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| 19:04 Uhr

LR vor Ort
An Zukunft denken heißt regional denken

Im Podium bei RUNDSCHAU-Moderatorin Anja Hummel (l.) waren Brauerei-Chef Stefan Glaab und die Einzelhändlerinnen Birgit Bensch und Martina Küpferling.
Im Podium bei RUNDSCHAU-Moderatorin Anja Hummel (l.) waren Brauerei-Chef Stefan Glaab und die Einzelhändlerinnen Birgit Bensch und Martina Küpferling. FOTO: LR / Catrin Würz
Wittichenau. In Wittichenau wollen Händler, Gewerbetreibende und die Stadtverwaltung jetzt gemeinsam nach Modellen suchen, um die Menschen für mehr regionales Denken und Handeln zu motivieren. Bei einer von der RUNDSCHAU organisierten Diskussion kamen viele kluge Ideen und klare Worte auf den Tisch. Von Catrin Würz

Ist der Einzelhandel in Kleinstädten wie Wittichenau noch zu retten? Ist das Ladensterben zu bremsen? Diese Frage treibt in Wittichenau Geschäftsinhaber und Gewerbetreibende ebenso um wie den Stadtbrauerei-Chef und den Bürgermeister. Seit in den zurückliegenden Jahren auch im florierenden Wittichenau immer öfter Geschäftsräume mitten in der Stadt leer bleiben, weil ausscheidende Laden-Inhaber keine Nachfolger mehr finden, ist die Sorge groß. Mit Eventveranstaltungen wie dem jährlichen „Feuerzauber“ machen die Wittichenauer Händler zwar auf sich und ihre Leistungen aufmerksam. Wohl wissend, dass sie gegen ein gesellschaftliches Phänomen ankämpfen: Im Preiskampf um „immer billiger“ haben es die kleinen Geschäfte gegen Onlinehandel und große Mode-Ketten in Riesen-Shoppingcentern schwer. „Der Wandel hat auch unsere kleine Stadt erreicht. Noch gibt es viele schöne Geschäfte. Aber was wird in fünf oder zehn Jahren sein?“, macht sich Birgit Bensch Sorgen.

Die Geschäftsinhaberin des Babylädchens in Wittichenau sitzt am Montagabend deshalb auch im Podium eines von der LAUSITZER RUNDSCHAU organisierten Gedanken- und Ideenaustausches, der in den Räumen der Wittichenauer Stadtbrauerei stattfindet. Die Heimatzeitung ist mit ihrer Reihe „LR vor Ort“ in Wittichenau zu Gast. Moderatorin und Reporterin Anja Hummel führt an diesem Abend Vertreter der regionalen Wirtschaft und der Kommunalpolitik ebenso zusammen wie junge und ältere Wittichenauer. „Was kann gegen den gefährlichen Trend getan werden?“, steht die Frage im Raum.

Bürgermeister Markus Posch sagt klipp und klar: „Die Stadtverwaltung kann zwar für ein angenehmes Umfeld auf dem Marktplatz sorgen. Wir können eine schöne Begrünung und die Ordnung herstellen.

Aber damit die Kundschaft in die Geschäfte kommt, sind das Angebot und die Einstellung der Menschen mindestens genauso wichtig“, davon ist der Rathaus-Chef überzeugt. „Ohne dass sich das Denken der Menschen ändert, wird es nicht gehen. Wir müssen es schaffen, die Wittichenauer stärker zu einem regionalen Bewusstsein zu führen“, ergänzt er.

Das Publikum bei der „LR vor Ort“-Veranstaltung in Wittichenau war gut gemischt - Jüngere und Ältere waren dabei.
Das Publikum bei der „LR vor Ort“-Veranstaltung in Wittichenau war gut gemischt - Jüngere und Ältere waren dabei. FOTO: LR / Catrin Würz

