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| 19:56 Uhr

Diskussion über Inklusion in Hoyerswerda
Leben ohne Barrieren

Hoyerswerda. Inklusions-Aktivist Raul Krauthausen spricht in Hoyerswerda über Klischees und Hindernisse. Von Anja Hummel

Nach fünf Metern ist Schluss. Raul Krauthausen stoppt und sagt: „Nein, wir nehmen doch den Seitenausgang.“ Der Grund: eine Stufe. Die Rampe fehlt. Für ein Interview an der frischen Luft wollte der 37-Jährige raus aus dem Vis á vis-Sparkassensaal in Hoyerswerda. Mit dem Rollstuhl ist das aber nicht machbar. Barrierefrei ist nur Eingang Nummer zwei. Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt sich Raul Krauthausen mit der Inklusion von Menschen mit Behinderung. Die vollständige Barrierefreiheit ist nur einer seiner Wünsche, die er dem Hoyerswerdaer Publikum am Mittwochnachmittag vorstellt. Eingeladen hat ihn die Freizeitsportgemeinschaft (FSG) Medizin Hoyerswerda, die zum 60-jährigen Jubiläum den Aktionstag rund ums Thema „Sport und Inklusion“ ausgerufen hat.

Raul Krauthausen wird oft als Gastredner eingeladen. Er hat die Glasknochenkrankheit und sitzt im Rollstuhl. Mit der Bahn ist er von Berlin in die Lausitz gekommen. Einschränkung sei da einzig der volle Zug, sagt er. „Aber das betrifft ja jeden.“ Wie sehr er gegen Vorurteile gegenüber Behinderte ankämpft, gerade in der medialen Welt, macht er auch in seinem Vortrag deutlich: Oft werde mit mitleidigem Blick über Behinderte geschrieben. Phrasen wie „an den Rollstuhl gefesselt sein“ sind für ihn absurd. „Wenn sie jemanden sehen, der an seinen Rollstuhl gefesselt ist, dann rufen sie bitte sofort die Polizei,“ bringt er das Publikum zum Lachen. Er, so sagt der Berliner selber, ist einer der wenigen Menschen mit Behinderung, der aus der Perspektive von Betroffenen über Inklusion spricht. „Bedauerlicherweise ist es so, dass vor allem nicht behinderte Menschen darüber reden, was Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft zusteht“, so Krauthausen. Für ihn persönlich bedeutet Inklusion „die Annahme und Bewältigung von menschlicher Vielfalt“. So haben auch nicht behinderte Menschen ein Recht darauf, mit Menschen mit Behinderung zusammenzuleben, betont er. Barrierefreiheit für alle, das ist sein großes Ziel. Krauthausen verdeutlicht: Was für nicht behinderte Menschen selbstverständlich ist, kann für Behinderte unangenehm sein. „Alleine komme ich nicht an den Briefkastenschlitz ran. Auch Geld am Bankautomaten kann ich nicht einfach so abheben“, erzählt er. Krauthausen muss sich an Öffnungszeiten der Bank halten, die tatsächlich „merkwürdiger sind als die auf dem Bürgeramt“.

Raul Krauthausen (37) aus Berlin ist Inklusions-Aktivist und hat am Mittwoch in Hoyerswerda über seine vielen Projekte und Erfahrungen rund ums Thema Barrierefreiheit gesprochen. Bereits seit 15 Jahren arbeitet er in der Medienwelt. Unter anderem hat er den Verein „Sozialhelden“ gegründet.
Raul Krauthausen (37) aus Berlin ist Inklusions-Aktivist und hat am Mittwoch in Hoyerswerda über seine vielen Projekte und Erfahrungen rund ums Thema Barrierefreiheit gesprochen. Bereits seit 15 Jahren arbeitet er in der Medienwelt. Unter anderem hat er den Verein „Sozialhelden“ gegründet. FOTO: LR / Anja Hummel

Mit seinem Verein „Sozialhelden“ hat er inzwischen das weltweit größte Projekt rund um rollstuhlgerechte Orte geschaffen. Auf einer Karte sind alle barrierefreien Einrichtungen eingetragen. „Zwei Drittel der Karte sind aber noch rot und damit nicht barrierefrei“, sagt Krauthausen.

Die FSG Medizin tut für die Inklusion bereits seit langer Zeit jede Menge. Allein in der Sportstätte des Körperbehindertenzentrums „Friedrich Wolf“ in Hoyerswerda gibt es wöchentlich mehr als 60 Kurse. Raul Krauthausen spricht dem Sport einen unglaublich integrativen Charakter zu, findet die Arbeit ausgesprochen wichtig. Aber: „Auch Menschen mit Behinderung haben ein Recht darauf, Sportmuffel zu sein.“ Allein durch Sport könne sich niemand zurück in die Gesellschaft kämpfen. Viel mehr geht es darum, „dass die Menschen ihrer Leidenschaft nachgehen können. Und das kann natürlich auch der Sport sein.“

Der Rede von Raul Krauthausen im Visavis-Saal verfolgte unter anderen auch Hoyerswerdas Bürgermeister Thomas Delling.
Der Rede von Raul Krauthausen im Visavis-Saal verfolgte unter anderen auch Hoyerswerdas Bürgermeister Thomas Delling. FOTO: LR / Anja Hummel