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| 01:05 Uhr

Ich wäre gern länger geblieben

HOYERSWERDA.. „Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ , sagt Uwe Stockmeier. Gestern hat der bisherige Schulleiter des Johanneums seine Zelte in Hoyerswerda abgebrochen. Heute beginnt eine neue Ära im Leben des 40-Jährigen. In der Lüneburger Heide wagt der gebürtige Essener einen Neustart. Nicht ganz freiwillig. Die RUNDSCHAU sprach mit Uwe Stockmeier über den Ärger der vergangenen Monate, über Abschieds-Wehmut und Zukunftsvisionen. Foto: Martina Arlt


Herr Stockmeier, vor drei Jahren haben Sie Ihre Zelte in Hoyerswerda aufgeschlagen. Hatten Sie vor, die Lausitz so schnell wieder zu verlassen„
Nein, ich hatte mich eigentlich auf längere Zeit in der Lausitz eingerichtet. Schließlich hatte ich mir in Spreewitz einen Hof gekauft, den ich nun schnell an den Mann bringen will. Denn als Ferienhaus ist der mir ein bisschen zu groß.

Haben Sie in Lüneburg schon eine neue Bleibe gefunden“
Nein, ich bin vor lauter Akten sortieren und Restarbeiten noch gar nicht dazu gekommen. Sicherlich werde ich erst einmal etwas anmieten. So schnell kaufe ich bestimmt nicht wieder – auch wenn ich ein interessantes Angebot für ein Jahrhunderte altes Haus in der Nähe meiner neuen Stelle habe. Aber um das kaufen zu können, müsste ich erst einmal meinen Hof in Spreewitz loswerden, denn so flüssig bin ich nun auch nicht.

Was hat sie dazu bewogen, der Lausitz so schnell wieder den Rücken zu kehren„
Dafür gibt es im Wesentlichen drei Gründe. Sie alle hängen damit zusammen, dass die Chemie zwischen der Kirchenleitung als Schulträger und mir nicht mehr stimmte. Ich stand vor der Entscheidung, hier zu arbeiten und permanent unzufrieden zu sein oder einen Schnitt zu machen und an eine Schule zu gehen, an der ich meine Vorstellungen verwirklichen kann.

Wo gab es denn Differenzen“
Meine eigenen Vorstellungen stimmten einfach nicht mit denen der Kirchenleitung überein. Zum Beispiel in Bezug auf die Bedeutung des fachübergreifenden Unterrichts. Ich verstehe unter fachübergreifendem Unterricht, dass sich jedes Fach auf jedes andere beziehen kann. Doch die Kirchenleitung ist offensichtlich der Meinung, dass „fachübergreifend“ bedeutet, dass sich jedes Unterrichtsfach immer wieder nur auf Religion rückbezieht. Das macht bei Festkörperphysik, Englischvokabeln oder Langstreckenlauf in meinen Augen aber einfach keinen Sinn.

Sie sprachen von drei Gründen. In welchen Punkten stimmte die Chemie ebenfalls nicht„
In Sachen Schulreform zum Beispiel. Ob in thematischer und struktureller Hinsicht – ich fühlte mich mit meinen Vorschlägen ausgebremst. Mir wurden seit September 2002 ständig Knüppel zwischen die Beine geworfen. Ich wollte das Johanneum als Schule mit einem starken sprachlichen Profil etablieren. Denn im musischen Bereich haben wir gegen das traditionsreiche Lessing-Gymnasium einfach keine Chance. Und bei den Naturwissenschaften hat das Foucault-Gymnasium schon durch seine Schülerzahl einfach ein viel größeres Angebot.
Wir dagegen haben mit unseren acht Sprachen bereits eine gute Basis, um die Sprachschiene weiter auszubauen. Doch das wird von der Kirchenleitung offensichtlich nicht gewünscht. Da meine Vorstellungen immer wieder zum Teil auf mir nicht nachvollziehbare Weise abgelehnt wurden, bin ich ziemlich frustriert.
Dritter Grund für meinen Weggang ist die Tatsache, dass ich meinen Dienstvorgesetzten und die Kirchenleitung für inkompetent im pädagogischen Bereich empfinde. Ich finde es immer sehr befremdend, wenn gesagt wird: „Wir waren alle mal Schüler und sind zum Teil selbst Eltern und können deshalb in allen schulpädagogischen und schulorganisatorischen Fragen mitreden!“ Dabei kommt die Kirchenleitung zum Teil mit realitätsfernen Vorstellungen, die haarsträubend sind.