Die Stadt werde nur als lebendig und attraktiv wahrgenommen, wenn es auch in der Zukunft hier Geschäfte und Gaststätten gibt. Das sieht auch Nicole Schott so, die nach Studium und Promotion in der Ferne erst vor Kurzem wieder in ihre Heimatstadt zurückgekehrt ist. „Wer in einem schönen Städtchen leben möchte, der muss auch selbst in die Geschäfte einkaufen gehen, damit sie eine Chance zum Überleben haben. Das muss in den Köpfen ankommen“, sagt die 34-Jährige. Auf der „LR vor Ort“-Veranstaltung informiert sie sich zu dem Thema und sagt, dass noch mehr Menschen für dieses Problem sensibilisiert werden müssten. Tobias Kockert, Geschäftsführer des Wittichenauer Agrarbetriebes MKH, vertritt jedoch die Absicht, dass nicht nur die Kunden neu denken sollten, sondern auch die heimische Wirtschaft neue Ansätze suchen muss. „Damit sich der Kunde am Ende für uns entscheidet, müssen wir die richtigen Angebote machen“, sagt er. Stärker als bisher sollten sich die Händler gemeinsam besondere Angebote passend zu den heutigen Bedürfnissen der Kunden erarbeiten. „Wenn wir ein Alleinstellungsmerkmal haben, dann nehmen uns das die Kunden auch dann ab, wenn es ein paar Euro mehr kostet“, erklärt er. In der Krabat-Milchwelt habe sein Unternehmen Veranstaltungen und Produkte rund um den „Krabat“ Johann von Schadowitz entwickelt. Das sei ausgesprochen gut angekommen. „Uns geht es dabei nicht darum, das Produkt zu verkaufen, sondern die Begeisterung dafür“, so Tobias Kockert. Und das funktioniere.

Die großen Frühjahrs- und Kirmes-Märkte der Krabat-Milchwelt in Kotten locken alljährlich Tausende Besucher an. „Warum hängen sich zu diesen Wochenenden nicht auch die Geschäfte in Wittichenau mit verkaufsoffenen Angeboten an diese Termine?“, ist sein Vorschlag.

Dachdeckermeister Joachim Winter hat vor zwei Jahrzehnten den inzwischen wieder eingeschlafenen Wittichenauer Handwerker- und Gewerbestammtisch mit auf die Beine gestellt. Er äußert ebenfalls die Ansicht: „So manches Unternehmen ist nicht offen genug, um neue Dinge auszuprobieren und gemeinsam mit anderen etwas zu entwickeln.“ Sein Vorschlag ist: Aus den Ortsteilen einen Shuttleverkehr organisieren, der ältere, nicht mehr mobile Einwohner zum Einkaufsbummel in die Stadt Wittichenau bringt.

Für Martina Küpferling vom Modehaus Hantschke stellt sich die Situation allerdings nicht ganz so einfach dar, als dass sie mit solchen kleinen Aufbäum-Aktionen zu lösen wäre. „Wir haben es mit der grundlegenden Änderung beim Kauf- und Konsumverhalten zu tun“, sagt sie. Onlinehandel mit Billigst-Angeboten und das Bedürfnis, bis in die späten Abendstunden hinein shoppen zu wollen - da können kleine Geschäfte wie die in Wittichenau oft nicht mithalten. Da gegenzusteuern, sei betriebswirtschaftlich und für die Ladeninhaber oft auch rein körperlich Schwerstarbeit.

Welche Wege führen trotzdem dazu, auch neue, junge Kundschaft zu gewinnen? Für Alex Scholze ist die Nutzung des Internets dabei unabdingbar. Der 25-jährige Vorsitzende des größten Jugendklubs von Wittichenau, dem United Clubs für Kulow e.V., glaubt, dass ein gemeinsamer Online-Auftritt der Wittichenauer Einzelhändler erfolgversprechend sein „und bei den Jugendlichen punkten“ könnte.

Erste Ansätze gibt es dafür schon: Die Stadt Wittichenau wird in Kürze ihre neue Website online stellen. „Wir haben dort dem Handel und Gewerbe ein größeres Augenmerk gewidmet“, sagt Bürgermeister Markus Posch. Ob es künftig ein eigenes Citymanagement in Wittichenau geben kann - wie es an dem Abend auch Gärtnermeister Matthias Zschorlich und Gerold Kochta als Inhaber einer Versicherungsagentur fordern, bleibt offen. Das muss geprüft werden, sagt der Rathaus-Chef.

Klar ist nach dem Zwei-Stunden-Gespräch am Montag auf jeden Fall: Ein Stein ist ins Rollen gekommen. Die Suche nach neuen Ansätzen für die heimische Wirtschaft soll in Wittichenau fortgesetzt werden. Die RUNDSCHAU hat dafür den Anstoß gegeben - und bleibt auch weiter dran.