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| 18:34 Uhr

Interview mit Birgit Radeck und Pfarrer Jörg Michel
„Die Migranten sind ganz normale Leute“

Birgit Radeck ist Koordinatorin des Bürgerbündnisses „Hoyerswerda hilft mit Herz“.
Birgit Radeck ist Koordinatorin des Bürgerbündnisses „Hoyerswerda hilft mit Herz“. FOTO: LR / Sascha Klein
Das Bürgerbündnis „Hoyerswerda hilft mit Herz“ wird fünf Jahre alt und feiert das am 19. November. Ob damals oder heute: Es bleibt viel Arbeit. Von Sascha Klein

Frau Radeck, das Bürgerbündnis „Hoyerswerda hilft mit Herz“ wird fünf Jahre alt. Wieso ist es gerade jetzt unverzichtbar?

Birgit Radeck Das Bürgerbündnis ist immer noch eine Hilfestellung für viele Migranten. Es kommen schließlich immer noch neue dazu. Es ist nicht so, dass wir einen Stamm von Flüchtlingen lange bei uns haben. Es gibt Dinge, bei denen wir helfen müssen: Widersprüche, Anträge, Nachhilfen oder einfach nur als Ansprechpartner da sein. Zudem ist es gerade jetzt wichtig, sich um die Flüchtlinge zu kümmern. Hoyerswerda will damit auch ein Zeichen setzen. Für Toleranz, Weltoffenheit, Migration.  Auch in unserer Stadt. Dafür steht ja das Bündnis.

Welches sind die größten Probleme, die es derzeit gibt?

Radeck Großes Problem ist der Status des Aufenthaltes, Ablehnungen. Eigentlich ist das das Hauptproblem für die Migranten. Die Frage steht für sie: Darf ich in diesem Land bleiben oder muss ich zurück? Und wenn ich zurück muss: Kann ich etwas dagegen machen, wo bekomme ich Hilfe.

Welche Not haben Flüchtlinge, die hier womöglich schon eine Weile leben und die darauf warten, dass über ihr Schicksal entschieden wird?

Jörg Michel ist Pfarrer in Hoyerswerda und Mitgründer des Bürgerbündnisses „Hoyerswerda hilft mit Herz“.
Jörg Michel ist Pfarrer in Hoyerswerda und Mitgründer des Bürgerbündnisses „Hoyerswerda hilft mit Herz“. FOTO: LR / Sascha Klein

Radeck Es werden zurzeit immer mehr Sanktionen ausgesprochen für Leute, bei denen noch nicht entschieden ist, ob sie bleiben dürfen. Die Not der Leute ist, dass sie nicht mehr wissen, ob sie morgen noch in diesem Land sind, ob ihre Kinder morgen noch in die Schule gehen dürfen oder ob sie in ein Land zurückgeschickt werden, in dem sie nicht mehr leben möchten.

Jörg Michel Die Meldungen, dass ein Vater aus dem Kreißsaal geholt wird oder ein Schwangere aus dem Krankenbett: Das ist irre. In so einem Land möchte ich eigentlich nicht leben, in dem so etwas inzwischen möglich ist. Das potenziert dann natürlich die Angst bei denjenigen, die einen unsicheren Status haben. Das erschwert das Ankommen und das Wurzeln schlagen unheimlich. Man ist immer zwischen Baum und Borke. Diese Verunsicherung ist schwierig für Begegnungen und Integration.

Radeck Wir haben einen aktuellen Fall in Hoyerswerda, der ist keine vier Wochen her. Da ist eine Familie getrennt worden. Der Vater war auf Nachtschicht, die Tochter und ihre Mutter sind aus dem Asylbewerberheim abgeholt worden. Die Tochter war Klassenbeste im Foucault-Gymnasium, hat sich dort sehr aktiv eingebracht. Wie gesagt: Der Vater hat Arbeit. Trotzdem sind die beiden, Mutter und Tochter, abgeschoben worden nach Georgien. Die Klasse des Mädchens hat das sehr getroffen. Das sind Sachen, die man nicht mehr tolerieren kann. Auf der einen Seite heißt es, wir haben Fachkräftemangel und auf der anderen Seite schiebt man solche Menschen dann ab.

Hoyerswerda hat seine Vorgeschichte durch die Übergriffe von 1991. Vor fünf Jahren hieß es plötzlich, dass Hunderte von Migranten in die Stadt kommen. Wie schwer ist es gewesen, in dieser Situation Verständnis dafür zu erlangen, dass da Menschen kommen, die Hilfe brauchen?

Michel Es war überraschend einfach. Viele Menschen sind sensibilisiert für das Thema durch die 1991er-Erfahrungen. Vielen war klar, dass wir das nicht anderen überlassen können, sondern mithelfen müssen. Es galt ja auch, dass wir diesen schlechten Ruf von 1991 womöglich widerlegen können. Bei der Gründung des Bürgerbündnisses im King-Haus waren 90 Leute da, die sich in drei Gruppen aufgeteilt haben.

Was sind das für Gruppen und wie läuft die Arbeit heute?

