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| 13:54 Uhr

Interview
Ich bringe die Welt zum Schwingen

Hoyerswerda. Singen im Chor ist bundesweit wieder im Trend. Auch hier in der Region? LR im Gespräch mit der Hoyerswerdaerin Kerstin Lieder, die drei Chöre leitet. Von Rainer Könen

Frau Lieder, haben Sie schon einmal etwas von den „gern singenden Falschsängern" aus Tirol gehört?
Lieder Nein, da muss ich erst mal googeln. Ist das ein Chor?

Nein. In der Stadt Schwaz werden Kurse angeboten, dort können sich Menschen treffen, die glauben, nicht singen können, es aber möchten. Die sind froh, dass sie im Kreis von Gleichgesinnten unter professioneller Anleitung einfach „drauflossingen" können. Es sind Menschen, die niemals zu einer Probe eines normalen Chores gehen würden, weil sie glauben, den Anforderungen eines Chorensembles nicht gewachsen zu sein. Was halten Sie davon?

Lieder Finde ich super. Alles was Menschen zum Singen bringt, ist gut. Habe gerade nachgeschaut. Also, das ist toll mit den Kursen. Unter professioneller Anleitung lernen die Leute Grundlagen wie Haltung und Stimmsitz. Wissen Sie, man kann sich sehr schnell einreden lassen, miserabel zu klingen, aber meine Erfahrung ist, dass es tatsächlich verschwindend wenige Menschen gibt, die gar nicht gut hören und singen. Die meisten brauchen einfach nur ein wenig Übung. Und wie in diesen Kursen, erst einmal einen geschützten Raum.

Dabei soll das Singen jenseits von Leistungsansprüchen glücklich machen, wenn man diversen wissenschaftlichen Untersuchungen Glauben schenken darf.

Lieder Ja, macht es. Unbedingt. Ich würde das nicht von Leistungsansprüchen abhängig machen, soll doch jeder singen, wie er will. Für mich persönlich gilt, es darf dabei gerne auch noch gut klingen.

In den letzten Jahren ist das Singen im Chor bundesweit wieder gefragt, treten viele Chören bei. Wie sieht das in den Klangensembles aus, die Sie leiten? Haben Sie dort auch eine solch positive Entwicklung beobachten können?

Lieder Ja, diesen Trend gibt es. Auch bei jungen Leuten. In den großen Städten wie Leipzig und Dresden gibt es zahlreiche Neugründungen. Gesungen wird vor allem Pop a cappella, aber auch die klassische Chorliteratur mit großer Begeisterung. Hier in der Region haben wir hingegen immer noch mit den Folgen der Abwanderung zu kämpfen, es fehlen inzwischen fast zwei Generationen, auch beim Chorgesang. Ich sehe aber einige Lichtblicke am Horizont, es gibt wieder junge Leute, die in der Heimat bleiben wollen.

Welche Motive haben diejenigen, die in den von Ihnen betreuten Chören mitmachen?

Lieder Es ist sicher die Gemeinschaft, der Anschluss an andere, den man in einem Chor sofort hat. Man ist nie alleine, auch mit privaten Dingen nicht. Singen verbindet, man berührt sich gegenseitig auf einer Ebene, an die Worte nicht heranreichen. Man kann Dinge erreichen, die man alleine nie schaffen würde, sich mit einem großen Fluss verbinden. Eine Probe war gut, wenn man gut gelaunt und mit Ohrwürmern ausgerüstet herausgeht. So ein gemeinsames Singen putzt die Seele.

Und ist obendrein auch gesund, nicht wahr?

Lieder Ja, es gibt Studien, die bestätigen, dass gemeinsames Singen dem Körper gut tut. Das gemeinsame Harmonisieren von Atem- und Herzfrequenz hat positive Auswirkungen auf Blutdruck und Stresshormone. Nicht zuletzt ist eine Probe und besonders ein Konzert auch eine tüchtige körperliche Anstrengung, durchaus vergleichbar mit einem Workout.

Was denken Sie, warum das Singen im Chor in der Gesellschaft wieder beliebter geworden ist?

Lieder Singen galt lange Zeit als uncool. Schrecklich, diese Leistungskontrollen in der Schule, so ganz verlassen mit einem einsamen Stimmchen vor der Klasse. Das ändert sich tatsächlich seit einiger Zeit. Denn auch in der Schule wird wieder gerne gesungen. Volkslieder, Schlager, Gospel, alles querbeet. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, warum das so ist, aber ich finde es schön, dass man eine Klasse mit Singen glücklich machen kann. Und in den Leistungskontrollen kommen eindrucksvolle Darbietungen, die zum Teil atemberaubend sind.

Hat das Chorsingen im übertragenen Sinne etwas mit dem Begriff „Heimat" zu tun?

Lieder Wir pflegen die Wurzeln unserer Kultur. Man verbindet sich mit dem, was vor uns war. Das fällt mir vor allem im Chor Seidewinkel auf, die starke Verbundenheit miteinander und dem Ort, wo man wohnt und der Sprache, die man spricht. Mir gibt das Halt, ist ein starkes Gefühl des Eingebundenseins. Chormusik in deutschen Amateurchören gehört im Übrigen zum immateriellen Kulturerbe der Unesco.

Ist das Singen im Chor etwas, das besonders in Deutschland gerne gepflegt wird?

Lieder Es ist kein typisch deutsches Phänomen, viele Chor begeisterte Menschen gibt es auch in Schweden und im Baltikum.

Was empfehlen Sie Menschen, die sich immer schon mit dem Gedanken getragen haben, einem Vokalensemble beizutreten, sich aber nicht so recht trauen?

Lieder Einfach mal bei einer Probe vorbeischauen. Dort bleiben, wo es einem gefällt. Einfach aushalten, dass der Anfang vielleicht mühsam ist. Und nicht vergessen: Man bekommt im Chor ja Hilfe von anderen.

Noch einmal zurück zu den gern singenden Falschsingern aus Tirol. Sollten solche Kurse nicht auch in Hoyerswerda ins Leben gerufen werden?

Lieder Warum nicht? Ich könnte mir vorstellen, dass es hier in der Stadt dafür Bedarf gibt. Aber es gibt ja auch die Musikschulen in Hoyerswerda.

Was fasziniert Sie persönlich am Chorsingen?

Lieder Eigentlich auch das, was alle anderen Sänger begeistert. Die feine Abstimmung miteinander, das wortlose Verstehen, die Ausdrucksmöglichkeiten, die in der Musik liegen. Für mich ist Musik die Verbindung zum Universum, heilig, sie bringt meine besten Seiten hervor und bringt mich auf ein höheres Energieniveau. Und Chorleiten ist genauso schön. Ich bringe die Welt zum Schwingen, das ist ein bisschen wie Tinkerbell mit dem Zauberstab.

Das Gespräch führte Rainer Könen.