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Keine brotlose Kunst

Bernsdorf.. Roland Ermer ist ein vorbildlicher Meister. Seit seiner Selbstständigkeit 1988 bildet der Bäcker jedes Jahr immer mindestens einen Lehrling aus. Und das trotz der schwierigen wirtschaftlichen Situation im Handwerk. Inzwischen kann er auf eine stolze Bilanz von 16 Gesellen verweisen. Von Beate Wockenfuß

„Mit Mädels habe ich dabei bessere Erfahrungen gemacht“ , erzählt der 39-Jährige. Abgebrochen hätten bisher nur Jungen – einer, „weil er klaute“ , der andere, „weil er ständig verschlief“ . „Leider denken viele, dass ihr Einsatz für den Abschluss erst mal reicht“ , erklärt Ermer, „erst später ärgern sie sich dann über ihre schlechten Zeugnisse.“ Zur Zeit befinden sich drei männliche und ein weiblicher Bäckerlehrling in seiner Obhut. Verkäufer bilde er momentan nicht aus: „Das scheitert an der mangelhaften Qualifikation der Bewerberinnen“ . Deshalb stimme es nicht, dass die Handwerker nicht ausbilden wollen. „Es ist unmöglich, wenn eine Bewerberin mit drei Piercings und einer Tätowierung vor mir steht und sagt, ihre fünf in Mathe sei nicht hinderlich, da zum Rechnen ja schließlich Kassen da sind“ , erbost er sich. Die Schelte, die auf die Bundesregierung losgelassen werde, sei daher nicht berechtigt. Die Forderung nach Benimm-Kursen würde der Bäckermeister „voll unterschreiben“ .
Was die Ausbildung zum Gesellen betrifft, hat Ermer die Qual der Wahl. Zwischen 25 und 30 Bewerbungen erhielt er in diesem Jahr. „Im Osten ist die Bewerberzahl höher als die der angebotenen Stellen“ , erklärt er, „das wird sich durch den Geburtenrückgang bald ändern.“ Im Handwerk sei aber nicht genügend Arbeit vorhanden. Man bilde eben nur für seinen Bedarf aus. Die teure Ausbildung trage jeder Handwerker alleine: „Das ist eine Riesenleistung, die wir für den Staat erbringen.“ Deswegen zeigt Ermer auch absolut kein Verständnis für die von Rot-Grün geplante Abschaffung des Meisterzwangs. „Das gibt im gesamten Handwerk einen Niveauknick nach unten, der in zehn Jahren nicht mehr aufzuholen ist“ , klagt er.
„Warum sollten sich die jungen Leute dann noch drei Jahre ausbilden lassen und ihren Meister machen, wenn es auch ohne geht“ , fragt Ermer: „Das ist eine Abwertung des Berufsstands und kommt wirtschaftlichem Selbstmord gleich.“ Ein weiteres Problem sei die lahmende Konjunktur. Menschen mit wenig Geld könnten sich nun mal nicht jeden Tag ein Stück Sahnetorte leisten. Dabei unterliege sein Handwerk aber nicht so sehr den Schwankungen wie andere. Brot brauche schließlich jeder.
Der Bäckermeister bedauert, dass nicht alle Betriebe ausbilden. „Wenn kein guter Nachwuchs herangezogen wird, stirbt der Betrieb irgendwann“ , appelliert er. Für die Zukunft sieht Ermer schwarz: „Ich befürchte, dass die Ausbildungsbereitschaft weiter nachlässt.“ Nicht zuletzt wegen der umstrittenen Gesetzesvorlage. „Ich werde dann keinesfalls über den Bedarf hinaus ausbilden“ , kündigt er an. Denn: „Es kann nicht sein, dass wir die Sachen, die wir für den Staat machen, nicht gewürdigt bekommen, sondern im Gegenteil noch von denen in den Hintern getreten werden.“

Hintergrund Lehrlings-Freisprechung
 Heute Nachmittag spricht die Kreishandwerkerschaft Bautzen 217 Lehrlinge frei. 70 junge Frauen und 147 junge Männer erhalten in der Hoyerswerdaer Lausitzhalle ihren Gesellenbrief. Ausgebildet wurden Tischler, Bäcker, Dachdecker, Maurer, Fleischer, Friseure und Maler sowie verschiedene Fachverkäufer.