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| 11:06 Uhr

Fallschirmsprung in Nardt
Im freien Fall dem Seenland entgegen

FOTO: Jörg Vietze
Nardt. Himmlische Recherche: Rundschau-Reporterin Anja Hummel hat sich mit dem Fallschirm 2500 Meter in die Tiefe gestürzt. Mit dabei: der 90-jährige Karl-Heinz Noack. Von Anja Hummel

„Angst ist nur ein Gefühl.“ Ich murmele diesen Satz innerlich immer und immer wieder vor mir her, mein Mund steht offen, es rumpelt und rattert. Gleich fliegt die Tür auf, gleich tobt der Wind, gleich springen die Ersten, gleich springe auch ich. Ich sitze knapp 1500 Meter über der Erde in einer Antonov-2, ein schwerer Gurt umschlingt meinen Körper, mein Kopf dreht sich hin und her. Ich blicke ungläubig aus dem Fenster des Doppeldeckers, drehe mich wieder um, möchte meine Ungläubigkeit mit den anderen teilen. Doch da ist er wieder, dieser Satz, direkt vor meiner Nase: „Angst ist nur ein Gefühl“. Dick und fett steht es auf dem T-Shirt des Mannes geschrieben, der noch vor 30 Minuten „die Banane“ mit mir geübt hat.

Aber zurück auf Anfang. Zurück zu meiner Ankunft auf dem Flugplatz in Nardt, als ich noch gut lachen und festen Boden unter den Füßen hatte. Es ist ein heißer Tag, die Sonne knallt, ein paar Wolken sind am Himmel. Frohen Mutes stapfe ich über das weitläufige Gelände. Wo es zu den Fallschirmspringern geht, frage ich zwei junge Leute. Sie schicken mich zur blauen Plane neben dem Transporter. Dann sehe ich sie. Die Fallschirme. Sie werden gerade zusammengeschnürt für den nächsten Sprung. Für meinen Sprung. Ich möchte niemanden ablenken.

Der Verein, der den Adrenalin-Kick für Menschen wie mich möglich macht, nennt sich „Skydive Lausitz“. Mindestens einmal im Jahr organisieren die Fallschirmsportler Tandemsprünge auf dem Flugplatz in Nardt. Tandem, das bedeutet: zwei Leute, ein Fallschirm. Einer der Springer ist Laie – so wie ich – der andere ein Profi – so wie Jörg Vietze. Er ist mein Tandem-Master. Groß, entspannt, vertrauenswürdig. Der Hoyerswerdaer wird mich nachher aus dem Flieger „schubsen“, um ein paar Sekunden später die „Reißleine“ zu ziehen.

Ich bin nicht die Einzige, die „geschubst“ wird. Karl-Heinz Noack steigt auch in den Flieger. Dass er sich bereits zum zweiten Mal in die Tiefe stürzt, ist nicht der einzige Unterschied zwischen uns: Der Mann ist 60 Jahre älter als ich. Vor einem Jahr, mit 89, hat er seinen ersten Fallschirmsprung absolviert. Der Hoyerswerdaer pfriemelt sich gerade in seinen Einteiler. Der ist weiß, hat einen Reißverschluss in der Mitte, rote Streifen an den Ärmeln. Ich probiere währenddessen meinen „Fliegerhelm“ samt Schutzbrille aus. In weniger als 30 Minuten werden Karl-Heinz und ich diese Brille bitternötig haben. Mit 200 Stundenkilometern werden wir dem Lausitzer Seenland entgegenrasen. 20 Sekunden freier Fall. Aus 2500 Metern Höhe.

In der Trockenübung zeigen uns die Profis die ideale Freifallhaltung: Kopf nach hinten, Becken nach vorne, Beine nach oben – wir üben die berühmte „Banane“ für später, wenn wir über den Wolken sind. Ich zweifle stark an meinem Erfolg hoch oben im Himmel. Aber noch bin ich erstaunlich entspannt. Ob er denn aufgeregt ist, frage ich den 90-jährigen Karl-Heinz. „Aufgeregt sind immer nur die anderen“, schaut er zu seiner Frau hinüber. Die schüttelt bloß mit dem Kopf, an den Rollator gelehnt faltet sie ihre Hände ineinander. Eigentlich wollte sich Karl-Heinz den Wunsch nach einem Fallschirmsprung „erst“ mit 90 Jahren erfüllen. Familie und Freunde wollten zusammenlegen. „Aber ich konnte nicht länger warten“, sagt der Laufsport-Fan. Und so marschierte er schon vor einem Jahr auf den Flugplatz zum Tandemsprung. Wovor er ein bisschen Bange hat: Die Landung könnte etwas ruckelig werden. Dafür müssen nämlich beide Beine nach oben, gelandet wird auf dem Po. „Ein Bein geht ja noch, aber krieg in der Luft mal beide auf einmal hoch“, sagt er. Aber weil für ihn gilt „einmal ist keinmal“ ist er auch in diesem Jahr wieder für den Absprung bereit.

