ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:37 Uhr

Fachkräftemangel in der Region
In der Pflegebranche brennt es

Nicki Mudra (l.) lernt Physiotherapeutin im zweiten Lehrjahr und absolviert gerade ein Praktikum in der Hoy-Reha. Um jungen Berufsnachwuchs an sich zu binden, hat Hoy-Reha-Geschäftsführer Christian Kühne jetzt Stipendien für neue Bewerber ausgelobt.
Nicki Mudra (l.) lernt Physiotherapeutin im zweiten Lehrjahr und absolviert gerade ein Praktikum in der Hoy-Reha. Um jungen Berufsnachwuchs an sich zu binden, hat Hoy-Reha-Geschäftsführer Christian Kühne jetzt Stipendien für neue Bewerber ausgelobt.
Hoyerswerda. Stipendium und Image-Kampagnen? - Wie Gesundheitseinrichtungen in der Region gegen Fachkräftemangel angehen Von Catrin Würz

 Für Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen in Hoyerswerda und dem Umland wird es derzeit immer schwieriger, den Fachkräfte- und Personalbedarf abzudecken. Während sich vor drei bis vier Jahren auf freie Stellen und Ausbildungsplätze noch eine Vielzahl an Bewerbern meldeten, ist die Suche nach neuen Mitarbeitern oder Azubis heute ein schweißtreibendes Unterfangen. Erstmals hat beispielsweise das Lausitzer Seenland Klinikum in diesem Jahr im Mai noch nicht alle Plätze für die im Sommer beginnende Ausbildung von  Gesundheits- und Krankenpflegern besetzt. „Das hat es noch nie gegeben, dass wir um diese Zeit noch Ausbildungsplätze frei hatten“, bestätigt Robert Fischer, Personalleiter am Hoyerswerdaer Klinikum. Jedes Jahr können 30 junge Menschen ihre Ausbildung an der hauseigenen Medizinischen Berufsfachschule des Klinikums beginnen. Dafür gab es einst mehrere hundert Bewerbungen - nur noch ein Bruchteil davon gehe heute an Bewerbungen ein, so Fischer.  

Auch die Hoy-Reha, Tagesklinik für Rehabilitation und Prävention in Hoyerswerda, hat den Bewerberrückgang schon am eigenen Leibe zu spüren bekommen, sucht derzeit mit großem Aufwand neue Mitarbeiter für Elternzeit-Vertretungen. Geschäftsführer Christian Kühne lenkt jetzt mit einer eigenen Kampagne dagegen: Die Hoy-Reha lobt erstmals Stipendien für junge Menschen aus, die im Bereich Physiotherapie, Ergotherapie oder Massage eine Ausbildung aufnehmen wollen. Das Unternehmen werde für geeignete Bewerber die Schul- oder Studiengebühren übernehmen - egal an welcher Bildungsstätte oder an welcher Berufsschule, kündigt er an. Noch bis zum 15. Juni könne man sich dafür bewerben. Und: Dieses Stipendium sei eigentlich kein zusätzlicher finanzieller Anreiz, „sondern eher die Abmilderung zusätzlicher Hürden, die sich in diesen Berufszweigen auf dem Weg zum Wunschberuf noch auftun“, so sieht es Christian Kühne. Ein unsäglicher Zustand: Denn für die rein schulische Ausbildung in diesen Gesundheitsberufen müssen Bewerber ein Schulgeld entrichten. In der bundesweiten Politik haben inzwischen Debatten darüber begonnen, ob es für die Ausbildung in diesen Berufsfeldern nicht Veränderungen geben müsste. Kühne hält das jedenfalls für unumgänglich: „Es wäre richtig, diese Berufszweige auch zu dualen Ausbildungsformen mit Anbindung an einen Ausbildungsbetrieb zu machen“, sagt er.

