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| 01:35 Uhr

Leben im Abrissblock

Szenen aus einem Abrisshaus im WK IX. Von alten Familienerinnerungen über alte Schrankwände bis hin zu gebrauchtem Spielzeug reichen die Hinterlassenschaften, die dieser Tage von der Abrissfirma entsorgt werden. Was bleiben wird, das ist das Vogelhäuschen vorm Haus. Fotos: Köhn
Szenen aus einem Abrisshaus im WK IX. Von alten Familienerinnerungen über alte Schrankwände bis hin zu gebrauchtem Spielzeug reichen die Hinterlassenschaften, die dieser Tage von der Abrissfirma entsorgt werden. Was bleiben wird, das ist das Vogelhäuschen vorm Haus. Fotos: Köhn
Hoyerswerda. Mittag im WK IX. Auf den Straßen sind keine Autos unterwegs. Eine gespenstische Stille herrscht, wo vor Jahren Kinder spielten, Anwohner die kleinen Vorgärten und Männer ihre Autos pflegten. Von Robert Köhn

Da, wo Wohnblocks dicht an dicht standen, finden sich weite Wiesen und ganz vereinzelt Wohnblöcke. Wenn man genau aufpasst, sieht man den Abrissblock. Zehn Aufgänge, 100 Wohnungen, Baujahr 1975. Doch etwas stört die Idylle an diesem Sonnabend. Auffällig viele Autos und Fahrräder stehen da. Obwohl hier keiner mehr wohnt.

Schatzjäger auf der Suche

Ein Geländefahrzeug mit Anhänger steht an einem Ende des Blocks. Am anderen Ende stehen Autos mit Cottbuser und Forster Nummernschild. In großen Schuttcontainern stapelt sich der Schrott aus den im Novemberregen noch grauer wirkenden Betonburgen.

Wenn man näher kommt, hört man Geräusche. Viele unterschiedliche Menschen werkeln hier. Da sind zwei ältere Herren, die die Wohnungen gezielt nach noch nicht herausgebrochenen Fenstern durchsuchen. Schnell kommt man ins Gespräch. Der Ältere: “Ich habe ein altes Haus gekauft. Da sind die Holzfenster schon alle durchgefault und hier schmeißen die die neuen Plastefenster einfach weg.„ Auf den Einwand hin, dass die ja auch schon abgenutzt sind, erwidert er nur: “Für mich reichen die aus. Guck mal, die sind doch alle noch gut.„

Hinter uns geht eine Frau Anfang 30 mit ihren beiden Kindern entlang: “Macht schnell, da hinten war noch schönes Spielzeug.„ Sie will nicht reden. Ihr ist es sichtlich peinlich, Liegengelassenes einzusammeln. Doch davon findet sich in dem Wohnblock eine Menge. Was ins Auge fällt: Nicht nur Fenster und Türen fehlen, auch die Heizkörper und Badewannen wurden überall herausgerissen. Man hört im ganzen Haus Schritte, sieht aber kaum jemanden.

In der ersten Wohnung prangt ein Playboy-Hase an der Wand. Ein Stuhl steht im Raum mit Blick aus dem Fenster - so sah man einst einen Kindergarten. Doch den gibt es schon lange nicht mehr. Heute sieht man Bäume, Sträucher, Gras und in der Ferne einen noch stehen gebliebenen Gebäudezug, mehrere hundert Meter lang. Auch der wird in den nächsten Jahren noch fallen.

Wie auf der Flucht Die Nachbarwohnung wirkt, als hätten die Bewohner sie wie auf der Flucht verlassen. Im Kinderzimmer steht noch der Kinderhochstuhl. Spielzeuge und Kindersachen für Jungs und Mädchen liegen verstreut auf dem Boden herum. Die Küche, in Rot gehalten, ist bis auf die Schränke und Einbaugeräte komplett erhalten. Ein Tresen, Regale aus Glasscheiben hängen an der Wand. Im Wohnzimmer stehen ein alter Stuhl und eine blaue, gut erhaltene Couch, darauf liegen Astronomie-Bücher - der Schluss liegt nahe: Hier wohnte ein Sternenfreund. Im Schlafzimmer liegt allerlei Unrat herum, auch eine Tasche mit Fotonegativen. Beschriftet sind sie mit Weihnachten 1984, vier Streifen Farbfotos aus einer Zeit, als in diesem Wohnkomplex noch das Leben tobte.

Obwohl die Blocks von außen doch alle so gleich aussehen, hat jede Wohnung auch nach dem Auszug der Mieter ihre Eigenheiten. Der eine hatte sein Bad mit Spiegelfliesen verschönert, Andere haben noch DDR-Tapeten an der Wand. Der Nächste hat seine Wohnung besenrein hinterlassen, alle Tapeten entfernt. Schade um die Mühe.

Ganz vorn am Block haben sich nach dem Auszug der Mieter offensichtlich ganz andere Nutzer eingefunden. Bierbüchsen liegen am Fußboden, in einigen Wohnungen sind Sitz- und Schlafgelegenheiten zusammengestellt. An den Wänden wurde das “Galgenmännchen„ gespielt. Begriffe wie Nussbaum oder Weinrot waren zu erraten. Das Männchen hängt komplett - offensichtlich wurden die Rätsel nicht erfolgreich gelöst.

An einer anderen Wand wurden die Ergebnisse der Fußball-Weltmeisterschaft in diesem Sommer kommentiert: “Germany sucks!„, “Loser.„ Es gab ein Leben nach dem Leben im alten Plattenbau.

In einer Wohnung wird es ganz nostalgisch: Da findet sich noch eine DDR-Schrankwand mit dem bekannten braunen Holzfunierimitat. Die Türen stehen offen, und kistenweise Endlos-Computerpapier liegt auf dem Boden. Ein RFT-Fernseher “Colortron„ steht in der Schrankwand und darüber hängt eine Deckenpendelleuchte im Siebziger-Jahre-Look. Vom Fenster aus blickt man auf eine grüne Wiese. Hier stand ein Busbahnhof, der viele tausend Arbeiter tagtäglich ins nahe Braunkohlekombinat Schwarze Pumpe brachte.

Fahrrad mit RädernUnd auch in den Kellern ist Leben. Hier suchen zwei Männer nach Verwertbarem. Stolz präsentiert ein Mittfünfziger seine “Beute„: ein altes Kinderfahrrad. “Sogar komplett, mit Rädern.„ In den dunklen Kellerräumen weht der kalte Wind, wie überall im Haus. In einem Kellerabteil stehen alte Kochtöpfe. Daneben viele Fernseher, für die sich kein Abnehmer gefunden hat.

Als ein Transporter der Abbruchfirma vorfährt, kommt plötzlich Leben in den Block. Ein Mann um die Sechzig rennt mit zwei Fensterbrettern zu seinem Fahrrad und fährt Richtung WK X. Eine junge Frau springt zu ihrem roten Golf und braust davon. Die Herren mit ihren Fenstern bleiben gelassen. Die Abriss-Profis sprechen diejenigen an, die sie noch antreffen: “Können Sie mir bitte erzählen, was Sie hier machen?!„ Nun nehme auch ich meine Beine in die Hand.

Die LebensRäume Hoyerswerda eG weist daraufhin, dass das Herumstromern in den deutlich sichtbar abgesperrten Abrissgebäuden mit Gefahren verbunden ist und jegliche Haftung ausgeschlossen wird.