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| 16:47 Uhr

Kühnicht
Kühnichter entführen ins Mittelalter

André und Alwin Lerch arbeiten an der Wippdrechselbank.
André und Alwin Lerch arbeiten an der Wippdrechselbank. FOTO: Katrin Demczenko
Kühnicht. ( Der Hoyerswerdaer Ortsteil Kühnicht hat am Wochenende mit einem großen Fest seine Ersterwähnung im Jahre 1568 gefeiert und hatte deshalb am Dorfplatz einen spätmittelalterlichen Markt aufgebaut.

Mitglieder des Budissiner Marktgesindes zeigten an vielen Ständen und in großen Leinwandzelten, wie es damals zugegangen sein könnte.

Reinhard Wenzel vom Ortsverein hat die Chronik über sein Heimatdorf mitgeschrieben und erzählte Folgendes: Im 16. Jahrhundert gab es ein Vorwerk Kühnicht mit fast ausschließlich sorbischer Bevölkerung. Die Familien bestellten ihre Felder, züchteten Schafe, Rinder oder Fische und arbeiteten in der Försterei. Bei diesem schweren Tagwerk nutzten sie viele Gegenstände aus Holz, die Tischler und Drechsler hergestellt haben.

André Lerch aus Malschwitz war mit seiner Mittelalterwerkstatt in Kühnicht zu Gast und zeigte, wie auf der Wippdrechselbank hölzerne Schalen oder Garnrollen entstehen. Der Fuß übernimmt die Aufgabe des noch nicht verfügbaren Motors. Eine Seilkonstruktion überträgt die Kraft auf das eingespannte Hartholzstück, das daraufhin rotiert. Die Hände sind frei, um das Holz mit verschiedenen Meißeln zu bearbeiten. Diese Technik war schon vor unserer Zeitrechnung im alten Ägypten bekannt, erzählt André Lerch, der auch Truhen und Schilde für Ritter nach originalem Vorbild herstellt. Seine Frau Sabine erzählt, dass die Familie mit dem Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz und einem Museumsdorf bei Berlin zusammenarbeitet.

Wer im 16. Jahrhundert krank wurde und nicht durch die Anwendung ihm bekannter Hausmittel gesundete, musste zur Kräuterfrau gehen. Sie empfahl zum Beispiel bei Kopfschmerzen Blüten des Mäde­süß zu essen und bei Verdauungsbeschwerden Steinkleetee zu trinken. Tee oder alkoholische Auszüge, die Efeu enthalten, vertreiben den Husten und wirken als Einreibung gegen Cellulite, sagt Annelie Horn aus Lommatzsch. Sie ist beim Budissiner Marktgesinde die Kräuterhexe und kennt sich  auch mit Giftpflanzen aus. Viele gehören wie die Tollkirsche und die Alraune zu den Nachtschattengewächsen, deren Einnahme unter anderem Halluzinationen hervorruft. Bei Operationen dienten die Wirkstoffe dieser Pflanzen damals zur Betäubung, doch wer zu viel davon zu sich genommen hatte, wachte nicht mehr auf. Die Alraune soll bevorzugt auf Hinrichtungsplätzen gewachsen sein, erzählt Annelie Horn aus alten Überlieferungen.

Festgäste konnten bei ihr viele Kräuter und alte Beerensorten kaufen. Volkmar Schuster aus Kühnicht freute sich über eine Himbeererdbeerpflanze, denn sie ist resistent gegen Krankheiten und muss nicht gegen Schädlingsbefall gespritzt werden. Wolfgang Hunger ist im Dorf neu zugezogen und probierte das Bogenschießen bei Maik Frömbsdorff erfolgreich aus. Der Senior lobte die Arbeit, die sich der Ortsverein mit der Organisation der 450-Jahrfeier gemacht hat.