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| 22:03 Uhr

Hoyerswerda
Mit neun Bausteinen durch die Geschichte

Das Tanztheaterprojekt „Eine Stadt tanzt“ - hier eine frühere Aufführung - nimmt sich in diesem Jahr das Leitbild „Hoyerswerda 2030“ vor.
Das Tanztheaterprojekt „Eine Stadt tanzt“ - hier eine frühere Aufführung - nimmt sich in diesem Jahr das Leitbild „Hoyerswerda 2030“ vor. FOTO: Photographer: Rico Hofmann / www / Hofmann Rico
Hoyerswerda. Das 750-Jahre-Jubiläum von Hoyerswerda und die Erinnerung an Gerhard Gundermann zu dessen 20. Todestag ziehen sich wie zwei rote Fäden durch das Veranstaltungsjahr der Kulturfabrik Hoyerswerda. Und dann ist da auch noch der Versuch, die Menschen zum Lachen zu bringen. Von Catrin Würz

Mit Bausteinen baut man eine Stadt - aber auch ein Kulturjahr. So hat es jedenfalls die Kulturfabrik Hoyerswerda für ihr gerade begonnenes Programmjahr 2018 vor. Neun Bausteine - die aus „Baumaterial“ wie Theater, Musik, Film, Tanz und Fotografie geformt sind - sollen im Jubiläumsjahr groß in Szene gesetzt werden. „Wir haben uns gedacht, für jeden einschneidenden Abschnitt der Stadtgeschichte thematisch etwas beizusteuern - so wie wir es sehen“, sagt Kufa-Geschäftsführer Uwe Proksch. Was soviel heißt wie: Von der Jugendtheatergruppe bis zum Filmball, von der Trickfilm-AG bis zum wiedererweckten Tanztheater „Eine Stadt tanzt“ beschäftigen sich 2018 alle Kufa-Projekte thematisch mit dem Stadtjubiläum und mit der Hoyerswerdaer Geschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Der Kufa-Verein fasst dies etwas salopp unter dem Titel
„Hoyerswerda reloaded“ zusammen und plant mehr als 25 verschiedene Aufführungen, Ausstellungen, Dokumentationen und Aktivitäten.

In Vorbereitung sind bereits eine Reihe von Theaterinszenierungen. So probt die Jugendtheatergruppe an dem Stück „Agnes H.“, das die allerletzte Hinrichtung in Hoyerswerda behandelt. Gemeinsam mit dem Lessing-Gymnasium setzt die Kufa zudem eine Aufführung von Lessings „Nathan der Weise“ als kind- und jugendgerechte Fassung um. Immerhin waren ein Onkel und ein Vetter Lessings einst bedeutende Persönlichkeiten in Hoyerswerdas Geschichte als Stadtschreiber und Justizamtmann.

Mit einem kleinen Filmfest, das im Ortsteil Knappenrode ausgerichtet wird, will die Kufa bestimmte Geschichtsereignisse aus der Zeit der Industrialisierung und des Lausitzer Bergbaus in den Lichtkegel rücken. Und der diesjährige Große Filmball der Kufa im März widmet sich mit einem Augenzwinkern dann den 1920er-Jahren und dem kuriosen Umstand, dass Hoyerswerda 1923 aufgrund eines historischen Irrtums mit großem Pomp eine falsche 1000-Jahr-Feier beging.

