Otto Müller gehört zu den insgesamt acht Tätzschwitzern, die täglich punkt 18 Uhr für fünf Minuten die kleine Glocke läuten. Am Sonnabend erklingen beide – die kleine und die große Glocke. „Dann wird der Sonntag eingeläutet“, erklärt die Tätzschwitzerin Martina Petschick, die zweimal jährlich den Läuteplan erstellt: Immer zwei Ehrenamtliche übernehmen die Aufgabe monatlich für jeweils eine Woche. Dazu gehören auch Küstertätigkeiten wie Saubermachen, Wechsel der Paravente entsprechend der Farbe der Sonntage, das Besorgen frischer Altarblumen ... Seit etwa neun Jahren übernimmt Otto Müller den Dienst. Also hat er mindestens 756 Mal das Zugseil betätigt. Nicht eingerechnet sind dabei die zusätzlichen Läutedienste zu den Gottesdiensten, bei Trauungen, Taufen und christlichen Bestattungen, bei denen übrigens auch beide Glocken klingen. Am Ostersonntag und zu Neujahr sind sie um 6 Uhr morgens beziehungsweise um Mitternacht für jeweils eine Viertelstunde zu hören. Nur an einem Tag, dem stillen Samstag vor Ostern, schweigen sie. Anfang der 80er-Jahre haben die Tätzschwitzer den Läutedienst eingeführt. „Bis dahin hatten wir noch eine angestellte Küsterin“, sagt Martina Petschick. Mit der Läutegemeinschaft hätte der Gemeindekirchenrat damals die angestrebte langfristige Lösung gefunden. „Bis jetzt hat auch immer alles geklappt.“ Wer aus dem Dienst scheidet, kümmert sich in der Regel um einen Nachfolger. „Man muss die Leute einfach gezielt ansprechen.“ Selten sei es vorgekommen, dass das Läuten von jemandem schlicht vergessen wurde: „Das kann passieren und ist menschlich.“ Der Tätzschwitzer Heinz Hoffmann ist dienstältester Läuter – er ist seit Beginn dabei. In Martin Hafemann hat das Dorf schon mal einen „Nachwuchsglöckner“ gefunden. Seit einem Jahr unterstützt er seinen Opa; der hat ihn auch an die Aufgabe herangeführt. „Erst wollte ich nicht, aber das hat Opa nicht gelten lassen.“ Mittlerweile ist der Jugendliche begeistert bei der Sache. „Auf die Ohren“ geht die Tätigkeit übrigens nicht: Das Zugseil wird von ebener Erde aus betätigt. Während des Läutens sind die Glocken hoch oben im Turm für den Diensthabenden nicht einmal sichtbar. Den Dorfbewohnern gebe das Geläut dem Tagesablauf eine Struktur, rufe sie zum Innehalten auf, meint Martina Petschick. „Eine bettlägerige Dame, die nicht mehr zum Gottesdienst kommen kann, erzählte einmal, wie sehr sie sich über das Läuten freut. Sie sei richtig traurig, wenn sie die Glocken nicht höre.“ Für die Kinder auf dem Spielplatz sei es meist das Zeichen zum Heimgehen. „Im Sommer schauen sie oft zu oder wollen auch einmal am Seil ziehen.“ Das sei übrigens nicht anstrengend – auch, wenn es den Anschein hat, sagt Martin Hafemann. „Nur mit dem Anhalten der Glocke habe ich noch Schwierigkeiten. Sie klingt dann etwas nach.“ Das sei aber nicht schlimm, versichert ihm Opa Otto Müller, nimmt seinem Enkel den Strick aus der Hand und bringt die Glocke mit einem kräftigen Zug zum Schweigen. „Die kleine Glocke könnte jeder zum Klingen bringen“, sagt auch Martina Petschick, „nur bei der großen ist etwas Übung nötig, den richtigen Rhythmus zu finden.“ 120 Mal müsse man das Seil wohl durchziehen, dann seien die fünf Minuten Läutezeit vorbei. Otto Müller allerdings verlässt sich nur auf seine Armbanduhr. Ein Ende der Tradition des Handläutens ist in Tätzschwitz nicht in Sicht.