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Hoyerswerda
Keine Zeit für das eigene Gartenparadies

Joachim Becker (66) aus Laubusch hat seit mehr als 30 Jahren einen Garten in Nardt. Gleich nebenan muss er auf ein verlassenes Grundstück blicken. Der Leerstand ist auch in Nardt angekommen.
Joachim Becker (66) aus Laubusch hat seit mehr als 30 Jahren einen Garten in Nardt. Gleich nebenan muss er auf ein verlassenes Grundstück blicken. Der Leerstand ist auch in Nardt angekommen. FOTO: Anja Hummel / LR
Hoyerswerda. Viele Kleingärten in und um Hoyerswerda verkümmern. Pächter bleiben fern. Das Seenland soll eine Chance sein. Von Anja Hummel

Joachim Becker ist entspannt unterwegs. Gemütlich läuft er den Sandweg entlang, kommt seinem 360 Quadratmeter-Garten immer näher. In der Hand hält er ein ganzes Bündel   weißer Briefumschläge. „Darin sind die Jahresabrechnungen 2017“, sagt der Rentner. Im Auftrag seiner Frau Barbara, die die Finanzministerin der Nardter Gartensparte „Moritzgrund“ ist, verteilt er die Briefe in diesen Tagen an die Kleingärtner. 150 Euro im Schnitt zahlen die meisten für Pacht, Wasser und Strom pro Jahr. „Im Prinzip ist das nicht viel“, sagt Joachim Becker. Am Geld also, meint der 66-Jährige, könne der drastische Leerstand der Gärten in der Region nicht liegen.

In der Nardter Gartensparte, direkt an der B 96 gelegen, sind momentan sechs der insgesamt 29 Gärten unbewirtschaftet. „Das fällt in so einer kleinen Anlage natürlich schon auf“, erzählt Joachim Becker. Der ehemalige Polizist hat das Elend direkt nebenan. Schwenkt er seinen Blick nach rechts, schaut er auf zwei verwilderte Anlagen. Neue Pächter sind nicht in Sicht.

In Hoyerswerda und Umland stehen nach Angaben des Verbandes für Kleingärtner momentan 68 Kleingärten leer. „Die demographische Entwicklung geht auch an uns nicht spurlos vorüber“, erklärt der Verbandsvorsitzende Reinhard Klekar. Mangelnde Nachfrage drücke den Wert der zumeist liebevoll gepflegten Gärten. Gemeinsam mit den Kommunen müssten nun Strategien entwickelt werden, die diesem Trend entgegenwirkten. Mehr Berücksichtigung als Teil der städtischen Infrastruktur sei da zum Beispiel gewünscht.

Stefanie Deichsel sieht den großen Haken an ganz anderer Stelle. Seit 25 Jahren ist sie im Vorstand des Hoyerswerdaer Kleingartenvereins „Fritz Heckert“. „Das Kleingartengesetz müsste an die veränderten Lebensumstände angepasst werden. Dann würden auch die jungen Leute kommen“, sagt die Hoyerswerdaerin. Was sie damit kritisiert: Ein Drittel der Gartenfläche muss bebaut werden. Ob mit Tomaten, Erdbeeren oder Radieschen – Beete sind Pflicht. „Aber die junge Generation arbeitet den ganzen Tag und möchte sich abends im Garten ausruhen und nicht weiterackern“, sagt die Seniorin, während sie vorsichtig das Laub vom Beet harkt. Auch sie selbst muss sich die Arbeit einteilen. „Das geht langsam auf die Knochen“, erzählt sie. Denn das Gesetz macht auch zwischen den Generationen keine Unterschiede: Die Anlagen müssen den Vorschriften entsprechen. Das kann anstrengend sein. Da gab es freilich auch schon bessere Zeiten, resümiert die verwitwete Rentnerin.

„Früher in der DDR“, erinnert sich Joachim Becker, „da war es noch richtig schwierig, ein Stück Garten zu bekommen“. Er spricht von „langen Wartelisten“ und „Mundpropaganda“. Seit mehr als 30 Jahren hegt und pflegt der Laubuscher mit Ehefrau Barbara nun schon seinen Kleingarten. Für sie ist es das absolute Paradies zum Erholen und Ernten. „Aber man kann sich den Stress hier auch mal richtig rausarbeiten“, sagt der leidenschaftliche Bastler. Allein zum Feiern sei ein Garten nun mal nicht da. Die Beete sind längst umgegraben, die Krokusse blühen. Gerade weil ein Garten solch eine „feine Sache“ ist, bedauert er den Leerstand. „Wir werben mit Aushängen in der Stadt, aber auch im Internet“, erzählt Joachim Becker. Und siehe da – der Garten „links hinten“ ist seit kurzem wieder vergeben. „An eine Familie aus Radeberg“, sagt der Senior stolz. Das Seenland hat sie in die Region gezogen, weiß er aus ersten Gesprächen. „Sie sind Radfahrer und kommen her, um den Garten als Tor zum Wasser zu nutzen.“ Nüchtern schiebt Joachim Becker allerdings hinterher: Der Radweg von Nardt nach Lauta führe momentan nur entlang der Bundesstraße. „Hoffentlich geht es mit dem Ausbau bald vorwärts“, sagt der Kleingärtner. Denn eine Chance stelle die gute Lage im Seenland für die Kleingärten allemal dar. Mit Pachtnachlässen werde hier und da zusätzlich gelockt. Denn die Jugend muss nachrücken. „Das Alter schlägt weiter zu. Viele Rentner haben einfach keine Kraft mehr für die Bewirtschaftung.“

Auch Stefanie Deichsel geht langsam die Kraft aus. Ob sie ihren Garten nach der anstehenden Saison behalten wird, weiß sie noch nicht. Fest steht: Aus dem Vorstand verabschiedet sie sich. „Wir brauchen Nachfolger“, sagt sie besorgt. Junge Kleingärtner, die sich auch noch ehrenamtlich für die Sparte einsetzen – der Seniorin verursacht dieser fromme Wunsch gleich doppelt Bauchschmerzen.

Einen Überblick über die leerstehenden Gärten in und um Hoyerswerda gibt es im Internet:
www.vkh-hy.de

Stefanie Deichsel aus Hoyerswerda ist seit 25 Jahren im Vorstand des Kleingartenvereins „Fritz Heckert“ in Hoyerswerda. Sie gibt den Posten ab und fürchtet, dass sich kein Nachwuchfolger finden wird.
Stefanie Deichsel aus Hoyerswerda ist seit 25 Jahren im Vorstand des Kleingartenvereins „Fritz Heckert“ in Hoyerswerda. Sie gibt den Posten ab und fürchtet, dass sich kein Nachwuchfolger finden wird. FOTO: Anja Hummel / LR