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Karneval
Hoyerswerdas König der Verkleidung

Christian Bulang in seinem Element: Der Kostümverleiher mit der „Triton-Robe“ - eines von mehr als 1300 Kostümen, die er seit 30 Jahren in seinem Hoyerswerdaer Laden zur Ausleihe herausgibt.
Christian Bulang in seinem Element: Der Kostümverleiher mit der „Triton-Robe“ - eines von mehr als 1300 Kostümen, die er seit 30 Jahren in seinem Hoyerswerdaer Laden zur Ausleihe herausgibt. FOTO: Anja Hummel / LR
Hoyerswerda. 30 Jahre Kostümverleih in Hoyerswerda: Trotz Tradition ist zwischen Katzenohren und Indianer-Perücke nicht alles so unbeschwert wie bunter Konfettiregen. Von Anja Hummel

„Ob ich einen Wolf da habe, hat der mich gefragt“, erzählt Christian Bulang und prustet los. „Na freilich hab ich den da“, schiebt er hinterher. Er schüttelt lachend den Kopf. Da fragt ihn ein Kunde nach einem Wolfskostüm – nichts könnte für den 72-Jährigen selbstverständlicher sein.

Seit 30 Jahren spielt sich das Leben von Christian Bulang zwischen Clownsmasken, Herkuleszähnen und Adelsroben ab. Den ersten und einzigen Kostümverleih in Hoyerswerda hat der gesellige Mann im Februar 1988 eröffnet. Damals hatten seine Kunden genau 105 Kleider zur Auswahl, heute sind es mehr als 1300. Am Kaffeetisch im Kaminzimmer, das die mit Kostümen proppevoll gefüllten drei Räume miteinander verbindet, erinnert sich Bulang an die Eröffnung. „Meine Frau Moni war anfangs skeptisch, aber dann standen plötzlich 25 Mann draußen vor der Tür.“ Zugezwinkert habe er ihr und gesagt: „Es wird noch besser.“ Der gebürtige Uhyster sollte recht behalten.

Aber wie ist Bulang überhaupt auf die Idee gekommen? „Meine Frau war Wittichenauerin“, sagt er laut heraus. „Ich wollte unbedingt in den Wittichenauer Karnevalsverein.“ Doch seine Moni machte ihm keine großen Hoffnungen. Wer kein Wittichenauer ist, kommt da nicht rein, meinte sie damals. Und Bulang hat es doch geschafft. Viele Jahre war er Büttenredner, hat die Rosenmontagsumzüge bereichert und letztendlich seinen Traum vom Kostümverleih wahr gemacht. Der Witwer erinnert sich, als wäre es gestern gewesen: „1992 ging es richtig zur Sache. Die Leute standen in Zweierreihen vor der Tür.“ Mittlerweile aber kann er sich von dem Geschäft nicht mehr ernähren. „Ich bin froh, wenn noch jemand kommt.“

Der Internethandel und das Discountersortiment machen Bulang zu schaffen. „Klar, dass da alles den Bach runtergeht“, sagt er verärgert. Aber: „Ich mache trotzdem weiter“, kündigt er an. Und zwar mit Leib und Seele. Jung und Alt, entscheidungsfreudig oder beratungssuchend, Damen wie Herren – alle finden den Weg zu seinem Fundus in der Hoyerswerdaer Altstadt. In seiner 30-jährigen Berufserfahrung hat er vom absoluten Karnevalsmuffel bis zur überemotionalen Dame alles erlebt. Und auch die ein oder andere Prominenz, wie den ehemaligen sächsischen Ministerpräsidenten, eingekleidet. „Stanislaw Tillich habe ich mal in eine Franzosenuniform gesteckt und unseren ehemaligen Oberbürgermeister Horst-Dieter Brähmig als Sheriff angezogen“, denkt er lachend an eine viele Jahre zurückliegende Feier.

Während damals vor allem altertümliche Roben im Trend waren, sind heutzutage Tierkostüme und DDR-Uniformen der Renner. „Viele wollen in Gruppen gehen, zum Beispiel als Piraten oder Hippies“, erzählt der Hoyerswerdaer. Und – wie sollte es auch anders sein – Bulang selber schlüpft auch gerne in das ein oder andere Kostüm hinein. Ob als Hauptmann von Köpenick oder als rassiger Spanier – aufs Foto will er dann aber lieber „normal“, ganz unkostümiert. „So kennen mich nämlich die wenigsten“, freut sich Bulang und reckt die riesige Triton-Maske samt blonder Lockenpracht in Richtung Kamera. Während er durch die mit Rüschen, Federboas und Dirndln gefüllten Zimmer führt, ist er in seinem Element. „Stopp“, sagt der zweifache Vater und greift zwischen Cowboyweste und 70er-Jahre-Schlaghose zielgerichtet einen Bügel von der sichtlich gebeutelten Kleiderstange. „Ja, ja, ich sehe hier noch durch bei dem ganzen Sammelsurium “, sagt er stolz. In der Hand hält er eine grüne DDR-Uniform. „Mottopartys sind total angesagt“, weiß Bulang. Deshalb ist sein Geschäft auch ganzjährig geöffnet. Für Geburstagsfeiern oder Bühnenauftritte ist immer die Kostümnachfrage da.

Weniger nachgefragt ist die Stelle als sein Nachfolger. Christian Bulang steht alleine da, wenn es um die Zukunft des Kostümverleihs geht. „Am besten, ich denke gar nicht erst daran. Solange es geht, mach ich weiter“, sagt er. Am Hüftgelenk ist der 72-Jährige angeknackst, ansonsten noch fit unterwegs. Trotz der Nachwuchssorgen: Den Spaß, gerade im 30. Jubiläumsjahr, lässt sich der lebensfrohe Mann nicht nehmen. Gleich noch erwartet er ein Vierergespann. „Die wollen sich als Rotkäppchen, Jäger, Oma und Wolf verkleiden“, erzählt Bulang, der alles längst bereit gelegt hat. Nur ein einziges Mal musste er bei einer Kostüm­anfrage passen: „Da wollte einer als Fischstäbchen gehen. Also so etwas habe ich nun wirklich nicht.“

Christian Bulang (links) als Zirkusdompteur und Karnevalsneuling auf dem Wittichenauer Rosenmontagsumzug.
Christian Bulang (links) als Zirkusdompteur und Karnevalsneuling auf dem Wittichenauer Rosenmontagsumzug. FOTO: Anja Hummel / LR