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| 14:02 Uhr

Taekwondo in Hoyerswerda/Mit Video
Die schwarze Kunst des Kampfsports

Hoyerswerda. Lucy Schmidt ist Hoyerswerdas einzige aktive Taekwondo-Sportlerin mit Schwarzgurt. Ihr Trainingsgeheimnis: Kämpfen mit Köpfchen. Von Anja Hummel

Kraft alleine ist nicht alles. Taekwondo ist vor allem eines: Kopfsache. Dass Lucy ausreichend Wucht und Härte besitzt, um ein zwei Zentimeter dickes Holzbrett in mehrere Teile zu zerschmettern, das weiß sie längst. Und trotzdem ist sie in ihren letzten Versuchen gescheitert. Dieses Mal darf ihr das nicht passieren. Der erste Hieb muss sitzen, sie spürt die Prüfer in ihrem Nacken. Sie will ihn haben, den begehrtesten Gürtel von allen. Doch dafür muss sie jetzt auf der Matte den Durchbruch schaffen. Sie ist aufgeregt, sammelt all ihre Kräfte zusammen. Sie springt, trifft mit dem Fuß das erste Brett, dreht sich und haut mit ihrem Ellenbogen gegen Holzstück Nummer zwei. Volle Punktzahl für Lucy. „Ich habe mir jemanden vorgestellt, den ich nicht mag und meine ganze Wut rausgelassen. Das tat gut“, erzählt sie knapp einen Monat nach der Prüfung und lacht. „Ja“, sagt die 20-Jährige, „es war ein Mann.“ In ihrem strahlend weißen Dobok – dem Kampfsport-Anzug – steht die junge Frau in einer Hoyerswerdaer Turnhalle. Um ihre Hüfte trägt sie etwas ganz Besonderes: einen Schwarzgurt. Seit Dezember ist sie in Hoyerswerda die einzige aktive Kampfsportlerin mit dieser Auszeichnung.

Im Bayerischen Dillingen hat sie im Dezember ihre Prüfung zum ersten Dan abgelegt. Der Bruchtest am Holzbrett hat ihr dabei die meisten Schweißperlen auf die Stirn getrieben. Am Ende wurden daraus echte Freudentränen. Neben dem schwarzen Gürtel gab es Urkunde und passenden Lichtbildausweis. „Falls mich die Polizei mal anhält“, scherzt die Lausitzerin. Stolz hält sie die blaue Mappe in der Hand. Seit elf Jahren trainiert sie Taekwondo. Von der ersten Minute an wollte sie Schwarzgurt-Trägerin werden. Was das bedeutet? Schwarz, das ist die Farbe der Meister. Davor werden weiße, gelbe, grüne Gürtel und andere Farbvarianten getragen – je nach Erfahrung und Können. Doch in der Praxis ist der Kampfsport weitaus mehr als eine Gürtelfarbe. „Mir hat das Training von Anfang an Selbstbewusstsein gegeben“, erzählt die Lautaerin, die im Budosportverein (BSV) 16 Hoyerswerda ehrenamtlich als Trainerin im Einsatz ist. Schließlich geht es beim Sport um die Grundlagen der Selbstverteidigung. Lucy kann den Sport jedem nur ans Herz legen. „Es ist erschreckend, aber wir hören immer wieder von Mobbing und körperlichen Angriffen, die selbst schon in der Kita vorkommen“, erzählt sie. Wer Taekwondo kann, kann sich wehren. Für die einfache Verteidigung ohne großen Kraftaufwand hat sie sofort jede Menge Tipps parat. Sie spricht von schmerzhaften Druckpunkten und greift sich selbst an den Hals, erfühlt mit Mittelfinger und Daumen ihre Lymphknoten. „Dann muss man einfach nur zudrücken“, sagt sie. Außerdem schwört Lucy auf den Oberarm-Trick – vor allem, wenn man große Brüder im Haus hat. „Einmal kurz zusammenkneifen, die Haut nach unten ziehen und es gibt sofort einen blauen Fleck.“ Sie lacht. Das zwiebelt ordentlich. Wären ihre drei Brüder da, sie würden es bestätigen.

Doch ganz abgesehen von der Lehre der Selbstverteidigung hat Taekwondo für die Lautaerin auch einen großen Ästhetik-Zauber. „Es ist eine Kunst, die damit ausgestrahlt wird.“ Körperliche Fitness, Konzentration, Schnelligkeit – Taekwondo ist ein Zusammenspiel aus allem.

 Stolze Lucy:Nach der Prüfung hat sie eine Urkunde erhalten - samt Ausweis mit Lichtbild.
Stolze Lucy:Nach der Prüfung hat sie eine Urkunde erhalten - samt Ausweis mit Lichtbild. FOTO: LR / Anja Hummel

Und was kommt nun – nach dem Schwarzgurt? Die nächste Prüfung wäre der zweite Dan, erzählt die 20-Jährige. „Aber ich mach mir keinen Stress.“ Dann schweift sie doch ab, spricht vom Großmeister-Titel, dem fünften Dan. In ihren Augen blitzt Ehrgeiz auf. Aber sie schüttelt mit dem Kopf. „Jetzt konzentriere ich mich erst mal auf das Training.“ Ihre Schüler sind Kinder, Erwachsene, Gehandicapte. „Man lernt einfach nie aus“, schwärmt Lucy von ihrem Trainerdasein. Ihr selbst hat der Kampfsport vor allem gezeigt, dass man nie aufgeben, immer an sich glauben sollte und seine eigene Kraft – körperlich wie geistig – nie unterschätzen darf. Und zwar nicht nur in der Turnhalle mit Gürtel um der Hüfte – sondern zu jeder Zeit und an jedem Ort.

 Lucy Schmidt (20) aus Lauta ist die einzige aktive Taekwondo-Sportlerin in Hoyerswerda, die einen Schwarzgurt trägt.
Lucy Schmidt (20) aus Lauta ist die einzige aktive Taekwondo-Sportlerin in Hoyerswerda, die einen Schwarzgurt trägt. FOTO: LR / Anja Hummel
 Lucy Schmidt in Aktion: Hier trainiert sie mit einem gewaltigen Sprung den Bruchtest an der Pratze.
Lucy Schmidt in Aktion: Hier trainiert sie mit einem gewaltigen Sprung den Bruchtest an der Pratze. FOTO: LR / Anja Hummel
 Selbstverteidigung für Anfänger: Ein beherzter Griff an die Lymphknoten zwingt auch starke Menschen in die Knie.
Selbstverteidigung für Anfänger: Ein beherzter Griff an die Lymphknoten zwingt auch starke Menschen in die Knie. FOTO: LR / Anja Hummel