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| 01:27 Uhr

Künstler machen aus Abrisshaus einen „Artblock”

Kathrin Maria Klingner , Lisa Premke und Anu Vahtra (von links) sind die Initiatorinnen des Projektes „Artblock” im WK X.
Kathrin Maria Klingner , Lisa Premke und Anu Vahtra (von links) sind die Initiatorinnen des Projektes „Artblock” im WK X. FOTO: Julia Lindenberger
Hoyerswerda.. Kathrin Maria Klingner hat Tusche, Federn und Zeichenblöcke aus Amsterdam nach Hoyerswerda mitgebracht. Anu Vahtra hatte Klebeband, Tapetenleim und einen Fotoapparat im Gepäck. Lisa Premke kam mit einem Glasschneider, Ton, Aquarellfarben und Drähten aus den Niederlanden in die Lausitz. Von Mirko Kolodziej

Die drei sind Künstlerinnen und haben sich das ausgedacht, was etwas sperrig „European postgraduate residency” heißt. „Artblock” klingt schon freundlicher. Den gesamten August über werden 37 junge Künstler im WK X einen Abrissblock bevölkern. In den Aufgängen 12 und 13 der Otto-Dix-Straße werden sie leben und in den Aufgängen 9, 10 sowie 11 temporär ihre Ateliers aufschlagen. Da die Kreativen aus 18 Ländern stammen, wird Englisch die Umgangssprache sein. „Art” heißt auf Deutsch „Kunst”. Und darunter lässt sich, wie man weiß, viel verstehen. „Hier werden Dinge von einem alchimistischen Garten über Wandmalereien bis hin zu einem Sound projekt entstehen”, sagt Lisa Premke, die nun aber sozusagen erst einmal Bestandteil der Vorhut ist.
Das Wort „Quartiermeister” trifft es aber vielleicht besser. Als Initiatorinnen sind die drei jungen Frauen aus Amsterdam schon am Sonntag in Hoyerswerda eingetroffen. Die erste Nacht verbrachten sie im Auto, bevor sie sich gestern von den LebensRäumen die Schlüssel holten. Ehe nun am Wochenende die anderen ankommen, müssen die Illustratorin, die Architektin und die Fotografin allerlei Vorbereitungen treffen. Heute kommen etwa die Schlafmatten aus der Turnhalle des Lessing-Gymnasiums. Zudem sind mit Unterstützung der benachbarten Gebrauchtwarenhalle die Küchen einzurichten.

Ausstellung zum Schluss
Doch ab nächster Woche wollen die drei, wie die andern auch, gern an die Arbeit gehen. „Ich bin ein großer Freund von Zoos”, sagt etwa Kathrin Klingner, die aus Darmstadt stammt. Daher will sie sich aufmachen, um die künstlichen Landschaften zu zeichnen, die neben dem Schloss für Tiere entstanden sind. Die gebürtige Hannoveranerin Lisa Premke weiß schon, dass sie eine sozialkritische Installation schaffen wird, die etwas mit Hoyerswerda zu tun haben soll. Und auch Anu Vahtra, die im estnischen Tallin daheim ist, plant eine räumliche Arbeit: „Ich weiß aber noch nicht genau, was es werden wird.”
Kathrin Klingner hat bereits in Amsterdam die Ausstellungsreihe „the Apartment Gallery” in leer stehenden Wohnungen organisiert: „Dort beißt man mit so etwas aber eher auf Granit. In Hoyerswerda dagegen haben sofort alle gesagt, dass wir das unbedingt machen sollen. Das war toll.” Deshalb hoffen die drei jungen Frauen auch auf Zuspruch aus der Stadt. Es wird einen Tag des offenen Artblocks geben und zum Schluss des Projektes vom 28. bis zum 30. August eine Ausstellung mit einem Samstags-Sommer-Fest. „Die Leute sollen herkommen und sich das ansehen”, sagt Kathrin Klingner: „Sie müssen ja nicht unbedingt alles mögen, was wir machen.” Die drei Künstlerinnen finden es spannend zu sehen, wie rasch sich Hoyerswerda verändert. Ihnen ist aber auch klar, dass die Schrumpfung der Stadt, aus der sie mit der Verwendung des Hauses nun Nutzen ziehen, ein für viele Hiesige schmerzhafter Prozess ist.

Sicherheit und Unsicherheit
„Vielleicht ist es hier nicht ein ganz so negativer Abschied”, sagt Lisa Premke: „Dieses Haus wird ja nicht einfach weggerissen. Man kann später sagen: Es war das, in dem Kunst gemacht worden ist.” Die Sache passt ein wenig zum Thema „Sicherheit und Unsicherheit”. Eigentlich soll es um das gesteigerte Sicherheitsbedürfnis in Europa und die Unsicherheiten im Leben junger Künstler gehen. „Es ist ja nicht so, dass ständig jemand käme, um einem eine Ausstellung anzubieten”, erklärt Lisa Premke. Aber auch mit der Schrumpfung von Hoyerswerda verschwinden sicher geglaubte Lebensräume, zieht Unsicherheit in das Sein vieler Menschen ein. Wer weiß, ob der eine oder andere „Artblock”-Bewohner sich das nicht zum Sujet macht. Es könnte sein, dass so etwas den Satz auslöst, den Lisa Premke sich von den Hoyerswerdaern für den Abschied Ende August wünscht. „Kommt wieder”, sollen sie sagen.

GeSucht Ausrüstung
 Für die Ausrüstung der Künstler-Küchen werden leihweise noch vier oder fünf Kühlschränke gesucht. Wer helfen kann, möge die Initiatorinnen unter 0172- 1705577 anrufen.