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| 18:45 Uhr

Hoyerswerda
Intensive Proben fürs „Manifest“

Viele der getanzten Figuren und Haltungen fallen Sabine Daul mittlerweile leicht.Und trotzdem: Die Proben sind ein ständiges Wechselbad der Gefühle.
Viele der getanzten Figuren und Haltungen fallen Sabine Daul mittlerweile leicht.Und trotzdem: Die Proben sind ein ständiges Wechselbad der Gefühle. FOTO: Rainer Könen
Hoyerswerda. Am 1. Juni heißt es wieder im Lausitz-Center: „Eine Stadt tanzt“. Die RUNDSCHAU ist vorab bei einer Probe dabei. Von Rainer Könen

Wasser. Der Griff zur Flasche ist wichtig. Die Anstrengung ist beachtlich. Es ist kurz nach 18 Uhr. In der zweiten Etage des Ex-Centrum stehen kleine Podeste verloren in der Weite des Raums. Ein paar Scheinwerfer leuchten. Im Halbdunkel stampft, stapft und dreht sich zu rhythmischer Musik eine zumeist dunkel gekleidete „Tänzermasse“. Mittendrin die Hoyerswerdaerin Sabine Daul.

Nach dem halbstündigen Aufwärmtraining bekommen die rund 40 Tänzer eine Pause.  Sabine Daul wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht. Die 44-Jährige wird, wie die übrigen Teilnehmer des neuen Tanzprojektes der Kulturfabrik, bis zur Premiere am 1. Juni im früheren Centrum-Warenhaus eine „sehr intensive Zeit“ haben, wie sie es beschreibt. Heißt: Tagsüber arbeiten, danach in die Sportsachen schlüpfen, um bis in die Nacht hinein zu proben. Um Choreografien einzustudieren. Und ja, es wird auch gesungen bei diesem neuen Kufa-Projekt von Initiator Dirk Lienig. Der Bürgerchor ist erstmals mit von der Partie. Um das neue Thema „Eine Stadt tanzt: Manifest“ umzusetzen, werden die rund 70 Tänzer vom 45-köpfigen Bürgerchor unterstützt.

„Wir sind eine große Gemeinschaft mit vielen unterschiedlichen Charakteren“, erzählt Sabine Daul, die im Augenmedizinischen Versorgungszentrum in Hoyerswerda als Personalreferentin arbeitet. Sie mag es, mit vielen Menschen gemeinsam zu tanzen, findet das spannend, weil so auch ein immenser Energieaustausch zwischen den Teilnehmern entsteht. In der gegenwärtigen Probenphase ist es allerdings eher eine „erschöpfende Leere“ mit der sie daheim hundemüde ins Bett fällt.

 Seit einem halben Jahr trainiert die Tanzkompagnie. Im Moment, so Sabine Daul, befinde sie sich an einem Punkt, an dem „es auf der persönlichen Gefühlsskala rauf und runter geht“. Sie spüre bei den Proben jetzt häufiger Unzufriedenheit, mitunter Langeweile, manchmal Freude. Jede Probe habe ihre Emotion, erzählt sie. Gestern sei sie mit aggressiven Empfindungen nach Hause gegangen. Warum? „Weil bei mir nichts geklappt hat“. Und jetzt? Sie lacht vorsichtig. „Könnte gut werden heute.“

Chorleiter André Bischof und Dirk Lienig geben Anweisungen. Es gibt Verhaltenstipps für die kommenden Auftritte. Bühnenhaltung bewahren, konzentrieren. Jeder nimmt wieder seinen zugewiesenen Platz im Raum ein. Sabine Daul erinnert sich an die erste Probe bei Dirk Lienig. „Ich war nass geschwitzt, alle Muskeln taten weh, aber ich fand es toll.“ Das war vor einigen Jahren.
Bischof spielt ein Gundermann-Stück auf der Gitarre, die Tänzer versuchen sich in der Interpretation des Zukunftsthemas der Stadt. Monatelang hat sich die Tanzgruppe von Dirk Lienig auf Linie bringen lassen. Wird alles klappen? „Ich denke oft, dass wir noch nicht soweit sind, noch ein halbes Jahr brauchen“, sagt Sabine Daul wenig. Aber sie weiß auch, dass die Zeit bis zur Premiere ziemlich kurz ist. Nur ein paar Tage sind es.

Es wird wieder das Zusammenspiel von Sängern und Tänzern getestet. Aufmerksamkeit, Beweglichkeit, Raumgespür ist gefragt. Die Gesichtsausdrücke schwanken zwischen Konzentration und zufriedenem, manchmal auch stolzem Lächeln. Bis ins kleinste Detail feilt Dirk Lienig an diesem Abend an den Schritten, an den Choreografien der Szenen. Ein „ungefähr“ reicht dem früheren Balletttänzer bei Weitem nicht. Er kennt seine Gruppe, ihre Möglichkeiten und lässt sie nicht eher nach Hause gehen, bis alle Grenzen ausgelotet sind.
Konzentrationspause. Sabine Daul schaut wieder etwas kritisch. „Ich glaube, ich habe die Choreografien noch nicht völlig in mir aufgenommen“. Sie ist Perfektionistin. Das kann Antriebskraft, aber auch Hemmschuh sein. Angst vor der Premiere? Kopfschütteln. Nicht so, wie andere im Ensemble. Daul: „Ich bin vor den Auftritten immer relativ entspannt“. Nur nicht in den Proben.

Zwei Stunden hat sie mit den anderen die Figuren  erarbeitet. Sie weiß, heute wird es erneut lange gehen. Lange schlafen wird sie nicht. Um fünf geht es schon wieder raus. Und nach Feierabend wieder ins Lausitz-Center, zur Probe. Warum macht sie das alles? „Ich bin ein Gruppenmensch, ich brauche das“, meint sie. Sie schaut glücklich aus.