Michel Inzwischen – nach fünf Jahren – hat sich natürlich vieles im guten Sinne automatisiert. Am Anfang gab es die drei Gruppen: direkte Hilfe. Wo war Kleidung nötig, Spielzeug oder anderes. Die zweite Gruppe hat sich um Integration gekümmert – etwa um Kindergartenplätze, Plätze in Schulen , ärztliche Begleitung. Die dritte Gruppe hat sich um Öffentlichkeitsarbeit gekümmert. Uns war wichtig, Dinge ganz offen und transparent zu kommunizieren. Jetzt ist es eher eine Koordinierung der wichtigsten Partner. Wir sind froh, dass wir eine hauptamtliche Koordinatorin haben. Es hat sich alles sehr gut eingespielt.

War das Bündnis aufgrund der Geschehnisse von 1991 zum Funktionieren verdammt?

Michel Als die erste Asylbewerberunterkunft Anfang 2014 eröffnet worden ist, gab es eine riesige Resonanz von außen. Es kamen Journalisten aus den USA, aus Frankreich, aus Dänemark, die gerade hier schauen wollten, wie das klappt – in Hoyerswerda, mit seinem Ruf. Wir haben einen Tag der offenen Tür im Heim angeboten. Es kamen rund 1000 Menschen. Wir wollten damit Vorurteile abbauen. Wir haben diese Zeit ganz gut überstanden. Es kamen auch Vertreter aus anderen Städten, bei denen es nicht so gut gelaufen war und haben sich erkundigt, wie wir das machen.

Wie „normal“ ist es inzwischen in und für Hoyerswerda, dass überall Migranten im Stadtbild zu finden sind, Frauen mit Kopftuch unterwegs sind – in Zeiten von Übergriffen wie jüngst in Chemnitz?

Michel Mein Eindruck ist, dass der große Teil der Bevölkerung sich inzwischen zumindest daran gewöhnt hat, dass man beim Arzt, in der Kaufhalle oder anderen öffentlichen Einrichtungen nebeneinander stehen kann und sich so aushält, wie man ist.

Das heißt, dass es eher ein Neben- als ein Miteinander ist?

Michel Es bleibt ein ständiges Aufeinanderzubewegen. Toleranz lässt sich ja verschieden deuten. Entweder nebeneinander herlaufen oder sich entdecken und akzeptieren. Das wollen wir nicht aus dem Blick verlieren. Da hat ja Hoyerswerda auch seine ganz eigene Geschichte – mit den Alteingesessenen, den Dazugezogenen, der sorbischen Bevölkerung und den neu dazukommenden Deutschen.

Es gibt das Begegnungscafé und andere Einrichtungen des Bürgerbündnisses: Wie kann es gelingen, dass alle Beteiligten mehr Interesse füreinander entwickeln?

Radeck Wir sind daran interessiert, auch gemeinsam mit der Samofa-Gruppe, rauszugehen und nicht nur das Begegnungscafé zu machen. Ein Beispiel war kürzlich im Zeißighof, wo sich Frauen – muslimische, sorbische und deutsche – ihre Kleidung erklärt haben und über das Kopftuch diskutiert haben. Es gab schließlich auch bei den Sorben Frauen, die immer Kopftuch getragen haben. Wir waren auch beim Frauenbrunch in Hoyerswerda und waren präsent. Die Leute in der Stadt sollen sehen: Die Migranten sind ganz normale Leute.

Wie kann man Vorurteile abbauen?

Radeck Das ist schwierig. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: Es waren beim AWO-Sportfest kürzlich zwei Migrantinnen vor Ort, die mit den Kindern gebastelt und sie geschminkt haben. Bei solchen Aktionen lassen sich vermutlich am besten Vorurteile abbauen. Diejenigen, die dort waren, haben gesehen: Man kann auf sie zugehen und mit ihnen sprechen. Sie reden Deutsch. Da gibt es also kein Problem.

Michel Ich merke, dass es für die Kinder am einfachsten ist. Erwachsene haben da oftmals mehr Probleme, weil Ressentiments mitschwingen. Ich hoffe, dass wir die Begegnungsflächen erweitern können – sei es mit Sport oder anderem. Das Ziel ist, dass man sich erlebt, Lebensgeschichten erfährt und sich ganz anders entdeckt – als liebenswerte Menschen.

Wenn Sie drei Wünsche für das Bürgerbündnis frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Michel Ich wünschte mir humanere politische Rahmenbedigungen, dass die Menschen, die wir hier als sehr wertvoll erleben, eine Perspektive bekommen. Ich wünsche mir auch, dass sich weiterhin viele Bürger ansprechen lassen und die Leute unterstützen, die hier Zuflucht und Heimat suchen. Das Dritte ist, dass wir trotz mancher negativen Erfahrungen fröhlich bei der Sache bleiben.

Radeck Ich wünsche mir natürlich, dass die Stelle der Koordinatorin / des Koordinators, die jährlich befristet ist, weiterhin bestehen bleibt und dass die Fördermittel dafür weiterhin vorhanden sind. Denn ohne Koordinator ist es schwierig, alles unter einen Hut zu bekommen. Ich wünsche mir auch, dass für diejenigen, die hier in die Schule gehen und die, die Arbeit haben, eine Bleibeperspektive geschaffen wird – selbst wenn ihnen Asyl eventuell nicht zusteht. Und drittens, dass uns die Integration der bereits hier Lebenden gelingt, sie Arbeit finden und in Ruhe und Frieden in Hoyerswerda leben können.

Mit Birgit Radeck und Jörg Michel sprach Sascha Klein