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| 18:26 Uhr

Lumpenzöpfe verstopfen Pumpen

Stinkende Angelegenheit: Kanalreiniger Frank Tobias zieht einen langen Ballen aus dem verstopften Pumpwerk. Dieser Ballen enthält über die Toilette weggespülte Feuchttücher, die die Abwasserpumpen immer häufiger verstopfen.
Stinkende Angelegenheit: Kanalreiniger Frank Tobias zieht einen langen Ballen aus dem verstopften Pumpwerk. Dieser Ballen enthält über die Toilette weggespülte Feuchttücher, die die Abwasserpumpen immer häufiger verstopfen. FOTO: Anja Guhlan/ang1
Hoyerswerda. Feuchttücher verstopfen die Kanalisation. Die Versorgungsbetriebe Hoyerswerda appellieren an Bürger diese in Mülleimern zu entsorgen. Anja Guhlan / ang1

Für das Baby, das Gesicht oder die Badreinigung: Feuchttücher werden Haushalten immer beliebter. Zu einem Problem werden sie allerdings, wenn sie nach der Benutzung in die Toiletten geworfen werden. Bei den Versorgungsbetrieben verstopfen sie dann die Pumpwerke. Deren Reinigung ist aufwendig und teuer.

"Dass Feuchttücher eigentlich in den Mülleimer gehören, wissen viele Bürger nicht", sagt Bernd Holst, Bereichsleiter Vertrieb bei den Versorgungsbetrieben Hoyerswerda (VBH). Die reißfesten Tücher aus Vlies lösen sich nämlich nicht auf, sondern lagern sich in der Kanalisation ab oder blockieren auf dem Weg zum Klärwerk Pumpen. Immer wieder müssen Entstörungsteams zusätzlich ausrücken, um Abwasserpumpen von Verstopfungen zu befreien.

So sind auch am Mittwoch Kanalreiniger der Firma Glau-Con in Hoyerswerda unterwegs, um im Pumpwerk am Bahndamm zwei verstopfte Abwasserpumpen von Abfall zu befreien. Der Aufwand ist enorm: Nachdem die Schachtdeckel zum Pumpwerk geöffnet wurden, wird zunächst der Gang nach unten mit einem Wasserhochdruckstrahl vom Schmutz befreit. Dann steigt Kanalreiniger Frank Tobias in den sieben Meter tiefen Schacht hinab, um die Pumpe einzuhaken. Im Anschluss zieht ein Dreibock die Pumpe hinauf, damit Frank Tobias sie reinigen kann.

Mit vollem Körpereinsatz zieht der Kanalreiniger einen etwa halben Meter langen, stinkenden Ballen heraus. "Lumpenzöpfe" werden diese Gebilde von den Wasserwerkern genannt. Der Zopf ist nicht sehr dick, aber stark verzwirbelt.

"Heute geht der Abfall noch", sagt Frank Tobias. "Manchmal müssen wir auch das Pumpwerk aufschrauben, um an die Zöpfe zu kommen."

Manchmal können diese Zöpfe so mächtig sein, dass sie die Pumpen, durch die in jeder Stunde 70 Kubikmeter Abwasser fließen, regelrecht abwürgen. Das könnte zur Folge haben, dass ein Pumpwerk ausfällt. Im schlimmsten Fall staut sich das Abwasser so, dass es in Keller läuft oder nicht von der Straße fließt.

"Deshalb reinigen wir schon einmal jährlich alle unsere 65 Pumpwerke. Doch immer öfter müssen wir zusätzlich raus, um die Pumpen zu reinigen", erläutert Marcel Gräfe, Arbeitsvorbereiter für das Abwasser bei der VBH. Und das kostet zusätzlich 10 000 Euro im Jahr. Es stellt aber auch eine personelle Zumutung dar: Das Problem ist derzeit nicht maschinell zu lösen. Arbeiter müssen die Masse mühsam mit den Händen in den Schächten lockern und herausziehen.

Die VBH als Betreiber der Abwasseranlagen bittet nun Bürger darum, die Feuchttücher nur sparsam zu nutzen und in den Hausmüll zu werfen. Gleiches gilt übrigens auch für andere häufige Irrläufer in den Abwasserkanälen wie Zigaretten, Tampons, Kondome, Medikamente, Essensreste oder Fett. Wenn alle Bürger dies beherzigen, leisten sie nicht nur etwas für die Umwelt, sondern entlasten auch gleichzeitig ihren Geldbeutel. Denn Folgen von Verstopfungen in Pumpwerken könnten am Ende alle Verbraucher über die Abwasserentgelte oder -gebühren tragen.

Zum Thema:
Feuchttücher bestehen aus Materialien wie Polyester, Viskose, Zellstoff oder Baumwolle. Deshalb sind sie reißfest und zersetzen sich nicht im Wasser, selbst wenn auf den Verpackungen etwas anderes steht. Außerdem sind sie mit Reinigungslösungen getränkt. Essenreste und Fett verstopfen nicht nur die Abwasserkanäle, sondern locken auch Ratten an. Dass Toiletten und Spülbecken keine Abfallentsorgungsbehälter sind, ist sogar gesetzlich geregelt: Das Wasserhaushalts- und das Kreislaufwirtschaftsgesetz verbieten es, Abfälle über das Abwasser zu entsorgen. (ahu)