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| 01:03 Uhr

Kult-Objekt Garten-Ei

Schwarzheide.. „Klar kenne ich Garten-Eier“ , sprudelt es aus Horst Schuster heraus. „Selbst habe ich leider keins“ , schiebt der Hoyerswerdaer sofort nach. Wieder war die RUNDSCHAU-Suche erst viel versprechend – und dann doch erfolglos. Kein Wunder: Die zusammenklappbaren Kunststoff-Sessel aus Polyurethan waren der Export-Schlager der Konsumgüterproduktion des Synthesewerk Schwarzheide und damit für die Lausitzer nur verdammt schwer zu ergattern. Von Kathleen Weser

Der ehemalige Betriebsleiter der Fertigungsstätte in Bernsdorf (Landkreis Kamenz) lacht. „Davon gab's zwar auch hier einige“ , erinnert sich Horst Schuster. „Aber die waren ziemlich teuer.“ Dr. Hans-Joachim Jeschke, der ehemalige Kombinatsdirektor des DDR-Chemie-Riesen, kann das nur bestätigen: „430 Mark. Das war mir zu fett. Ein Garten-Ei haben wir deshalb nie besessen.“ Der Preis war in den 70er-Jahren übrigens etwa so hoch wie das ganze Monatsgehalt eines kleinen Angestellten.
Eines der überaus praktischen Sitz-Möbel hat Silvia Zinke, die in der BASF Schwarzheide die Archiv-Schätze hütet, noch vom Sperrmüll gerettet. „Ich habe meinen Augen nicht getraut, als ich das Garten-Ei in der Stadt am Straßenrand zur Entsorgung abgestellt gesehen habe“ , erzählt sie schmunzelnd. Logisch, dass sie das seltene Exemplar unverzüglich vor dem Äußersten bewahrte. „Es hat etwas gelitten“ , sagt Silvia Zinke. „Aber wir werden es restaurieren lassen“ , kündigt die Archivarin an. Für die Nachwelt ist das zweifellos interessant. Denn die Garten-Eier, die 1973 entworfen wurden und auch heute wieder in jedem berühmten Schweden-Möbelhaus reißenden Absatz finden könnten, sind ein Stück Schwarzheider Chemie-Geschichte.
„Die Sessel haben wir auch ans Fernsehen geliefert“ , erzählt Horst Schuster. „Erst unlängst habe ich sie in einer Sendung wieder gesehen.“ Die DEFA-Studios in Berlin-Adlershof haben also schon so manchen mehr oder weniger berühmten Gesprächspartner auf dem Polyurethan-Sitz vor der Mattscheibe platziert. Das „Ideale an der Erfindung war, dass die mit Schaumstoff bequem gepolsterten Kunststoff-Schalen einfach zusammenzuklappen waren und deshalb auch bei Regen im Garten stehen bleiben konnten. Ohne Schaden zu nehmen“ , erklärt Dr. Hans-Joachim Jeschke. „Deshalb wurden sie Garten-Eier genannt.“
Achim Diener, langjähriger technischer Direktor und Ende der 90er-Jahre aus dem aktiven Berufsleben ausgeschieden, erklärt leicht verdutzt: „Ja, wir haben ein Garten-Ei.“ Allerdings muss der Welzower einräumen, es inzwischen artfremd auf dem eigenen Grundstück eingesetzt zu haben. „Es ist geteilt und bepflanzt, also als Zeitzeuge gänzlich ungeeignet“ , sagt er mit leicht bedauerndem Unterton. Ja, wer konnte auch ahnen, dass die Garten-Eier mal Kult sein würden.
Ärger hatten die Produktionsarbeiter damit seinerzeit genug, weiß Hans-Joachim Jeschke noch genau. „Die Lackierung war das Problem“ , erinnert er sich. Die hochwertige Polyurethan-Versiegelung bildete öfter kleine Löcher. Die Kunststoff-Sessel mussten dann aufwändig - oft mehrmals - geschliffen werden. „Nach gut zwei Jahren wurde die Produktion deshalb eingestellt“ , berichtet Jeschke. „Vor ein paar Jahren ist mir dann erzählt worden, dass ein Berliner Antikhandel unser Garten-Ei für 1200 Mark angeboten hat“ , fügt er hinzu.