespondent für das Neue Deutschland in Dresden. Seit Ende 1999 arbeitet Braumann bei der Landtagsfraktion der Linken in Dresden, ist dort Pressesprecher und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit.

Ein Ziel für Marcel Braumann ist jetzt, Hoyerswerda wieder ein wenig mehr auch in den sorbischen Fokus zu rücken. Dort ist im Jahr 1912 die Domowina – der Bund Lausitzer Sorben – gegründet worden. Hoyerswerda liegt in der Mitte zwischen den sorbisch/wendischen Zentren Bautzen und Cottbus. „Ein Ziel ist natürlich auch eine gerechte Regionalverteilung von sorbischen Institutionen“, sagt Braumann. In Hoyerswerda ist derzeit keine. Es werde Zeit, dass auch die Stadt eine bekäme. Auch für Gabriela Linack wäre das ein großartiges Signal für Hoyerswerda. Bis jetzt spielen sich Leben, Tradition und Brauchtum der Sorben vor allem in den Ortsteilen ab. „Wir sind nicht nur ein Eier malendes Volk. Wir sind mehr“, sagt sie. Marcel Braumann stimmt ihr zu. Er sagt, auch die Deutschen sollten einmal darüber nachdenken, was sie am sorbischen Volk hätten: ein Alleinstellungsmerkmal in ganz Deutschland. „Sorbisch kann zu einer Marke für Hoyerswerda werden“, betont er. Deshalb hofft Gabriela Linack, dass bald auch mehr Informationen über das sorbische Volk bei der Tourist-Info in Hoyerswerda zu finden sind. „Gäste sollten sofort wissen, wer wir sind und was uns ausmacht“, betont sie. Die Domowina arbeitet zurzeit an einem neuen Flyer.

Ebenso hofft sie, dass es in der künftigen Oberschule im Hoyerswerdaer WK I wieder Sorbisch-Unterricht gibt. Sorbisch gibt es an der Adler-Grundschule, über Arbeitsgemeinschaften am Lessing-Gymnasium und am Johanneum, aber an keiner Oberschule. Gerade die Absolventen der Oberschulen seien die, auf die das Handwerk auch in der Lausitz setzt, betont Braumann.

Sprache – das ist vor allem für das sorbische Volk das Verbindende. Mit seiner Frau spricht Marcel Braumann zu Hause natürlich sorbisch, auch innerhalb der Domowina ist es nicht nur Amts-, sondern vor allem Heimatsprache. Gabriela Linack sagt, im Lausitz-Center falle ihr natürlich auf, wenn um sie herum manchmal sorbisch gesprochen wird. Sie und der neue Regionalverbands-Vorsitzende würden sich freuen, wenn mehr Sorben in der Öffentlichkeit zeigen würden, dass sie Sorben sind. „Die Sprache muss gesprochen werden“, sagt Gabriela Linack. „Sie darf in 100 Jahren nicht nur noch an den Ortseingangsschildern zu finden sein.“