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| 20:14 Uhr

Kohle-Zoff spaltet Neustadt/Spree
Umweltaktivisten in Angst

 Die beiden Tagebaukritiker Friederike Böttcher (33) und Adrian Rinnert (34) aus Neustadt/ Spree sehen vieles anders. Jetzt wollen sie auch noch in die Politilk - und ernten heftigen Gegenwind aus dem Dorf. Dabei wollen sie nur in Frieden leben.
Die beiden Tagebaukritiker Friederike Böttcher (33) und Adrian Rinnert (34) aus Neustadt/ Spree sehen vieles anders. Jetzt wollen sie auch noch in die Politilk - und ernten heftigen Gegenwind aus dem Dorf. Dabei wollen sie nur in Frieden leben. FOTO: LR / Rita Seyfert
Neustadt/Spree. Natur ist ihr Leben. Sie sind gegen die Kohle und wollen jetzt auch noch in die Politik. Das hat Folgen. Von Rita Seyfert

Als Friederike Böttcher (33) vor nunmehr acht Jahren nach Neustadt/Spree zog, wollte sie einfach nur „coole Sachen machen“, wie sie sagt. Voller Enthusiasmus organisierte sie erst mal einen Salsa-Kurs. Inzwischen liegen ihre Nerven blank. Die Tagebaukritikerin und Gemeinderatskandidatin machte sich in dem Tagebau-Dorf nicht nur Freunde.

„Wir hier waren die Initiative für das Bündnis ‚Strukturwandel jetzt - Kein Nochten II’“, erzählt sie. 2013 war ihr Umweltbildungsverein an der Gründung des losen Bürgerbündnisses beteiligt. „Wir haben uns für die bedrohten Dörfer engagiert“, erzählen sie, und das nicht ohne Stolz. Denn ein Teil ihres Ziels hätten sie bereits erreicht. Mulkwitz, Schleife und Rohne bleiben stehen.

Der Briefkasten explodierte und der Staatsschutz ermittelte

Doch ihr aktiver Wille zur politischen Mitgestaltung kam offenbar einer Zäsur gleich. „Haarsträubende Gerüchte kursierten plötzlich über uns“, erinnern sie sich. Dreimal explodierte nachts der Briefkasten, einmal lagen faule Eier drin. Sogar der Staatsschutz ermittelte.

Seit 2011 lebt Friederike Böttcher gemeinsam mit ihrem Lebenspartner Adrian Rinnert (34) auf dem Gelände der ehemaligen Holzwoll-Spinnerei mitten im Wald. Mit ihrem 2012 gegründeten Verein „Eine Spinnerei – vom nachhaltigen Leben“ engagiert sich das Paar für mehr Umweltschutz in der Region – und schreckt auch nicht vor kontrovers diskutierten Themen zurück.

Ihr Ziel ist eine Begegnungsstätte zur Verbreitung verantwortungsbewusster Lebensentwürfe. Der Ort mitten in der Natur könnte dafür nicht besser geeignet sein. Idyllisch plätschert die Struga hinter den Backsteingemäuern durch den Kiefernwald. Doch friedlich ist es hier schon lange nicht mehr.

Mitte April eskalierte die Situation, es kommt zu Handgreiflichkeiten

 Im Februar hat der Wiesen-Inhaber (re., will anonym bleiben) den Weg zur Lichtung im Wald mit Wurzeln versperrt. Mit der Gemeinderatskandidatur seiner Nachbarn hat das nichts zu tun, sagt er. Auch Ortsvorsteher Bernd Gesierich (li.) bestreitet eine politische Motivation.
Im Februar hat der Wiesen-Inhaber (re., will anonym bleiben) den Weg zur Lichtung im Wald mit Wurzeln versperrt. Mit der Gemeinderatskandidatur seiner Nachbarn hat das nichts zu tun, sagt er. Auch Ortsvorsteher Bernd Gesierich (li.) bestreitet eine politische Motivation. FOTO: LR / Rita Seyfert

Mehrfach wurde ihnen gesagt, dass sie angeblich „von Außen eingesetzte Umweltaktivisten“ sein sollen. Mehr noch: Mit ihrer Aktivität gegen die Braunkohle sollen sie eine Kluft geschaffen haben, die sie nie wieder schließen werden, so lautete der offene Vorwurf aus dem Dorf, mit dem sie sich seither konfrontiert sehen. 65 Prozent der Einwohner in Neustadt/Spree arbeiten laut Ortsvorsteher Bernd Gesierich im Tagebau, einige davon bereits in der vierten Generation.