Etwas ernster wird freilich die geplante Film-Foto-Textdokumentation über die in den 30er-Jahren von den Nazis begonnene Ausrottung sorbischer Lebenskultur und sorbischen Brauchtums diese unrühmliche Phase der Geschichte betrachten - umgesetzt in Zusammenarbeit mit der Stiftung für das sorbische Volk. Um die jüngere Geschichte Hoyerswerdas widerzuspiegeln, besinnt sich der Kulturfabrik-Verein vor allem auf die zahlreichen Projekte, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten bereits umgesetzt wurden: zum ausländerfeindlichen Pogrom 1991, zum Superumbau und der großen Stadt-Schrumpfung und zum bürgerschaftlichen Sinnsuche-Projekt „Auszeit - Nachdenken über H.“ In der Orange Box soll es eine Retrospektive über diese teils preisgekrönten Langzeitprojekte als Ausstellung geben. Der vor Jahren erarbeitete Stadtspaziergang „Spur der Steine“ zu den Bildhauersymposien in Hoyerswerda soll weiterentwickelt und als Geo-Caching-Pfad entworfen werden. Und zum Tag der Deutschen Einheit ist im Oktober ein Nachtspaziergang in Hoyerswerda geplant, bei dem historisches Filmmaterial auf die Leinwand, aber auch an Häuserfronten und Leerraum-Wände im Stadtbild geworfen wird.

Unter dem Stichwort „Betonköpfe - Der blanke Verrat“ wollen sich die Kulturfabrikanten speziell jenem Aspekt des „großen sozialistischen Irrtums“ widmen, als SED-Funktionäre, Architekten, Planer und Künstler die Ideale der sozialistischen Zukunftsstadt Hoyerswerda aufgeben und den wirtschaftspolitischen Zwängen der DDR aufopfern mussten. Zu diesem Thema sind Interviews mit wichtigen Zeitzeugen und eine szenische Collage der Seniorentheatergruppe in Planung. In diese Zeitepoche passt auch die Erinnerung an den Liedermacher und Baggerfahrer Gerhard Gundermann. Zu dessen 20. Todestag im Juni plant die Kufa nicht nur die Einweihung eines eigenen Ortes für den Künstler - der bislang in Hoy­erswerda noch immer fehlt, sondern auch ein internationales Liedermacher-Symposium im Juni und die Wiederaufführung von Gundermanns Rockmusical „Malwina“ im November.

Die Kufa wäre nicht die Kufa, wenn so ein historisches Stadtjubiläum nicht auch für einen Blick nach vorn in die Zukunft genutzt würde. Und so widmet sich das erneut zum Leben erweckte Tanztheaterprojekt „Eine Stadt tanzt“ diesmal dem erst kürzlich auf den Weg gebrachten Stadtleitbild „Hoyerswerda 2030“. Der deutsche Jazz-Gitarrist Hanno Busch (Heavytones) wird dafür eigens eine Komposition, ein Arrangement schreiben. Auf die Tanztheater-Premiere Anfang Juni darf man also sehr gespannt sein.

Im Kufa-Jahresprogramm sind freilich viele weitere Konzerte und Kulturaufführungen geplant, die nicht im 750-Jahre-Fokus stehen. Von der Zaubershow mit „Die Magier“ (7. April) über Blues mit „Engerling“ (14. April) reicht die Bandbreite bis zur neuen Stand up-Comedy-Reihe. Seit Herbst will die Kufa mit dieser Reihe das Lachen nach Hoyerswerda holen. Jeden Monat tritt ein Comedian auf, viele davon sind aus dem TV bekannt. So wie Lutz von Rosenberg Lipinsky, der mit seinem Programm „Wir werden alle sterben“ am 3. Februar die gepflegte Panik für Anfänger in die Kufa bringt.

Der Kufa-Filmball holt diesmal die 1920er-Jahre zurück, als Hoyerswerda seine falsche 1000-Jahr-Feier beging. Die „Busquitos“ sorgen für passende Musik.
Der Kufa-Filmball holt diesmal die 1920er-Jahre zurück, als Hoyerswerda seine falsche 1000-Jahr-Feier beging. Die „Busquitos“ sorgen für passende Musik. FOTO: busquitos / Kulturfabrik Hoyerswerda
Die Magier
Die Magier FOTO: Christopher Huppertz
Lutz von Rosenberg Lipinsky will die Stadt zum Lachen bringen.
Lutz von Rosenberg Lipinsky will die Stadt zum Lachen bringen. FOTO: Kulturfabrik Hoyerswerda