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| 19:29 Uhr

Zu Besuch bei der Tafel
Jede Woche eine Überraschungstüte

Heike Karakas aus Groß Särchen kommt seit einigen Jahren regelmäßig zur Tafel. Für das Angebot ist sie sehr dankbar, denn als Invalidenrentnerin hat sie „nicht so viel auf der Hand“.
Heike Karakas aus Groß Särchen kommt seit einigen Jahren regelmäßig zur Tafel. Für das Angebot ist sie sehr dankbar, denn als Invalidenrentnerin hat sie „nicht so viel auf der Hand“. FOTO: LR / Anja Hummel
Hoyerswerda. Bei der Tafel Hoyerswerda werden pro Woche mehr als 4000 Kilogramm Lebensmittel verteilt. Diebe haben kürzlich den Garten geplündert. Von Anja Hummel

Heike Karakas wirft einen Blick in den Plastebeutel. „Morgen gibt’s Gemüseeintopf“, sagt sie entschlossen. Kartoffeln habe sie noch von ihrem letzten Besuch vor einer Woche zu Hause. Aus dem Beutel ragt ein großer Stengel Lauch, die Möhren sind nach unten gerutscht. Jeden Mittwoch ist Heike Karakas zu Gast in der Ulrich-von-Hutten-Straße. Hier kennt man sie mit Namen, hier erkundigt man sich nach ihrem „Göttergatten“. „Der muss heute auf die Oma aufpassen“, erzählt die 52-Jährige, während sie Äpfel aus einer grünen Box in einen ihrer drei Beutel packt. Seit mehreren Jahren nutzt Heike Karakas das Angebot der Hoyerswerdaer Tafel. „Hier bekomme ich immer eine Überraschungstüte“, sagt die Groß Särchenerin mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. Auch dieses Mal hat sie wieder von allem etwas bekommen: Milchflaschen, Joghurt, Wurstaufschnitt. Und eine ganze Palette mit glasierten Schaumküssen. Im Supermarkt könnte sie sich so etwas nicht kaufen. Als Invalidenrenterin hat sie „nicht so viel auf der Hand“.

Seit vielen Jahren unterstützt die Hoyerswerdaer Tafel die Bedürftigen der Umgebung. Bis zu 350 Bedarfsgemeinschaften nutzen dieses Angebot auch. „Eine Bedarfsgemeinschaft kann eine fünfköpfige Familie, aber auch eine Einzelperson sein“, erklärt Madlen Krenz. Als Einrichtungsleiterin des Vereins „Vereinbarkeit von Beruf und Familien fördern“ (vbff) in Hoyerswerda ist sie auch für die Organisation der Tafel zuständig. Täglich fahren die Mitarbeiter zu den Supermärkten und schaffen insgesamt bis zu 900 Kilogramm Lebensmittel in die Kühlhäuser der Tafel. Dann wird fleißig sortiert – für die Öffnungstage am Mittwoch und Freitag. Von Jugendlichen mit abgebrochener Lehrstelle über Asylbewerber bis hin zu Rentnern kommen alle mit Beutel, Rucksack und Co., um frische und verpackte Ware mitzunehmen.

 Was Madlen Krenz dabei auffällt: Es sind mehr Senioren bedürftig als vorbeikommen. „Ich vermute, dass sie von früher gelernt haben, sparsam zu sein und sich deshalb nicht trauen“, so Madlen Krenz. Vielleicht wüssten sie aber auch gar nicht, dass sie beispielsweise allein durch den Bezug von Wohngeld einen Anspruch auf das Tafel-Angebot haben. Gut genutzt wird das in der Regel von Geflüchteten. Anders als in anderen Einrichtungen hier und da zu hören ist, kann Madlen Krenz nichts Negatives berichten. „Bisher war immer alles ruhig.“ Einziger Mangel: Oftmals wird die Ware erst mitgenommen und manches davon direkt danach draußen in den Busch geworfen. „Das ärgert uns natürlich“, sagt die Leiterin. Deshalb fragen ihre Mitarbeiter mittlerweile immer öfter bei den Geflüchteten nach, was sie tatsächlich essen und was nicht.

Heike Karakas macht allen Mut, einfach mal vorbeizuschauen. „Niemand muss sich schämen, mir ist noch keiner patzig gekommen“, erzählt sie und packt noch ein paar Gurken in den Beutel. Die sind zwar nicht aus dem hauseigenen Tafel-Garten, könnten sie aber sein. Seit drei Jahren hegen und pflegen die Tafel-Mitarbeiter Blumen- und Gemüsebeete. Das Ärgerliche: Immer wieder schlagen Diebe zu. Erst vor Kurzem wurden Stauden herausgebuddelt und Zucchinis geklaut. „Wir müssen das Obst und Gemüse sofort ernten, wenn es reif ist“, sagt Madlen Krenz. Die Erträge halten sich insgesamt aber in Grenzen. „Wer gute Erde abzugeben hat, kann die gerne zu uns bringen“, ruft die Chefin zur „Mist-Spende“ auf.

Heike Karakas hat keinen eigenen Garten. Deshalb geht sie besonders „wirtschaftlich“ mit den frischen Sachen um. Nur so klappt es, dass sie gerade mal aller 14 Tage einkaufen gehen muss. „Ich habe jetzt noch etwas von letzter Woche da“, teilt sie  das Essen immer akribisch ein. Und sollte doch einmal etwas übrig sein, hat sie ein ganz besonderes Geheimrezept auf Lager: „Dann mach ich gerne mal eine Soljanka.“

Lutz Pawlowska (l.) und Kai Fahry kümmern sich um den Hoyerswerdaer Tafel-Garten. Sie ärgern sich, dass hier immer wieder aufs Neue Obst- und Gemüsediebe zuschlagen.
Lutz Pawlowska (l.) und Kai Fahry kümmern sich um den Hoyerswerdaer Tafel-Garten. Sie ärgern sich, dass hier immer wieder aufs Neue Obst- und Gemüsediebe zuschlagen. FOTO: LR / Anja Hummel
Madlen Krenz ist die Einrichtungsleiterin. Neben der Tafel gehört zum Angebot des Vereins "Vbff" unter anderem auch eine Suppenküche, eine Möbelwerkstatt und eine Kleiderkammer.
Madlen Krenz ist die Einrichtungsleiterin. Neben der Tafel gehört zum Angebot des Vereins "Vbff" unter anderem auch eine Suppenküche, eine Möbelwerkstatt und eine Kleiderkammer. FOTO: LR / Anja Hummel