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| 21:17 Uhr

Verkehrsgeschichte
Der legendäre Hechtwagen für die Dresdner Straßenbahn wird 80

 Der Kleine Hechtwagen mit der Nummer 1820 mit Beiwagen als Museumszug auf einer Sonderfahrt am Endpunkt Radebeul- Ost.
Der Kleine Hechtwagen mit der Nummer 1820 mit Beiwagen als Museumszug auf einer Sonderfahrt am Endpunkt Radebeul- Ost. FOTO: Christoph Pohl
Bautzen/Görlitz. Die Waggonbauer in Bautzen stehen vor einem Jubiläum der Verkehrsgeschichte: Der legendäre Kleine Hechtwagen wird 80. Ein Museumswagen ist noch erhalten und auf Tour. Von Christoph Pohl

In der beinahe 175-jährigen Firmengeschichte sind im Waggonbau Bautzen, als Eisengießerei und Maschinenbauwerkstatt gegründet, Schienenfahrzeuge hergestellt worden. Speziell für Straßenbahnen. Nicht erst heute verkehren Bautzener Fahrzeuge auch auf den Gleisen der Dresdner Straßenbahn: Vor genau 80 Jahren wurden hier in der Stadt an der Spree die „Kleinen Hechtwagen“ für die Dresdner Verkehrsbetriebe gebaut. Dabei hatten die Arbeiter schon Erfahrung im Hechtbau, denn ab dem Jahr 1931 wurden in Bautzen „Große Hechtwagen“ gebaut.

Das erste Baumuster des vierachsigen Fahrzeuges, später als Großer Hechtwagen bezeichnet, wurde Ende 1929 in Dresden in Betrieb genommen. Die erste Serie ab 1931 ausgeliefert. Neben dem Bautzener Waggonbau war auch Christoph & Unmack in Niesky an der Produktion beteiligt.

 Blick in den Führerstand eines Kleinen Hechtwagens. Hier ging es sehr eng    und spartanisch zu.
Blick in den Führerstand eines Kleinen Hechtwagens. Hier ging es sehr eng und spartanisch zu. FOTO: Christoph Pohl

Mit dieser Entwicklung wurden zahlreiche Neuerungen im Straßenbahnbau verwirklicht: Erstmals konnte der Fahrzeugführer seine Arbeit im Sitzen ausführen. Der unterflur angeordnete Zentralfahrschalter wurde mit Druckknöpfen und Pedalen fernbedient. Es gab umschaltbares Fern- und Abblendlicht und keine Stufen und Unterteilungen im Innenraum mehr. Die Wagen bewährten sich außerordentlich gut und waren bei Fahrgästen und -personal sehr beliebt.

Auf weniger frequentierten Strecken waren sie jedoch nicht ausgelastet, so dass auch noch ein zweiachsiger Kleiner Hechtwagen entwickelt wurde. Dies wiederum von Alfred Bockemühl, dem Direktor der Dresdner Straßenbahn und dem Sachsenwerk Dresden in Zusammenarbeit mit der Waggon- und Maschinenbau AG in Görlitz (Wumag).

Der Prototyp konnte im November 1934 in Betrieb genommen werden und wurde in Dresden eingehend erprobt. Nach der Auslieferung der ersten Serie von 25 Wagen, die 1936 vom Waggonbau Niesky gebaut wurden, konnten die Fahrzeuge im Liniendienst eingesetzt werden.

1938 und 1939 wurde eine zweite Serie von 22 Triebwagen vom Waggonbau Busch in Bautzen hergestellt. Sie alle verkehrten sowohl als Solofahrzeuge als auch mit Beiwagen im Zugverband. Kleine Hechtwagen wurden aber auch für Sonderaufgaben wie Stadtrundfahrten eingesetzt. Grundsätzlich waren sie lange Zeit die modernsten Fahrzeuge der Dresdner Straßenbahn, so hatten sie beispielsweise europaweit die erste Feinreglersteuerung.

Gegenüber den Kleinen Hechten aus Niesky wurden die Bautzener noch einmal verbessert. Einerseits technisch, aber auch die Inneneinrichtung war noch vornehmer geworden – teilweise mit Gardinen und Leuchten an den Fensterholmen. Die lederbezogenen Sitze konnten je nach Fahrtrichtung umgeklappt werden, so dass die Fahrgäste immer vorwärts fuhren. Fährt man heute in einem Kleinen Hecht mit, hat man allerdings den dringenden Verdacht, dass die Menschen vor 80 Jahren wahrscheinlich kleiner, auf alle Fälle aber wesentlich schlanker waren.

Spannend ist der Blick in die Fahrerkabine: Die Wände des jeweils in Fahrtrichtung hinten liegenden Führerstandes konnte nach innen zusammengeklappt werden, so entstanden für die Fahrgäste zusätzliche Stehplätze. Der Fahrersitz wurde dabei doppelt nach vorn geklappt. In der geöffneten Kabine ging es für den Fahrer aber sehr beengt zu: Die Bedienelemente befanden sich lediglich an den Seiten und am Boden: Links waren die Druckknöpfe zum Fahren und Beschleunigen (Fahrtrichtung, Serien-/ Parallelschaltung der Motoren, Weichensteller) angeordnet unten die Pedale für das Bremsen (von rechts für die Betriebsbremse, Sandstreueinrichtung und die Schienenbremse). Der rechte hohe Hebel ist die Feststellbremse, also zum Stehenbleiben.

Auch die Fahrer der Hechtwagen sollten möglichst klein und schlank sein, die typische Haltung war leicht gekrümmt und gebückt, ähnlich einem „Skifahrer auf der Flucht“. Trotzdem ein riesengroßer Fortschritt gegenüber älteren Bahnen, wo der  Fahrer hinter dem aufrecht stehenden Fahrschalter (für jede Fahrtrichtung ein separater) stand und mit zwei Kurbeln die einzelnen Fahr- und Bremsstufen manuell schalten musste.

Der heute noch in Dresden vorhandene Kleine Hechtwagen mit der Betriebsnummer 1820 gehört zur Bautzener Serie und wurde im Jahr 1938 gebaut. Er befindet sich in betriebsfähigem Zustand und kreuzt bei Sonderfahrten auch immer wieder durch die Landeshauptstadt.