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| 14:18 Uhr

Bernsdorf
Mehr als einmal um den Erdball geradelt

Adelheid Schülke am Orgelpositiv im Kirchgemeindehaus Bernsdorf.
Adelheid Schülke am Orgelpositiv im Kirchgemeindehaus Bernsdorf. FOTO: Heinz Hirschfeld
Bernsdorf. Adelheid Schülke hat jahrzehntelang Orgel in Bernsdorf und Umgebung gespielt. Von Heinz Hirschfeld

Der fast 76-jährigen Adelheid Schülke juckt es so manches Mal in den Fingern, nachdem sie das Schicksal zwang, 2014 nach mehr als 50 Jahren den Dienst an der Kirchenorgel in Großgrabe, Bernsdorf, und anderen kleineren Predigtstellen zu quittieren. Nach Beinbruch und Schlaganfall sowie damit zusammenhängenden Leiden ist sie nicht mehr die Adelheid Schülke von damals. Statt Fahrrad fährt sie jetzt Rollator.

Aber sie hat im betreuten Wohnen der Awo in Bernsdorf eine wunderschöne ebenerdige Wohnung gefunden. Somit braucht sie keine Treppen mehr zu steigen. Und sie hat auch einen neuen Lebensinhalt gefunden, der die Rentnerin nach vorn blicken lässt. In ihrer Bernsdorfer Kirchgemeinde singt sie im Kirchenchor, den Kantor Johannes Leue leitet.

In der „ereignisarmen Zeit“ im Sommer organisiert er für Interessenten Orgeltouren. Da war Adelheid Schülke bisher immer dabei. Sie schwärmt heute noch von einem Besuch in der Bautzener Orgelwerkstatt der Firma Eule. Stolz ist sie, dass sie auch schon im Hoyerswerdaer Oratorienchor mitsingen durfte.

Als die gebürtige Straßgräbchenerin mit 16 Jahren vor der Berufswahl stand, kam für die Klavier spielende und gern singende Adelheid nur etwas in Richtung Musik infrage. Aber es kam anders. Die in den Landwirtschaftsbetrieb der Eltern hineingeborene Christin verlor seinerzeit durch einen tödlichen Ernteunfall ihre Großmutter. Das hatte auch für Adelheid Schülke Konsequenzen. Nach einer Berufswahl in Richtung Musik brauchte sie gar nicht mehr zu schielen; sie musste sich zum Landwirt ausbilden lassen. Nebenbei erlernte sie in Kamenz das Orgelspiel.

Schon damals herrschte ein Engpass an Organisten, und so dauerte es nicht lange und Adelheid Schülkes Wochenenden waren ausgefüllt. Zuerst in Großgrabe. Da wurde sie zu Heiligabend kalt überrascht, als sich herumsprach, dass der Organist vormittags den Christbaum daheim geschmückt hatte und danach plötzlich verstarb. So musste Adelheid Schülke abends an der Orgel sitzen, und ab und zu im Altarraum beim Krippenspiel die Maria spielen.

Ihre Zuverlässigkeit und Einsatzbereitschaft sprachen sich schnell herum. Um von A nach B zu gelangen, und dann von B nach C musste sie sich auf dem Fahrrad abstrampeln. „Das war nicht immer ein Zuckerlecken, denn es gab noch keinen Radweg zwischen Straßgräbchen und Bernsdorf“, erinnert sie sich. Bei Regen und Glatteis landete sie auch manchmal im Dreck, und dann noch Orgelspielen – das gelang nur mit großem Enthusiasmus. In den reichlich 50 Jahren ist sie mehr als einmal um den Erdball gefahren.

Heute vermisst Adelheid Schülke zwar das Orgelspiel sehr, doch wer die kleine Frau kennt, der weiß auch, dass sie zu denen gehört, die niemals Nie sagen werden. Sie ist Gott dankbar, dass sie noch von etwas Großem träumen darf. Die elfmalige Oma würde gern mal an einer Silbermannorgel spielen.