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| 16:47 Uhr

Kita-Schließung
Das Aus für die „Sonnenblume“

Ein Kindergarten bedeutet, wie auf diesem Symbolfoto, immer auch eine Gemeinschaft. In der Kita „Sonnenblume“ endet diese Gemeinschaft nun zwangsläufig im kommenden Sommer – zum Ärger etlicher Eltern.
Ein Kindergarten bedeutet, wie auf diesem Symbolfoto, immer auch eine Gemeinschaft. In der Kita „Sonnenblume“ endet diese Gemeinschaft nun zwangsläufig im kommenden Sommer – zum Ärger etlicher Eltern. FOTO: MikeDotta/Shutterstock.com
Hoyerswerda. Im kommenden Jahr schließt Hoyerswerda eine Kita in der Neustadt. Die Entscheidung kam für Träger und Eltern völlig unerwartet. Von Anja Hummel und Sascha Klein

Aufgelöst und unter Tränen steht Anett Ritsert mit der Schulter an die Wand gelehnt. Immer wieder wischt sie sich mit dem Taschentuch die Augen trocken. Dass sie „absolut enttäuscht“ ist, wie sie sagt, sieht ihr jeder an, der den Flur des Hoyerswerdaer Rathauses entlangläuft. „Unsere Kinder hängen jetzt vollkommen in der Luft“, sagt die Hoyerswerdaerin mit zittriger Stimme. Die Kita, in die ihr Sohn und ihre Tochter gehen, wird im kommenden Jahr geschlossen. Nicht nur für sie kam diese Nachricht völlig unerwartet.

Die Entscheidung über die Zukunft der „Sonnenblume“ im WK II in Hoyerswerdas Neustadt ist nur wenige Minuten zuvor im Stadtrat gefallen. Am Dienstagabend wurde abgestimmt. Der „bauliche Zustand“ hat der Kita das Genick gebrochen. „In einzelnen Einrichtungen gibt es einen großen Sanierungsbedarf. Diese Kita hat aber den höchsten“, erläutert Bürgermeister Thomas Delling. Außen- und Innenwände, Dach und Fenster, Strom und Heizung – alles wäre dringend zu erneuern. Die dafür kalkulierten Kosten: 720 000 Euro. Weder für Stadt noch Träger wäre das finanziell leistbar, so der Bürgermeister. Fördermittelzusagen seien ausgeschlossen. „Hoyerswerda hat andere Einrichtungen, die genutzt werden können“, sagt Delling. Denn eine aktuelle Kita-Standortanalyse ergibt: In der Stadt gibt es etwa 240 Kita-Plätze zu viel. Mit der Schließung setzt die Stadt nun einen ersten Schwerpunkt.

Während Thomas Delling erklärt und rechtfertigt, wird es immer unruhiger auf den Besucherplätzen. „Ist es nicht sinnvoll, gleich eine Kita mit 200 Plätzen zu schließen?“, ruft eine aufgelöste Mutter dazwischen. Die ersten Tränen laufen, Taschentücher werden aus der Tasche gekramt. Die Glocke ertönt. Nicht zum letzten Mal in dieser Sitzung. Kein Rederecht für  Besucher, ermahnt Oberbürgermeister Stefan Skora.  Diese Gelegenheit gab es zuvor in der Fragestunde. Da sprach Robert Ratzing von einer „gravierenden Fehlentscheidung“. Stellvertretend für alle betroffenen Eltern  betonte der Vater einer dreijährigen Tochter: „Die Kita steht im kinderreichsten Wohnkomplex in absolut zentraler Lage.“ Eine der Fragen: Ob der soziale Aspekt bei dieser Entscheidung überhaupt eine Rolle spielt. Von „intensiven Diskussionen“ spricht Bürgermeister Delling, von „anderen Einrichtungen mit sehr guter Betreuung“. Er betont, die Schließung habe nichts mit der Arbeit der Erzieherinnen oder dem Träger zu tun. Letzterer zeigt sich bestürzt. Auf RUNDSCHAU-Nachfrage kündigt Falk Stirner, Geschäftsführer der Trägerwerks Soziale Dienste (TWSD), an: „Wir werden den Beschluss anfechten.“ Erst am Tag der Beschlussfassung ist der Träger offiziell über die Schließungspläne der Kita informiert worden. „Kurz zuvor habe ich davon in der Zeitung gelesen“, so Stirner. Auch Elternschaft und Kita-Personal haben von den Plänen über die Presse erfahren.

Hoyerswerdas Bürgermeister Thomas Delling bestätigt, dass der Träger TWSD erst am Dienstag von der Schließungsabsicht informiert worden ist. Die Verwaltung habe Anfang September einen Termin vereinbaren wollen, das Trägerwerk Soziale Dienste habe jedoch erst diesen späten Termin bestätigt. Allerdings, so Delling, sei schon bei der Besichtigung der Einrichtung lange vorher angedeutet worden, dass das Haus für einen langfristigen Weiterbetrieb saniert werden müsse. „Das Thema ist also seit Monaten im Raum“, so der Bürgermeister weiter. Der TWSD-Geschäftsführer spricht davon, dass „mit der Stadt zuletzt noch unterschiedliche Modelle für die Sanierung der Kita besprochen wurden“. Nicht aber die Schließung. Falk Stirner: „Wir kämpfen, dass die Einrichtung weiter erhalten bleibt.“ In den vergangenen Jahren wurden bereits zwei andere Hoyerswerdaer Kitas unter TWSD-Trägerschaft geschlossen. „Aber da wurde noch ordentlich kommuniziert“, so Stirner.

Auch Anett Ritsert ist besonders über die Art und Weise des Beschlusses erschüttert. 2015 kam sie mit ihrer Familie als Rückkehrerin nach Hoyerswerda. „Und zwar wegen der Kinderbetreuung“, erzählt sie. Was Bürgermeister Delling versichert: „Wir werden die Erzieher und Eltern nicht alleine lassen.“ Es soll Angebote geben, sich die verbleibenden 20 Einrichtungen der Stadt anzusehen. Dafür bleibt ein Jahr Zeit. Dann soll die „Sonnenblume“ in Hoyerswerda schon Geschichte sein.