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| 17:40 Uhr

Strukturwandel
Zwischen Spielplatz und Smart City

 Smart City: Effizient, technologisch fortschrittlich, grün und sozial inklusiv, so könnte das Hoyerswerda der Zukunft aussehen.
Smart City: Effizient, technologisch fortschrittlich, grün und sozial inklusiv, so könnte das Hoyerswerda der Zukunft aussehen. FOTO: jamesteohart/shutterstock.com
Hoyerswerda. Hoyerswerda will bei den Strukturwandel-Millionen ein großes Stück vom Kuchen. Die RUNDSCHAU hat Hoyerswerdsche gefragt, was sie wollen. Von Rita Seyfert und Sascha Klein

In diesen Wochen ist die Strukturwandel-Diskussion etwas abgeflacht – wie die Temperaturen. Aber spätestens nach den Sommerferien wird diese Diskussion wieder Fahrt aufnehmen. Niemand will in der Lausitz einen ähnlichen Strukturbruch wie 1990 erleben.

Hoyerswerda – als einstige Wohnstadt des Gaskombinates Schwarze Pumpe – hat diesen Strukturbruch besonders zu spüren bekommen: Tausende Arbeitsplätze brachen weg, Tausende Einwohner zogen weg.

Deshalb hat Hoyerswerda jetzt vorgebaut und äußert sich laut, bevor die Milliarden in den ostdeutschen Kohleländern verteilt sind. Hoyerswerda will Ideen liefern, wo in manchen Absätzen des Abschlussberichts der Kohlekommission bisher nur Schlagwörter zu finden sind. Die Projekte, die Hoyerswerda und seine städtischen Unternehmen auf dem Schirm haben, kosten unglaublich viel Geld. Im Gespräch sind Mittel in Höhe von bis zu 450 Millionen Euro in den kommenden 20 Jahren.

 Gudrun Woite (62) aus Hoyerswerda würde bessere Verkehrsanbindungen und attraktivere Arbeitsplätze schaffen. 	 Fotos: Rita Seyfert
Gudrun Woite (62) aus Hoyerswerda würde bessere Verkehrsanbindungen und attraktivere Arbeitsplätze schaffen. Fotos: Rita Seyfert FOTO: LR / Rita Seyfert
 Gudrun Woite (62) aus Hoyerswerda würde bessere Verkehrsanbindungen und attraktivere Arbeitsplätze schaffen. 	 Fotos: Rita Seyfert
Gudrun Woite (62) aus Hoyerswerda würde bessere Verkehrsanbindungen und attraktivere Arbeitsplätze schaffen. Fotos: Rita Seyfert FOTO: LR / Rita Seyfert

Die städtischen Unternehmen, unter ihnen SWH, VBH, Breitbandgesellschaft, Wohnungsgesellschaft, Lautech und Seenland Klinikum, wollen bei diesem Strukturwandel eher klotzen statt kleckern. Das Ziel: Hoyerswerda soll in Sachen Strukturwandel zum Vorreiter werden. Dabei stehen die Macher der Projekte vor riesengroßen Herausforderungen: Innerhalb der kommenden zehn bis 15 Jahre muss geklärt werden, woher die Stadt Hoyerswerda dann seine Fernwärme bezieht, wenn in Schwarze Pumpe keine Braunkohle mehr verbrannt wird.

Auch das Klinikum will durch den Strukturwandel technisch auf eine ganz neue Stufe gelangen. Und der Großvermieter Wohnungsgesellschaft will Modellprojekte anschieben, damit zum Beispiel Senioren möglichst lange selbstbestimmt in ihren Wohnungen leben können. Doch auch Familien sollen mit modernsten „Smart City“-Lösungen angelockt werden und die Stadt verjüngen. Nicht zuletzt will das Lausitzer Technologiezentrum ein Zentrum für Bauen und Wohnen in der Lausitz etablieren.

