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| 18:44 Uhr

Drogenprävention
(K)ein Alltag ohne Drogen

Roland Huth leitet den Arbeitskreis Suchtprävention für Hoyerswerda und das Umland. In diesem Jahr holten er und sein Team zum ersten Mal die Jugendfilmtage zum Thema „Alkohol und Nikotin“ nach Hoyerswerda.
Roland Huth leitet den Arbeitskreis Suchtprävention für Hoyerswerda und das Umland. In diesem Jahr holten er und sein Team zum ersten Mal die Jugendfilmtage zum Thema „Alkohol und Nikotin“ nach Hoyerswerda. FOTO: LR / Anja Hummel
Hoyerswerda. Alkohol ist und bleibt die Nummer Eins der Drogen. Auch in Hoyerswerda. Aber dem Konsum kann vorgebeugt werden – in der Schule ebenso wie in der Familie. Roland Huth: Prävention beginnt schon weit vor der Pubertät. Von Anja Hummel

Das Kind: mitten in der Pubertät. Die Eltern: mitten in der Ratlosigkeit. Neuer Freundeskreis, andere Interessen, null Kommunikation. Bei Mutter und Vater schellen die Alarmglocken. Trinkt mein Sohn Alkohol? Raucht meine Tochter Zigaretten? Wird im Jugendclub gekifft? Oder machen dort gar ganz andere Drogen die Runde?

Roland Huth weiß: Ob im Partyzelt auf dem Dorffest oder am Abendbrottisch im heimischen Wohnzimmer – Alkohol und Nikotin gehören zum Alltag. Längst schon bevor die Jugendlichen selbst davon probieren. Aber: Das kritische Alter ist eindeutig die Pubertät. In der achten Klasse, wenn die Jugendlichen um die 13 Jahre alt sind, geht es um Abgrenzung, aber auch um Gruppendruck. Mache ich mit, wenn andere Alkohol trinken? Ziehe ich an der Zigarette, die gerade die Runde macht? „Hier zeigt sich, wer stark in seiner Persönlichkeit ist.“ Und genau da setzt die Arbeit von Roland Huth an. Er ist der Verantwortliche für die Suchtprävention in der Stadt Hoyerswerda, leitet einen Arbeitskreis aus Mitarbeitern verschiedener Institutionen und Vereinen. Seit 24 Jahren gibt es den schon. Für Schulen werden Projekte entwickelt, Schulungen konzipiert, Ausflüge angeboten. „Wir sind weniger in Kontakt mit bereits Konsumierenden“, sagt der 55-Jährige. Das Gros seiner Arbeit spielt sich in Oberschulen, Gymnasien, Berufsschulzentren ab. Hauptsächlich thematisiert werden Alkohol und Nikotin. Doch: „Die Drogen sind so oder so da, es geht nicht um den Stoff“, macht Huth deutlich. Vielmehr seien die sozialen Kompetenzen im Jugendalter entscheidend.

Der Arbeitskreis für Drogenprävention besteht aktuell aus 15 Personen. Jugendamt, Polizei, Gesundheitsamt, Schulwesen – „alles ist gut miteinander vernetzt“, so Huth. Erst kürzlich haben sie in Zusammenarbeit mit dem Landkreis Bautzen eine erfolgreiche „Woche der Sucht- und Drogenprävention“ über die Bühne gebracht. Mit verschiedensten Aktionen, von der Buchlesung über das Theaterstück bis zu den Jugendfilmtagen, wurden gut 1200 Schüler aus Hoyerswerda und dem Umland erreicht. „So groß war die Nachfrage noch nie“, sagt Roland Huth. Die Schulen konnten sich freiwillig für die Teilnahme anmelden.

Womit die Jugendlichen am besten erreicht werden: vieles funktioniert, nur keine „Frontalbelehrung“ . Interaktion und Entertainment, das generiert Aufmerksamkeit. So kamen beispielsweise Aktionen wie die Jugendfilmtage sehr gut an. Doch auch, wenn Betroffene schonungslos ihre Geschichte erzählen, ihr Leben preisgeben, berührt das die Gemüter der Schüler. Erst kürzlich gab es eine Buchlesung von einem ehemaligen Crystal-Meth-Abhängigen. „Ein wichtiges Thema. Die Droge ist längst in Hoyerswerda angekommen“. Genauer gesagt: Schon seit Ende der 90erJahre gibt es die Probleme. Die Menschen, die damals in den Strudel des Crystal-Meth-Konsums gerieten, haben mittlerweile Kinder. Dadurch sei die Droge laut Huth auch in der Struktur einiger Familien fest etabliert. Auch Cannabiskonsum nehme zu. Trotzdem: „Alkohol ist  und bleibt das größte Problem“, betont Huth. Warum? „Es ist überall verfügbar. Der Umgang mit legalen Drogen ist im Alltag eingezogen.“

Wer jenen Menschen hilft, die sich längst im Bann der Rauschmittel verloren haben: die Suchtberatungs- und -behandlungsstelle Hoyerswerda. Seit Jahresbeginn haben die Mitarbeiter – ausgebildete Sozialpädagogen und Therapeuten – 411 Klienten beraten. Die Mehrheit davon, etwa 53 Prozent, kam wegen Alkoholproblemen, 27 Prozent suchten Hilfe aufgrund von illegalem Drogenkonsum. Ein kleiner Teil ließ sich in seinem  Umgang mit Glücksspiel und Medienkonsum beraten.

„Bei illegalen Drogen wird als Hauptsubstanz Methamphetamin, also Crystal, konsumiert. Die Zahlen bewegen sich seit den letzten zwei Jahren auf konstant hohem Niveau“, erklärt Kerstin Schönwald. Die Leiterin der Suchtberatungsstelle bestätigt auch: „Seit den letzten zwei Jahren beobachten wir einen Anstieg bei Cannabiskonsumenten.“ Bis vor etwa zwei Jahren ist der Gebrauch von Crystal Meth noch rasant angestiegen. Im Landkreis Bautzen besteht deshalb auch heute noch diesbezüglich eine hohe Problemlast. Alkohol ist aber nach wie vor die Hauptdroge Nummer eins. „Hier gibt es keine Veränderungen in den zurückliegenden Jahren“, sagt die Diplom-Sozialpädagogin.

Zahlen, die sich auch in Roland Huths Arbeitswelt widerspiegeln. Er appelliert für mehr Prävention in den Grundschulen. Die Persönlichkeit werde schließlich weit vor der Pubertät geformt. „Allein die bewusste Veränderung passiere eben erst im Jugendalter.“ Eltern, die einen Verdacht schöpfen, empfiehlt er: „Zuerst sollten sie miteinander reden, im zweiten Schritt mit dem Kind.“ Auch Gespräche mit Freunden und Lehrern sind sinnvoll. Wenn man so nicht weiterkommt, helfen professionelle Beratungsstellen. Was aber immer wichtig ist, so Huth: der gute Kontakt innerhalb der Familie, das Interesse für das eigene Kind. Dann können sich Chaos und Ratlosigkeit selbst in der Pubertät in Grenzen halten.