Jüngst, Mitte April, einen guten Monat vor der Kommunalwahl in der Lausitz, eskalierte die Situation. Ein Mann, der anonym bleiben möchte, schüttete mehrere Baumwurzeln als Barriere auf den angrenzenden Weg hinterm Spinnerei-Grundstück. Sein Ziel ist es, den Zugang zum Wald zu versperren, wie er sagt. Ihm sei es ein Dorn im Auge, dass die Spinnerei-Bewohner über seine Wiese laufen. Das Stück Land mit der Lichtung habe er an Ortsvorsteher Bernd Gesierich verpachtet. Dieser bestätigt, dass Fußgänger seine Heuernte ruinieren.

Die Kinder dürfen nicht mehr im Waldareal spielen

Als Adrian Rinnert das Abschütten der Stuppen filmte, gerät die Situation außer Kontrolle. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. Ein Wort gibt das andere. Drohungen fallen. Strafanzeige wird gestellt. Revierförster Rolf Schlichting bestätigt, dass es sich um einen polizeirechtlichen Vorgang handelt. „Waldsperrung ist verboten“, sagt er. Im Wald gelte das „Jedermannsrecht“, stellt er klar. Das heißt, jeder darf die Wildnis betreten.

Friederike Böttcher hat ihren Kindern aber jetzt verboten, in dem Waldareal hinterm Haus zu spielen. Wegen der lautstarken Beschimpfungen über den Gartenzaun sagte sie sogar ihren Kräuterworkshop Anfang Mai ab, trotz vieler Anmeldungen aus der Gemeinde.

Die Grenze zum Nachbarschaftsstreit, der sich beim Bier schlichten lässt, scheint längst überschritten. Die Spinnerei-Bewohner vermuten eher einen Zusammenhang zu ihren Kandidaturen zum Gemeinderat. Adrian Rinnert und Friederike Böttcher stehen aktuell als zwei von zehn Kandidaten auf der Grünen Liste Spreetal. „Wir fragen uns, ob wir derart eingeschüchtert werden sollen, dass wir keinen Mut mehr haben uns politisch zu beteiligen.“

Adrian Rinnert ist fest davon überzeugt, dass er wegen seiner ersten Gemeinderatskandidatur 2014 seinen Job verlor. Die Stelle im Ganztagsangebot der Grundschule Burgneudorf wurde plötzlich nicht mehr ausgeschrieben. Für Strategiespiele und Werken gebe es vorerst keine Nachfrage, so damals die Begründung.

Der Gegenwind hält an

Welche Chance haben die beiden Tagebaukritiker überhaupt noch? „Integriert Euch“, hieß es beim Mediatoren-Gespräch im Frühjahr 2017 mit Pfarrer Jörg Michel. Einiges haben sie seitdem versucht. Adrian Rinnert gab beispielsweise seinen Antrag bei der Freiwilligen Feuerwehr ab. Doch monatelang kam keine Reaktion. Zumindest die Hilfe beim Maibaumstellen soll laut Ortsvorsteher Gesierich gut angekommen sein.

Trotzdem, der Gegenwind hält an. Tag und Nacht würden vorbeifahrende Autos hupen. Nachbarn parken neben dem Grundstück auf der Straße, starren minutenlang in den Garten und lassen dabei ihre Muskeln spielen. Anfangs konnten sie noch über all das lachen. Doch steter Tropfen höhlt den Stein, sagen sie. Inzwischen wünschen sie sich einfach nur noch Frieden – trotz ihrer konträren Meinung.