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| 14:27 Uhr

Hoyerswerda
Im Bahnhof bleibt noch viel Arbeit

Einige Akteure besprechen die Projektidee am Samstag auf dem Dachboden des Hoyerswerdaer Bahnhofsgebäudes konkreter: Jens Baumann von der Kulturförderung des sächsischen Innenministerium, der polnische Kurator Jozef Zaprucki, der Vorsitzende der Vertriebenen-Stiftung Sachsen Friedrich Zempel, die polnische Kuratorin Julita Izabela Zaprucka sowie Landtagsabgeordenter Frank Hirche. (v.l.n.r.)
Einige Akteure besprechen die Projektidee am Samstag auf dem Dachboden des Hoyerswerdaer Bahnhofsgebäudes konkreter: Jens Baumann von der Kulturförderung des sächsischen Innenministerium, der polnische Kurator Jozef Zaprucki, der Vorsitzende der Vertriebenen-Stiftung Sachsen Friedrich Zempel, die polnische Kuratorin Julita Izabela Zaprucka sowie Landtagsabgeordenter Frank Hirche. (v.l.n.r.) FOTO: Anja Guhlan
Hoyerswerda. In Hoyerswerda ist eine Begegnungsstätte zum Thema Flucht und Vertreibung geplant. Noch ist jedoch offen, wann sie eröffnen kann. Von Anja Guhlan

In der großen Bahnhofshalle ist es am Samstagvormittag bitterkalt. Das Bahnhofsgebäude steht seit gut fünf Jahren größtenteils leer. Nur ein Friseursalon ist derzeit im Erdgeschoss beheimatet. Der Dachboden, der noch in viele kleine Räume aufgeteilt ist, soll in eine „außerschulische Bildungs- und Begegnungsstätte“ umgebaut werden. Initiator dieser Projektidee ist der Hoyerswerdaer Landtagsabgeordnete Frank Hirche (CDU).

Betreiben soll die Stätte die Stiftung der Vertriebenen im Freistaat Sachsen, dessen Vorsitzender Friedrich Zempel aus Pesterwitz bei Freital ist. Auch Frank Hirche gehört der Stiftung als Stiftungsratsvorsitzender an. Der Stiftung gehört außerdem ein Kuratorium von mehreren Wissenschaftlern an, darunter auch das Ehepaar Josef Zaprucki und Julita Izabela Zaprucka aus dem polnischen Jelenia Gora (Hirschberg). Beide arbeiten bei der Projekt­idee als Kuratoren, die die künftige Ausstellung konzeptionell erarbeiten und vorbereiten. Julita Izabela Zaprucka ist auch Museumsdirektorin des Gerhart-Hauptmann-Museums in Jelenia Gora – sogar Preisträgerin des 40. Kulturpreises Schlesien des Bundeslandes Niedersachsen, der eine besondere Rolle in der deutsch-polnischen Verständigung einnimmt.

Aus dem alten Bahnhofsgebäude in Hoyerswerda soll eine Bildungsstätte zum Thema Vertreibung und Integration für ganz Sachsen werden. Unklar ist noch, wann die Bauarbeiten beginnen können. Ziel war eigentlich, die neue Ausstellung im November zu öffnen. Das ist jedoch ungewiss.
Aus dem alten Bahnhofsgebäude in Hoyerswerda soll eine Bildungsstätte zum Thema Vertreibung und Integration für ganz Sachsen werden. Unklar ist noch, wann die Bauarbeiten beginnen können. Ziel war eigentlich, die neue Ausstellung im November zu öffnen. Das ist jedoch ungewiss. FOTO: Sascha Klein / LR

Der derzeitige Arbeitstitel für das Projekt im Hoyerswerdaer Bahnhof: „Transferraum Heimat“. Die Stätte soll als Lern- und Verständigungsort die geschichtlichen Aspekte Flucht/Vertreibung, Heimat und Integration aufgreifen. Besonders Schüler und ganze Klassengruppen aus dem ganzen Bundesland sollen möglichst audiovisuell mit sogenannten modernen VR-Brillen – die virtuell die Realität abbilden können – in der Ausstellung die Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft besser verstehen und einordnen. Auch andere museale Stilmittel wie ein „historischer Zeitsäulengang“ sollen das Wissen, um die Geschichte vermitteln und ein runder Tisch mit Wachsfiguren soll für die gemeinsame Zukunft stehen.

„Mit der Basis der Geschichte soll die Stätte auch zum Ort für Diskussion, Versöhnung und Verständigung werden“, so Jozef Zaprucki. Geschichtlich gesehen werden zur aufklärenden Ausstellung drei Nationen eingebunden: Deutsche, Polen und Tschechen. Denn überall dort gab es Menschen, die ihre Heimat Mitte der 1940er-Jahre verlassen mussten. Die Ausstellung soll allerdings auch zeigen, wie die Menschen etwa aus Schlesien und Ostpreußen in Sachsen eine zweite Heimat gefunden haben, so Dr. Jens Baumann vom Sachgebiet Kulturförderung im Sächsischen Innenministerium, das das Projekt mit 250 000 Euro Fördermitteln unterstützen wird.

Alle Akteure einschließlich dem Dresdener Lehrer Falk Drechsel, der das Projekt aus Lehrersicht didaktisch unterstützt, haben sich am Samstagnachmittag im Bahnhof zusammengefunden, um das Konzept konkreter abzustecken. Inhaltlich strahlt das Projekt viele Visionen aus, doch das Bahnhofsgebäude strahlt noch nicht. Unsicherheit bei den Akteuren, wann die Begegnungsstätte öffnen könnte. Herbst wurde mal anvisiert, dann spricht Friedrich Zempel von Dezember, Baumann von Anfang Januar 2019.

Laut Baumann gibt es einen „groben Projektfahrplan“. Vieles sei wohl abhängig von baulichen Aspekten wie einem nötigen Fahrstuhl für die Barrierefreiheit oder von möglichen ausführenden Baufirmen. Frank Hirche sagt: „Ginge es nach uns, würden wir sofort loslegen.“ Man hofft, dass im Frühjahr die nötigen Bauaufträge rausgehen können. Übrigens: Frank Hirche ist der Sprecher der Interessengemeinschaft (IG) Bahnhof, die das Gebäude von der Deutschen Bahn ersteigert hat.

Die Vertriebenen-Stiftung als künftiger Betreiber der Begegnungsstätte wird die jeweiligen Mitarbeiter bezahlen, wobei Friedrich Zempel betont, dass auch viele Ehrenamtliche aus Hoyerswerda notwendig sein werden – je nachdem wie der Zuspruch sei. Das Projekt sei die erste museale Auseinandersetzung mit dem Thema in Sachsen und könnte durchaus überregional ausstrahlen. Könnte – denn noch existiert alles erst auf Papier.