Rund 100 Mitarbeiter beschäftigt die Hoy-Reha derzeit, gut 85 davon im reinen Gesundheitsbereich. Täglich werden hier rund 350 Patienten betreut. Der Bedarf an Medizinleistungen wächst und wächst. Um den Mitarbeiterstamm erhalten zu können, leistet die Hoy-Reha inzwischen „Nachwuchswerbung“ in vielen Bereichen. So ist die Klinik Praxisbetrieb für Physiotherapie-Studenten der BTU Cottbus-Senftenberg und natürlich für Auszubildende. Aber auch in Schulen wirbt Christian Kühne schon für die Gesundheitsberufe. „Wir gestalten Projektunterricht für Achtklässler am Lessing-Gymnasium mit. Dann kommen die Schüler her und lernen etwas über Krankheitsbilder und Therapiemöglichkeiten“, erzählt er. Für den Hoy-Reha-Chef ist neben der Nachwuchs-Werbung jedoch vor allem die Pflege des Mitarbeiterstammes wichtig. „Ein gutes Arbeitsklima und die Chance auf individuelle Karrierechancen und flexible Arbeitszeitgestaltung sind heute den meisten Mitarbeitern wichtig.“

Das kann auch Björn Fünfstück, Sprecher beim AWO Kreisverband Lausitz, nur unterschreiben. Die Arbeiterwohlfahrt ist mit insgesamt 700 Mitarbeitern in der Region einer der großen Arbeitgeber. „Der Fachkräftemangel ist besonders im Bereich Pflege ein großes Thema. Inzwischen wird es immer schwieriger, Personalausfälle kurzfristig zu besetzen“, bestätigt er. Drei Altenpflegeeinrichtungen betreibt die AWO in Hoyerswerda und Lauta. Zwar sei man auf den gesunden Altersmix bei den Mitarbeitern sehr stolz, es gibt junge und ältere Mitarbeiter. Die AWO bildet zudem selbst ihre Fachkräfte aus. Aber das bringe natürlich auch eine gewisse Fluktuation mit sich, sagt Björn Fünfstück. Wenn Mitarbeiter wegen der Familienplanung oder wegen Schwangerschaft ausscheiden, dauere es inzwischen immer länger, Ersatz zu finden. Der AWO Kreisverband hat deshalb vor ein paar Wochen mit einer Plakataktion auf sich aufmerksam gemacht und die Vorteile als großer Arbeitgeber ins rechte Licht gerückt - von der betrieblichen Altersvorsorge bis zur Übernahme von Gesundheitsleistungen. Das habe einen kleinen ersten Erfolg und neue Bewerbungen gebracht, sagt der AWO-Mitarbeiter.

Auch am Hoyerswerdaer Seenland Klinikum lässt man nichts unversucht, um neue Fachkräfte zu finden und an sich zu binden. „Wir präsentieren uns auf Personalmessen in der Region, aber auch im Ausland in Tschechien und Polen“, bestätigt Klinikum-Personalchef Robert Fischer. Um Rückkehrer anzusprechen, habe das Klinikum eine große Anzeigenkampagne geschaltet. Und klar ist auch, dass das Haus als Arbeitgeber mehr denn je auf persönliche Lebensumstände und Karrierewünsche der Mitarbeiter eingeht. „Die weichen Faktoren für eine gute Lebensqualtität werden von den Bewerbern immer mehr nachgefragt“, sagt Robert Fischer. Auch für ihn ist klar: Um das Problem dauerhaft lösen zu können, muss das Image der sozialen Berufe aufgewertet werden.

Alexandra Scherzberg, Geschäftsführerin des ambulanten Pflegedienstes VergissMeinNicht in Hoyerswerda mit derzeit 23 Mitarbeitern, glaubt, dass das Fachkräfteproblem in der Alten- und Gesundheitspflege schon viele Jahre auf die Gesellschaft zu rollt und „man es nur nicht wahrhaben wollte“, sagt sie. Sie weiß von Pflegeeinrichtungen anderswo, die ihre Bettenkapazität nicht auslasten können, weil kein Pflegepersonal mehr da ist. „Soweit hätte es nicht kommen dürfen“, findet die Geschäftsführerin Die Gesundheitsbranche hätte insgesamt mehr Unterstützung von politischer Seite erfahren müssen. Dass die enorme Leistung jener Menschen, die sich um schwerkranke und alte Menschen kümmern, in der Gesellschaft nicht adäquat anerkannt ist, zeige sich auch in dem knapp kalkulierten Abrechnungssystem der Pflegeleistungen, die in Minuten abgerechnet werden. „Es brennt in der Pflege“, ist auch ihre Einschätzung.