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Keine Kinos mehr in ostsächsischen Kleinstädten

Noch nicht weg und nicht mehr richtig da: Alle Kinosessel fanden einen Abnehmer.
Noch nicht weg und nicht mehr richtig da: Alle Kinosessel fanden einen Abnehmer. FOTO: ume1
Bischofswerda. Am 3.Oktober 2012 fiel mit dem finalen Gong der letzte Vorhang der Kieft & Kieft Filmtheater Sachsen GmbH. ume1

Als Gründe nannte sie damals unzureichende Zuschauerzahlen sowie die Notwendigkeit, einen sechsstelligen Betrag in die Vorführtechnik zu investieren.

Seitdem war es ruhig geworden um das Haus an der Karl-Liebknecht-Straße unweit des Bischofswerdaer Bahnhofs. Bis sich unlängst Arbeiter daran machten, die noch vorhandenen Leuchtbuchstaben "Volkslichtspiele" abzubauen. Der in der Nachbarschaft wohnende Fotograf Rocci Klein erkundigte sich, was danach passieren soll: "So bin ich mit dem Verwalter ins Gespräch gekommen." In diesem Zuge erhielt er die Erlaubnis, einen Ausverkauf für die noch vorhandene Ausstattung zu organisieren: "Ich hätte es schade gefunden, wenn das Interieur des Bischofswerdaer Kinos einfach so verschwunden wäre." Und so strömten an einem Sonnabendvormittag im Juli noch einmal Dutzende Freunde der ehemaligen Volkslichtspiele herbei, um sich ihr ganz persönliches Erinnerungsstück zu sichern. Kinosessel, Filmplakate, selbst der Verkaufstresen - (fast) alles fand einen neuen Besitzer. Am frühen Nachmittag fiel die letzte Klappe. Was aus dem Gebäude werden soll, steht noch nicht fest. Die mit der Verwertung beauftragte Perlick Industrieauktionen GmbH aus Chemnitz bietet es auf ihrer Website zur Versteigerung an.

Bischofswerda ist kein Einzelfall. Außer den vier Zentren Görlitz, Bautzen, Zittau und Hoyerswerda verfügt keine Stadt in Ostsachsen mehr über ein kommerziell betriebenes Lichtspieltheater. Zu DDR-Zeiten hatte fast jedes größere Dorf eins. In Weißwasser schlossen bereits 2001 die Kristall-Lichtspiele, 2011 folgte das Deli-Theater in Bad Muskau. In Kamenz gab es einst zwei Kinos: Die Kammer-Lichtspiele stellten schon 1987 den Betrieb ein. 2015 musste das Gebäude notgesichert werden, nachdem Teile auf die Straße gestürzt waren. Das frühere "Film-Eck zur Sachsentreue" wurde 2010 abgerissen. Nicht viel besser erging es der 1991 geschlossenen Nieskyer Schauburg, die nach einem Brand 2005 beseitigt wurde und an deren Stelle sich jetzt ein Einkaufszentrum erhebt. Die Löbauer Lichtspiele hielten bis 1993 durch und blieben immerhin baulich erhalten, sie dienen heute einem Bankunternehmen als Sitz. Zu den Gründen des seit den frühen 90er-Jahren deutschlandweit zu registrierenden Kinosterbens schrieb der Berliner Medienwissenschaftler Joachim Paech 2003: "Die Filme scheinen die Kinos immer weniger zu benötigen und die Kinos mit viel zu kleinen Leinwänden können ein Film-Erlebnis kaum noch ermöglichen." Einen Ausweg boten nur umfangreiche Investitionen in moderne Technik und Ausstattung, die von den kleinen Kinobetreibern "auf dem Lande" nicht zu leisten waren.

Immerhin gibt es aber auch recht erfolgreiche Bemühungen nicht kommerzieller Betreiber, die Kinotradition am Leben zu erhalten: beispielsweise mit dem Landkino Arnsdorf (Gemeinde Vierkirchen), in der Kulturfabrik Mittelherwigsdorf (bei Zittau) oder im Görlitzer Programmkino Camillo. Einen Sonderfall bildet Rietschen, wo seit Jahresbeginn ein Verein den Kinobetrieb übernommen hat. Und auch in Bischofswerda gibt es noch Lichtspiele - das vom Verein Kleiderfundus beriebene "kleinste Kino". Dieses hat sich übrigens die Hälfte der zum Verkauf stehenden roten Kinosessel aus dem kleinen Saal der früheren Volkslichtspiele gesichert.