 Der ehemalige Hoyerswerdaer Heinz-Dieter Retzlaff (57) aus Königs Wusterhausen würde in eine Forschungseinrichtung investieren.
Der ehemalige Hoyerswerdaer Heinz-Dieter Retzlaff (57) aus Königs Wusterhausen würde in eine Forschungseinrichtung investieren. FOTO: LR / Rita Seyfert
 Der ehemalige Hoyerswerdaer Heinz-Dieter Retzlaff (57) aus Königs Wusterhausen würde in eine Forschungseinrichtung investieren.
Der ehemalige Hoyerswerdaer Heinz-Dieter Retzlaff (57) aus Königs Wusterhausen würde in eine Forschungseinrichtung investieren. FOTO: LR / Rita Seyfert

Eines ist sicher, 450 Millionen Euro sind eine ganze Menge Geld. Die RUNDSCHAU hat sich unter den Hoyerswerdschen umgehört, wo sie am ehesten investieren würden. Während die einen vor Ideen überfließen, sehen die anderen eher schwarz für Hoyerswerdas Zukunft.

Eine Dame Mitte 60, die ihren Namen nicht nennen will, würde keinen Cent mehr in die Stadt stecken. Ihre Kinder wohnen schon seit 20 Jahren im Westen, wie sie erzählt. Wenn sie nicht ihr Haus hier hätte, würde sie auch dorthin zu ihren Enkeln ziehen. „Seien wir doch mal ehrlich“, sagt sie, „die Abiturienten, die wegen des Studiums wegziehen, kommen doch alle nie wieder zurück.“ Mehr noch: „Die Alten sterben weg. Das wird hier bald richtig gruselig.“

Auch Christian Bochynek (65) aus Hoyerswerda sieht den Strukturwandel eher pessimistisch. Aus seiner Sicht sollte man eher die Kohle erhalten und in CO2-freie Kraftwerke investieren. Eine Versuchsanlage in Schwarze Pumpe experimentierte bereits damit, die CO2-Emissionen in die Atmosphäre zu reduzieren. Mit der CCS-Technologie hoffte Vattenfall, die Kohleverstromung langfristig erhalten zu können. 2014 wurde die Versuchsanlage zunächst stillgelegt und später verkauft.

Auch wenn im ersten Halbjahr 2019 laut Handelsblatt erstmals mit Wind, Sonne, Wasser oder Biomasse mehr Strom erzeugt wurde als mit Kohle und Kernenergie zusammen, zweifelt der Hoyerswerdaer weiter daran, dass die Erneuerbaren unseren Bedarf decken können. „Wenn wir unsere Kohle- und Atomkraftwerke schließen, müssen wir die Energie aus Polen und Tschechien beziehen“, fürchtet er und bangt um seine Sicherheit.

Noch etwas mehr Hoffnung hat Heinz-Dieter Retzlaff (57) aus Königs Wusterhausen. Der ehemalige Hoyerswerdsche ist derzeit auf Besuch bei seinem Vater. „Ich würde in Bildung investieren“, sagt er. Denkbar sei auch ein großes Forschungsinstitut, das sich den erneuerbaren Energien widmet. „Das A und O sind aber Arbeitsplätze, um die Menschen langfristig in der Region zu halten“, findet er. Und damit die Leute aus Dresdens Speckgürtel innerhalb einer Stunde in Hoyerswerda sind, würde er eine Autobahn bauen und die Bahnstrecke zwischen Dresden und der Lausitz attraktiver gestalten.

Gudrun Woite (62) aus Hoyerswerda sieht das ähnlich. „Die Verkehrsanbindungen sind sehr wichtig“, sagt sie. Doch auch mehr Spielplätze und ein großer Freizeitpark für alle Generationen wäre toll. Außerdem würde sie mehr produzierende Gewerbe ansiedeln, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen.

 Smart City: Effizient, technologisch fortschrittlich, grün und sozial inklusiv, so könnte das Hoyerswerda der Zukunft aussehen.
Smart City: Effizient, technologisch fortschrittlich, grün und sozial inklusiv, so könnte das Hoyerswerda der Zukunft aussehen. FOTO: jamesteohart/shutterstock.com