Die Rotorblätter der Antonov, dem größten einmotorigen Doppeldecker der Welt, kommen langsam in Schwung. Wir steigen ein. Mit dabei sind auch Fallschirmsportler aus Cottbus wie Klaus-Dieter Haasler. Der 65-Jährige springt seit 1975, hat 2500 Sprünge absolviert. Nach einigen Minuten in der Luft hält er mir den Höhenmesser vor die Nase. Wir sind gerade mal knapp 400 Meter über dem Boden. Meine Augen werden größer. Ich kann schon jetzt nur noch drei „Flecken“ auseinanderhalten: Wasser, Wiesen und Wälder. Es ist so atemberaubend schön wie atemberaubend hoch. Bis auf 2500 Meter werden wir noch fliegen. Den Mund solle ich zumachen, sagt mir Klaus-Dieter Haasler. Ich frage mich, was ich hier überhaupt mache.

Nach fast 20 Minuten Steigflug ist es so weit: Tandem-Master Jörg schnallt mich an sich, ich vorne, er hinten. Sämtliche Gurte werden festgezurrt. Ich kann gar nicht so schnell gucken, es bleibt keine Zeit für Proteste – da fliegt auch schon die Tür der Antonov auf. Plötzlich bin ich in der „ersten Reihe“, habe „beste Sicht“ auf das Lausitzer Seenland. Es ist ohrenbetäubend laut, Jörg schiebt mich immer weiter nach vorne. Jetzt soll ich sie machen, die „Banane“. Sofort. Und dann lasse ich mich mit meinem ganzen Körpergewicht in den Gurt sacken. Jörg springt.

Zehn Minuten später sitze ich mitten auf der Flugplatz-Landebahn. Unversehrt, aber mit zittrigen Händen. Überglücklich, aber fix und fertig. Nach der Landung bin ich um mindestens eine Erkenntnis reicher: Ich kann lachen, schreien und weinen – und zwar gleichzeitig. Die Weite, das Bauchkribbeln, dieses Adrenalin – nicht nur die 20 Sekunden freier Fall sind ein wahres Fest der Gefühle. Erst während uns der Fallschirm sanft immer tiefer gleiten lässt, setzt meine normale Atmung langsam wieder ein, finde ich zumindest annähernd meine Sprache wieder. Ich murmel Sachen wie „wunderschön“, „unbeschreiblich“ und „das sollte jeder mal gemacht haben“.

Mein Tandem-Master Jörg ist eindeutig der gleichen Meinung. 1985 ist er auf einem Flugplatz in Halle zum ersten Mal gesprungen. Seitdem hat der 50-Jährige fast 6400 Mal den Fallschirm ausgelöst. „In neun Fällen kam der Notfallschirm zum Einsatz“, erzählt er mir – natürlich nach unserem Sprung. Sein Flugsport-Höhepunkt: 7000 Meter. „Das war in Gera. Oben waren 57 Grad Minus, am Boden 30 Grad Plus“, erzählt er. Mit dabei waren noch andere Vereinsmitglieder. „Das war schon kalt“, schiebt er locker hinterher.

Wer dieser Lockerheit in nichts nachsteht: Karl-Heinz. Auch der 90-Jährige ist trotz Bammel gut gelandet. Während meine Glückshormone auch zehn Minuten nach dem Adrenalin-Kick noch Achterbahn fahren, resümiert der Senior trocken: „War ganz normal. Bisschen kräftiger Wind“, zeigt er auf seine Mütze, die ihm beim Flug beinahe „geklaut“ wurde. Als Anerkennung für unseren Mut bekommen wir eine Urkunde – versehen mit Namen, Datum und Ort. Karl-Heinz und ich sind uns einig: Das wird nicht unsere letzte sein. In einem Jahr sehen wir uns wieder. Denn „Angst ist nur ein Gefühl“. Und trotzdem: Für das nächste Mal werde ich mir einen eigenen Spruch aufs Shirt drucken lassen – frei nach Shakespeare: „Ein tiefer Fall führt oft zu höherem Glück.“ Und Glück – da sind wir uns einig – ist ja wohl das schönere Gefühl.

Freier Fall ins Lausitzer Seenland FOTO: Jörg Vietze