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| 19:18 Uhr

Johanneskirche Hoyerswerda
Kirchenglocke bleibt nachts stumm

An der Johanneskirche in der Hoyerswerdaer Altstadt wird ab Karfreitag der nächtliche Stundenschlag abgestellt.
An der Johanneskirche in der Hoyerswerdaer Altstadt wird ab Karfreitag der nächtliche Stundenschlag abgestellt. FOTO: Catrin Würz / LR
Hoyerswerda. Die Turmuhr der Johanneskirche in Hoyerswerdas Altstadt darf ab Karfreitag in den Nachtstunden nicht mehr schlagen. Anwohner haben diese Entscheidung herbeigeführt. Von Catrin Würz

Die Turmuhr der Jahrhunderte alten Johanneskirche in der Hoyerswerdaer Altstadt muss ab Karfreitag in den Nachtstunden stumm bleiben. Nach einer Bürgerbeschwerde eines Anwohners beim Landkreis Bautzen darf es keinen nächtlichen Stundenschlag der Glocke mehr geben - ansonsten droht der Kirche ein vom Landratsamt erhobenes Bußgeld. Denn der Glockenschlag übersteigt am offenen Fenster des Beschwerdeführers - direkt gegenüber vom Kirchturm - die Lärm-Grenzwerte für die Nachtstunden um genau sechs Dezibel. Dadurch fühlt sich der Anwohner in seinem Nachtschlaf gestört.

Schon seit über einem Jahr läuft dieser bizarre Streit um den nächtlichen Glockenschlag in Hoyerswerda. Im vergangenen Jahr bot der Gemeindekirchenrat einen Kompromiss an und stellte mit Hilfe einer recht aufwendigen technischen Lösung nachts den Viertelstunden-Gong ab. „Doch das reichte wohl einigen neueren Anwohnern nicht“, sagt Altstadt-Pfarrer Heinrich Koch. Nun forderte das Landratsamt die Kirchengemeinde auf, auch den Schlag der vollen Stunde zwischen 22 Uhr abends und 6 Uhr morgens einzustellen. Das sorgt für Kopfschütteln bei vielen alteingesessenen Altstadt-Bewohnern. Ein Jahrhunderte alter urbaner Klang, quasi ein Kulturgut, wird einfach abgestellt. Geht denn das?, fragen sich viele.

Ja, bestätigt das Landratsamt Bautzen. In den Rechtsgrundsätzen wird nach sakralem und nicht sakralem Geläut unterschieden. Während das Läuten zum Gottesdienst oder das Totengeläut als sakral rechtlich geschützt sind, unterliegt der Stundenschlag als profanes Geläut strengeren Regelungen. „Das müssen wir hinnehmen, wenn es der Gesetzgeber so sieht“, sagt Pfarrer Heinrich Koch. Der Gemeindekirchenrat habe sich deshalb schweren Herzens und mit großem Bedauern entschieden, nicht in die Gegenoffensive zu gehen - um hohe Kosten zu sparen und eine juristische Auseinandersetzung mit ungewissem Ausgang zu umgehen. „Die Entscheidung ist für uns zwar keine Einschränkung unserer öffentlichen Glaubensäußerung, aber doch der Verlust eines immateriellen Kulturgutes, welches seit Jahrhunderten das Leben in und um Hoyerswerda mit geprägt hat“, erklärt Koch.

So sieht das auch sein Pfarrer-Kollege Jörg Michel aus der Kirchengemeinde Hoyerswerda-Neustadt. Am Martin-Luther-King-Haus war erst Ende 2015 ein neuer Glockenturm errichtet worden. Seitdem läuten dort die Glocken jeweils 8 Uhr, 12 Uhr und 18 Uhr. Allen damaligen Befürchtungen zum Trotz blieb der Ärger mit Anwohnern aber komplett aus. Als sehr befremdlich empfindet Jörg Michel deshalb jetzt das Ansinnen, die älteste Kirche der Stadt quasi nachts zum Schweigen zu bringen. „Wenn heute von manchen befürchtet wird, dass unsere christlich-abendländische Kultur in Gefahr ist: Dieses Beispiel zeigt, dass wir das auch selbst kaputt kriegen.“