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Martha wartet auf Regina Elsner

Regina Elsner blättert zu Hause in einem Fotobuch, das an die 15. Auflage des Projekts "Wider das Vergessen" erinnert.
Regina Elsner blättert zu Hause in einem Fotobuch, das an die 15. Auflage des Projekts "Wider das Vergessen" erinnert. FOTO: Hartmut Landes
Hoyerswerda. Am 13. März wird Regina Elsner aus Hoyerswerda-Dörgenhausen die Martha-Plastik als Anerkennung für ihr ehrenamtliches Engagement erhalten. Die Initiatorin des Projekts "Wider das Vergessen" fühlt sich stellvertretend für viele Mitstreiter geehrt. Hartmut Landes

Regina Elsner kann nicht anders. Wenn es um Menschlichkeit geht, um Hilfe für andere, besonders für Schwächere, dann kann sie nicht schweigen und ruhig sitzen. Dann steht sie auf und sagt ihre Meinung. Das hat sie praktisch mit in die Wiege gelegt bekommen. Sie hat es erlebt, als sie klein war, in ihrem Zuhause im Erzgebirge. Mutter und Vater haben es ihr vorgelebt. Sie sagt, es sei ein kommunistisch geprägtes Elternhaus gewesen, in dem sie aufgewachsen ist. Und sie spricht voller Achtung von ihrer Mutter: "Sie war eine einfache Frau mit hellwachem Geist und einem guten Herzen."

Die Mutter war es, die russische Zwangsarbeiter aus dem Fabrikgelände schleuste, um sie mit Essen zu versorgen. Sie war es auch, die der damals kleinen Regina beibrachte, wie sie ukrainischen Kindern, die Zwangsarbeit in ihrer sächsischen Heimat verrichten mussten, etwas Essbares zukommen lassen konnte.

Die Erinnerungen daran sind hellwach bei Regina Elsner, die als junge Frau Kindererzieherin lernte und die vor mehr als einem halben Jahrhundert mit ihrer Familie nach Hoyerswerda kam. Sie hat den Aufbau der Stadt miterlebt, teilweise mitgestaltet. Als Stadtrat für Gesundheit und Sozialwesen war sie auch für Kinderbetreuung zuständig.

53 Jahre war sie, als die Mauer fiel. Im vereinigten Deutschland wurde sie arbeitslos. Sie suchte Antworten auf viele Fragen. Was war richtig? Was hast Du falsch gemacht? Welchen Anteil hast Du an der Entwicklung? Regina Elsner hat Antworten gefunden. In Bautzen, in Gesprächen mit Opferverbänden, den Frauen von Hoheneck.

Regina Elsner vertritt andere Opfer. Sie war Mitbegründerin des Stadtverbandes der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes -Bund der Antifaschisten. (VVN). Heute ist sie dessen Vorsitzende und auch 1. Sprecherin des Landesverbandes Sachsen. Unter dem Eindruck der rechtsradikalen und rassistisch motivierten Übergriffe auf Ausländer in ihrer Heimatstadt und deren Auswirkungen initiierte sie vor 18 Jahren das Projekt "Wider das Vergessen" an Hoyerswerdaer Schulen. Mit Hilfe von Zeitzeugen wird dabei Schülern Wissen über das menschenverachtendste Regime vermittelt, das es in Deutschland gegeben hat. Als sie die Idee dazu hatte, wusste Regina Elsner nicht, was kommen würde. Einen Zettel an der Wandtafel im ehemaligen Zuse-Gymnasium durfte sie am Wandbrett anbringen. Wer hat Interesse an einem Gespräch mit einem NS-Opfer? Mehr als 100 Schüler hatten sich eingetragen. "Ich war überwältigt", sagt die Initiatorin heute. Kurt Goldstein, Jude, Spanienkämpfer und Überlebender von Auschwitz war der erste Zeitzeuge, den Regina Elsner und ihre Mitstreiter an eine Schule nach Hoyerswerda holten.

In fünf Schulen läuft das Projekt nun seit fast zwei Jahrzehnten. Zwölf Mal waren Schüler in der Gedenkstätte des KZ Auschwitz. Ohne Unterstützung wäre das nicht möglich. Privatpersonen, regionale und selbst überregionale Unternehmen auch Politiker helfen mit Spenden. "Parteiübergreifend", betont Frau Elsner. Sie findet: "Was in unserer Stadt parteiunabhängig gegen rechte Ideologie und in Sachen Hilfe für Asylbewerber getan wird, ist beispielgebend." Dennoch mahnt sie, es seien noch zu wenige, die in die Öffentlichkeit gehen. Und warnt: "Angst ist ein schlechter Ratgeber. Das Projekt "Wider das Vergessen" will sie so lange wie möglich fortsetzen. Auch wenn es schwerfalle, die Qualität zu halten. Die Zeitzeugen werden nicht jünger, mittlerweile setzt die Initiatorin schon auf die zweite Generation der Zeitzeugen. Doch es sei wichtig, die Erinnerung wach zu halten, sagt Regina Elsner bestimmt. Dafür wird sie weiter eintreten.

Zum Thema:
Der Martha-Preis wird seit 1998 anlässlich des internationalen Frauentags an eine besonders engagierte ehrenamtlich tätige Frau aus Hoyerswerda verliehen. Die Idee wurde vom Frauenarbeitskreis Gleichstellung geboren. Erste Preisträgerin war Helga Borch.