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| 17:12 Uhr

Jubiläum
Ein Schutzdach für Andersdenkende

 Alexander Sannikow, sein Sohn Paul und Konrad Michel (v.l.) betrachten die Ausstellung im Martin-Luther-King-Haus.
Alexander Sannikow, sein Sohn Paul und Konrad Michel (v.l.) betrachten die Ausstellung im Martin-Luther-King-Haus. FOTO: Katrin Demczenko
Hoyerswerda. Genau 30 Jahre sind vergangen, als das Martin-Luther-King-Haus in der Hoyerswerdaer Neustadt öffnete. Das Jubiläum ist jetzt groß gefeiert worden. Von Katrin Demczenko

Am. 8. Oktober 1989 wurde das Martin-Luther-King-Haus der evangelischen Kirchgemeinde Hoyerswerda-Neustadt nach seiner Erweiterung wieder der Nutzung übergeben. An dieses Datum, ebenso an die Einweihung der Orgel zehn Jahre später, wurde am Wochenende während des Erntedankgottesdienstes erinnert, der mit einem Gemeindefest verbunden war.

Pfarrer Jörg Michel spricht von der besonderen Zeit in der zu Ende gehenden DDR, als „das Haus ein sinnfälliger Rahmen für die gesellschaftlichen Veränderungen wurde.“ Die Meldung zur Einweihung des Kirchenneubaus erschien in den Medien erst einige Tage später, weil sie die DDR-Zensur durchlaufen musste. Die Gemeinde repräsentierte im Sinne des US-amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King das bewusste Da-Sein von Christen in der atheistisch geprägten sozialistischen Neustadt. Sie war ein Schutzdach für Andersdenkende. Von dort startete die erste Demonstration gegen die DDR-Obrigkeit in Hoyerswerda. Bis zum Mai 1990 tagte im King-Haus der Runde Tisch, den Pfarrer Michel „eine Sternstunde der Demokratie“ nennt.

Damals wie heute empfängt die Kirchgemeinde Menschen aller Konfessionen, die Verständnis und Hilfe suchen. Die Gläubigen mischen sich immer gesellschaftlich ein. Das zeigte sich unter anderem beim Aufbau der Christlichen Schule Johanneum als eine Antwort auf die Ausschreitungen im Jahr 1991. Heute gehören die Kirchgänger zur Initiative Zivilcourage und zum überkonfessionellen Bürgerbündnis „Hoyerswerda hilft mit Herz“, sagt der Pfarrer.

 Johannes Swoboda, Jörg Michel und Matthias Schwarzbach (v.l.) sprechen über die Zeit, als der Erweiterungsbau des King-Hauses entstand.
Johannes Swoboda, Jörg Michel und Matthias Schwarzbach (v.l.) sprechen über die Zeit, als der Erweiterungsbau des King-Hauses entstand. FOTO: Katrin Demczenko

Ein Ehrengast der Veranstaltung, Kirchenbaurat i.R. Johannes Swoboda aus Görlitz, trug Mitverantwortung für die Umsetzung des Erweiterungsbaus am King-Haus. Der Geistliche sprach vom Bauprogramm „Kirchen für neue Städte“, das die Finanzierung sichergestellt hatte. Dass die Arbeiten erst von 1987 bis 1989 stattfinden konnten, obwohl die wachsende Hoyerswerdaer Gemeinde schon in den 1970er-Jahren Bedarf angemeldet hatte, erklärt er mit der Lage der ehemaligen städtischen Friedhofskapelle mitten in der Neustadt.

Matthias Schwarzbach aus Ostritz als weiterer Ehrengast war damals Architekt des Baus und erzählte von ostdeutschen und vier westdeutschen Bauleuten, die zeitweise zusammengearbeitet hatten. Zur Einweihung stand im neuen Kirchsaal nur ein provisorischer Altartisch aus Spanplatten. Johannes Swoboda erinnert sich, die Vertreter der Stadtverwaltung Hoyerswerda zum Einweihungsgottesdienst „sehr kleinlaut“ erlebt zu haben.

Um nicht nur an die besondere Geschichte des King-Hauses, sondern auch an die rasanten gesellschaftlichen Veränderungen bis zur Wiedervereinigung zu erinnern, steht im Foyer der Kirche noch bis zum 20. November die Ausstellung „Von der Friedlichen Revolution zur Wiedervereinigung“ der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Anke Beyer nutzt sie, um ihren Kindern im Teenager-Alter vom Leben in der DDR zu erzählen.