Harte Vorwürfe. Können Sie das mit einem Beispiel untermauern“
Es gibt beispielsweise die Idee, ab kommendem Schuljahr Arbeitsgemeinschaften vormittags in den Unterricht einzubinden. Das ist grundsätzlich keine schlechte Idee, aber sie ist nicht ausgereift. Denn dadurch rutscht der Pflichtunterricht in den Nachmittag, wenn die Schüler nicht mehr aufnahmefähig sind. Und außerdem kommen viele Busschüler nicht mehr zu vertretbaren Zeiten nach Hause. Das ist eine Schnapsidee.

Eine Menge Differenzen. Von wem ging die Initiative aus, künftig besser getrennter Wege zu gehen„
Von beiden Seiten. Es gibt deshalb auch keine Kündigung, sondern nur einen Auflösungsvertrag. Ich glaube nicht, dass mich das Konsistorium auf die Straße gesetzt hätte. Gleichzeitig wollte ich die Schule auch nicht stehenden Fußes verlassen. Ich bin dem Johanneum nach wie vor wohl gesonnen – und halte es immer noch für eine gute Schule. Und ich wäre gern länger hier geblieben, wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, meine Vorstellungen zu verwirklichen.

In wenigen Tagen treten Sie Ihre neue Stelle in der Lüneburger Heide an. Was wissen Sie über das Gymnasium, das Sie künftig leiten werden“
In der Privatschule werden derzeit rund 230 Schüler von etwa 30 Lehrern unterrichtet. Das Haus ist sehr renommiert. Die Eltern zahlen immerhin 440 Euro Schulgeld pro Monat. Ich werde dort – wie ich es schon hier am Johanneum getan habe – auch weiterhin acht bis zehn Stunden pro Woche unterrichten. Voraussichtlich in den Fächern Deutsch und Geschichte.

Was nehmen Sie aus Hoyerswerda mit?
Auf jeden Fall die Hoffnung, dass meine Schüler und auch einige Kollegen und Eltern mich in guter Erinnerung behalten und wir in Kontakt bleiben. Ich habe meine E-Mail- Adresse im Sekretariat hinterlassen. Ich selbst bin in Hoyerswerda reifer geworden, habe eine höhere Konfliktfähigkeit gewonnen. Ich gehe mit dem sicheren Wissen nach Lüneburg, dass ich künftig stärker dazu bereit sein werde, das, was ich für wichtig halte, nicht in Frage stellen zu lassen.

Mit Uwe Stockmeier
sprach Christiane Klein

HINTERGRUND Zur Person: Ex-Johanneum-Leiter Uwe Stockmeier
 Uwe Stockmeier wurde in Essen geboren. Der heute 40-Jährige studierte in Marburg Deutsch, Geschichte und Englisch. Über ein Begabten-Stipendium konnte er für ein Jahr in der französischen Schweiz studieren.
Neben dem Referendariat an einer Darmstädter Schule besuchte er den Aufbau-Studiengang „Deutsch als Fremdsprache“. Nach dem Abschluss ging Stockmeier als Hochschullehrer für Germanistik und Dozent in der Deutschlehrerausbildung für mehrere Jahre nach Schottland, Albanien und in die Slowakei. Zwischendurch unterrichtete er an Gymnasien im sächsischen Rothenburg und Görlitz, bevor er 2000 nach Hoyerswerda kam.
Für das Kultusministerium arbeitete er in Kommissionen zu Bildungsfragen und zur Qualitätssicherung im Deutschunterricht an Gymnasien.