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| 17:58 Uhr

Wenn jede Sekunde zählt
Hilfsfristen im Rettungsdienst regelmäßig überschritten

 Sobald Notfallsanitäter Ronald Elsner (44) und sein Kollege Roland Barthel (45) mit ihrer Statusmeldung die Einsatzübernahme bestätigen, läuft die Uhr.
Sobald Notfallsanitäter Ronald Elsner (44) und sein Kollege Roland Barthel (45) mit ihrer Statusmeldung die Einsatzübernahme bestätigen, läuft die Uhr. FOTO: LR / Rita Seyfert
Hoyerswerda. Nur in 76,45 Prozent aller Notfälle halten die Rettungswagen im Landkreis Bautzen die zwölf Minuten ein. Häufig behindern Gegebenheiten Einsätze, die sie nicht beeinflussen können. Von Rita Seyfert

Manche der Balken sind gelb markiert, andere grau oder grün. Ob ein Rettungswagen einsatzbereit ist, erkennt Disponent Christoph Aßmann anhand der Farben auf seinem Bildschirm. „Die Notfallsanitäter müssen jeden neuen Status melden“, erklärt er mit Blick auf die Landkarte vom Landkreis Bautzen. „Beispielsweise der Wagen hier rückt gerade aus, dieser ist jetzt am Klinikum angekommen, und dieser ist wieder frei.“

In der Integrierten Regionalleitstelle Ostsachsen in Hoyerswerda koordinieren Disponent Aßmann und seine Kollegen sämtliche Notfalleinsätze der Region. Ob Sturz, Unfall oder plötzlich einsetzende Geburt, etwa 30 000 Mal pro Jahr schicken sie die Rettungswagen im Landkreis Bautzen zu Notfällen. Die Zeit der Retter bis zum Ziel wird parallel dazu für statistische Zwecke dokumentiert.

 Alles im Blick: Christoph Aßmann, Disponent der Integrierten Regionalleitstelle Ostsachsen, sieht auf seinem Bildschirm, welche Rettungswagen einsatzbereit sind. Die Standorte werden via GPS erfasst.
Alles im Blick: Christoph Aßmann, Disponent der Integrierten Regionalleitstelle Ostsachsen, sieht auf seinem Bildschirm, welche Rettungswagen einsatzbereit sind. Die Standorte werden via GPS erfasst. FOTO: LR / Rita Seyfert

76 Prozent aller Notfälle in der 12-Minuten-Frist

Wie eine Anfrage der Politikerin Susanne Schaper (Die Linke) jüngst ergab, werden die Hilfsfristen aber regelmäßig überschritten. Demnach konnten die zwölf Minuten im Landkreis Bautzen im zweiten Halbjahr 2018 nur in 76,45 Prozent der Notfälle eingehalten werden.

 René Burk (59) betreut beim Landratsamt Bautzen in Kamenz den Bereich Rettungsdienst.
René Burk (59) betreut beim Landratsamt Bautzen in Kamenz den Bereich Rettungsdienst. FOTO: LR / Rita Seyfert

Die Analyse der Hilfsfristen ist eine Hauptaufgabe von René Burk (59), beim Landratsamt Bautzen zuständig für den Bereich Rettungsdienst. „Das mit den zwölf Minuten wird oft missverstanden“, sagt er. Laut Landesrettungsdienstplanverordnung ist die Hilfsfrist eine planerische Größe, die in 95 Prozent der Fälle eingehalten werden soll. Die statistische Zahl zeigt den Behörden, wo sie aktiv werden müssen.

Analyse der Einsatzzeiten wichtig

 Mit Blaulicht fahren Notfallsanitäter Ronald Elsner (44) und sein Kollege Roland Barthel (45) zum nächsten Einsatz.
Mit Blaulicht fahren Notfallsanitäter Ronald Elsner (44) und sein Kollege Roland Barthel (45) zum nächsten Einsatz. FOTO: LR / Rita Seyfert

Warum die Quote bei jedem vierten Einsatz nicht eingehalten wird, das hat verschiedene Gründe. In 3554 der insgesamt 6900 Hilfsfrist-Überschreitungen handele es sich laut Leitstellenrechner nur um wenige Sekunden. Heißt, die Hilfsfristen werden in 90 Prozent der Fälle „fast eingehalten“. Schönfärberei betreiben will René Burk aber nicht. „Die restlichen 3400 Fälle müssen wir natürlich näher betrachten“, sagt er.

Meistens sind es Glatteis, Nebel oder Unwetter, also tatsächliche Gegebenheiten, die einen Einsatz verzögern. Auch Umleitungen wegen Bauarbeiten oder längere Anfahrtswege können einen Rettungseinsatz ins Stocken bringen. Eine Fehlerquelle könne aber auch die verspätete Statusmeldung sein. „Unsere Notfallsanitäter sind auch nur Menschen. Viele sehen ihre Priorität in der Lebensrettung und nicht im Drücken von Knöpfen für Statistiken“, stellt René Burk klar.

Unterschiedliche Gründe, die einen Einsatz behindern

Sebastian Ilks, Sachbearbeiter Ärztliche Leitung der Regionalleitstelle, unterscheidet bei der Messung der Hilfsfrist aber auch, ob die Retter zum Patienten auf dem Bordstein oder erst noch in die achte Etage laufen müssen. „Manchmal müssen wir uns erst in der Landschaft orientieren, beispielsweise wenn ein Radfahrer an einem See gestürzt ist“, sagt er. Auf dem Weg dorthin können auch ausgefahrene Poller zum Hindernis werden.

Die Lage der 17 Rettungswachen im Landkreis sind in der Betrachtung aber eher zweitrangig. Rettungsdienst-Verantwortlicher Burk: „Die Rettungswagen sind ohnehin überall im Landkreis kreuz und quer unterwegs und werden flexibel je nach Einsatzort disponiert“, erklärt er.

Allerdings können auch örtliche Gegebenheiten in der Nähe einer Rettungswache die Arbeit behindern. Die Entscheidung für den Neubau in Königswartha fiel beispielsweise, weil die alte Wache neben einem Seniorenheim lag und die Rettungswagen ohne Blaulicht langsamer fahren mussten.

Auch Regionalleitstellen-Chef Stefan Schumann sieht die Sache mit den zwölf Minuten entspannt. „Die Zeit ist vor allem für das Planerische wichtig“, sagt er. So seien beispielsweise mit der zunehmenden Auslastung der neuen Bahnstrecke Hoyerswerda-Niesky-Horka höhere Schließzeiten an den Bahnübergängen zu erwarten. „In Klitten beim Bärwalder See sind die Bahnschranken ein großes Thema.“